Jüdisches Leben heute

Ende der 80er Jahre wur­de die ehemalige Syn­agoge von Ichenhausen im Landkreis Günzburg wieder­eröffnet. Eine Gedenktafel erinnerte an die Geschich­te der jüdischen Gemeinde, zuletzt an die Deportationen der letzten Gemeindemit­glieder: nach Piaski (Polen) am 3. April 1942 (81 Per­sonen), nach Theresienstadt am 8. August 1942 (32 Personen), nach Auschwitz am 8. März 1943 (zehn Per­sonen). Die unterste Zeile, gleichsam der Schlussstrich: „Ende der jüdischen Gemeinde“.

Die Geschichte dieser Gemeinde steht exemplarisch, pars pro toto, für das Schicksal der Jüdinnen und Juden in ganz Europa. Es ist der abgründi­ge Zeitenbruch, die große Leerstelle, die Auslöschung von 6 Millionen Ju­den, ohne die man weder auf „1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland“ zurückblicken noch von einer „Ge­schichte mit Zukunft“ (Angela Merkel) schwärmen kann. Wie könnte man un­beschwert und unbekümmert diese Zu­kunft in Angriff nehmen, wenn es wei­terhin antijüdische Ressentiments gibt, alltäglich neue antisemitische Über­griffe und Gewalttaten! Dabei wissen die wenigsten, wie Michael Blume aus­führt, dass wir dem Semitischen eine jahrtausendealte Tradition der Schrift- Bildung verdanken, das Alphabet als Grundlage von Judentum und Chris­tentum. „Antisemitismus dagegen be­droht uns alle, denn er vergiftet die Her­zen und führt zu hasserfülltem Reali­tätsverlust.“ Da kommen Zweifel auf, ob in der Mitte der Gesellschaft schon angekommen ist, dass auch das Juden­tum „zu Deutschland gehört“.

Es ist zwar ein „unermessliches Glück für unser Land“, so Bundespräsi­dent Frank-Walter Steinmeier, dass es nach der Shoah wieder jüdisches Leben in Deutschland gibt, es „sogar neu auf­blüht“. Der Wiederaufbau jüdischen Ge­meindelebens nach 1945, der „Stunde Null“, war jedoch, wie Uri Kaufmann schreibt, sehr bescheiden und verlief äu­ßerst schleppend. Erst nach 1989 konnte mit den „Kontingentflüchtlingen“ aus der UdSSR die Überalterung jüdischer Ge­meinschaften gestoppt, das Gemeinde­leben revitalisiert werden. Es entstanden jüdisch-christliche Gesprächsformate, und Johannes J. Frühbauer macht dar­auf aufmerksam, dass das facettenreiche jüdische Ethos die moralischen Überzeu­gungen auch anderer Religionen wie sä­kularer Weltanschauungen beeinflussen konnte. Dies wird von Jo Frank am Bei­spiel des jüdischen Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks (ELES) konkretisiert, des­sen Stipendiat*innen sich schon bald am christlich-jüdischen – nach der Grün­dung des muslimischen Avicenna-Stu­dienwerks (2012) auch am jüdisch-mus­limischen – Dialog beteiligt haben.

Doch bis zum Erweis wiedergewon­nener Normalität jüdischen Lebens in Deutschland ist es noch ein weiter Weg. Ein Versuch, vor laufender Kamera mit Jüdinnen und Juden über ihre Identität ins Gespräch zu kommen, ist die erste jüdische Late Night Show in Deutsch­land: „Freitagnacht Jews“ mit Da­niel Donskoy (Deutscher Fernsehpreis in der Kategorie „Beste Comedy/Late Night“). Konzept dieses lockeren Talks zum Shabbat ist unverkennbar, „die ge­genwärtigen Lebenswirklichkeiten von Juden in Deutschland in einem En­tertainment-Format aufzuzeigen, das Vielfalt und Diversität innerhalb der jü­dischen Community zelebriert“ (David Hadda); doch ob sich die Bedeutungs­schwere der gemeinsamen Geschichte komödiantisch abschütteln lässt, mag bezweifelt werden. Sind es hierzulan­de starke deutschnationale Kräfte, die einen Schlussstrich unter die Vergan­genheit setzen wollen, so artikuliert sich in der jüdischen Community, be­sonders in der jüngeren Generation, vermehrt der Wunsch, ohne den Bal­last der Vergangenheit die Gegenwart (er-)leben zu können. Während die Ei­nen die Schuld der Väter (und Mütter) verdrängen, entledigen sich die Ande­ren der Leiden ihrer Vorfahren.

Doch „das Geheimnis der Erlösung ist Erinnerung“ (Baal Schem Tov); denn „wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegen­wart“, so der damalige Bundespräsi­dent Richard von Weizsäcker in seiner Rede vom 8. Mai 1985 vor dem Deut­schen Bundestag. Es sind die Frommen, so von Weizsäcker, Christen wie Juden, die in der Geschichte das Wirken Got­tes erkennen. „Diese Erfahrung schafft Hoffnung, sie schafft Glauben an Er­lösung, an Wiedervereinigung des Ge­trennten, an Versöhnung. Wer sie ver­gisst, verliert den Glauben.“

Auch wenn es in Ichenhausen kein jüdisches Gemeindeleben mehr gibt: als „Haus der Begegnung“ dient die ehe­malige Synagoge heute der jüdisch-christlichen Weggemeinschaft mit dem Ziel, „dem Herrn Schulter an Schulter dienen“ (Zef 3,9).