Titelseite Amosinternational 4/2021

Heft 4/2021Jüdisches Leben in Deutschland - gestern, heute, morgen

Inhalt

Im Jahr 2021 blicken wir zurück auf 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland. Die Beiträge des Heftes beschäftigen sich mit der Geschichte des Judentums in Deutschland nach 1945, dem Zusammenhang von Antisemitismus und Verschwörungsmythen in der Corona-Pandemie, dem jüdischen Ethos und dem jüdisch-muslimischen Dialog. Ein Blick in die Zukunft wird gewagt durch die Perspektive junger Jüdinnen und Juden sowie ein Gespräch zum Zusammenhang von Feiern und Gedenken.

Über diese Ausgabe

Editorial

Schwerpunktthema

  • Plus S. 5

    Jüdisches Ethos im Wandel der Zeiten

    Im Judentum, das sich als ethnische und religiöse Gemeinschaft zugleich versteht, hat sich im Lauf der Jahrtausende ein facettenreiches Ethos herausgebildet, welches die moralischen Überzeugungen anderer Religionen, aber auch säkulare Weltanschauungen mitgeprägt hat. Eine zentrale Säule des jüdischen Ethos ist die Tora, die sich als religiös-ethische Basis verstehen lässt und sowohl auf eine schriftliche Fixierung als auch auf eine mündliche Deutungstradition zurückblickt. Prägend für die Geschichte der Ethik insgesamt ist das im jüdischen Ethos ausgebildete Verständnis von Recht und Gerechtigkeit. Ein verbindendes Element im Ethos zwischen Judentum und Christentum ist die Gottes- und Nächstenliebe, die sich überdies mit Barmherzigkeit verbinden lässt. Und über diese beiden Religionen hinaus formuliert der Dekalog universalisierungsfähige moralische Normen, für die auch die Goldene Regel ein inzwischen häufig zitiertes Beispiel darstellt. Zudem ist das prophetische Ethos mit seiner sozialkritischen Intention eine weitere Komponente, die in andere religiöse Traditionen hineinwirkt. Im Gefolge der jüdischen Aufklärung kommt einer vernunftbasierten Ethik und der modernisierten religiösen Erziehung eine besondere Bedeutung zu. Für den Fortbestand und die Weiterentwicklung des jüdischen Ethos stellen der Pluralismus im Judentum zum einen, neue gesellschaftliche Entwicklungen zum anderen, entsprechende Herausforderungen dar.

  • Plus S. 13

    Jüdisches Leben nach 1945 in DeutschlandEin kritischer Blick

    Nach 1945 befand sich das jüdische Leben in Deutschland in einem Spannungsfeld zwischen dem Bedürfnis, sich weit weg vom mörderischen Europa in Israel oder den USA anzusiedeln und der langsam wachsenden Bereitschaft, sich in die neue Gesellschaft zu integrieren. Überlebende der Schoah mussten sich aus dem Nichts eine wirtschaftliche Existenz aufbauen, jüdische Institutionen entstanden und die deutsche Politik wollte die Zugehörigkeit der jungen Bundesrepublik zur westlichen Staaten- und Wertegemeinschaft durch die Präsenz einer jüdischen Gemeinschaft unter Beweis stellen. So etablierte sich ein jüdisches Leben, das durch landsmannschaftliche Vielfalt und einen Pluralismus der jüdischen Gemeinschaft gekennzeichnet ist. Die wichtigsten Aufgaben gegenwärtig sind, die heranwachsende junge Generation bei den Gemeinden zu halten und mitzuhelfen, judenfeindliche Hetze abzuwehren.

  • Plus S. 20

    Antisemitismus tötetVerschwörungsmythen in Pandemie und Klimakrise

    Die Leistung des mythologischen Sem, dem es nicht um Sprache oder Rasse, sondern um Schrift geht, ist ein hohes Gut. Schrift ermöglicht eine Reflexion des Wirkens Gottes am Menschen sowie eine respektvolle Würdigung anderer Völker und Kulturen. Da Schrift mit Bildung verknüpft ist, entwickelte das Judentum ein hohes geistiges Niveau, wogegen Neid, Hass und Verschwörungsfantasien aufkamen. Aus der Antike heraus schwappten zunächst antijüdische, dann rassistisch-antisemitische Überlieferungen in das frühe Christentum, den Islam, die Aufklärung und sogar in die modernen Wissenschaften. Auch heutzutage entwickeln Antisemiten Verschwörungsmythen, die immer weitere Gruppen als vermeintliche Mitverschwörer angreifen.

  • Plus S. 25

    Perspektiven im jüdisch-muslimischen Gespräch

    Es ist ein best-practice Beispiel für jüdisch-muslimischen Dialog in Deutschland und darüber hinaus: Die Kooperation zwischen Stipendiat*innen des jüdischen Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks (ELES) und des muslimischen Avicenna-Studienwerks. Bei ihrem Dialog miteinander und mit anderen geht es den jungen Menschen nicht um das oberflächliche Entdecken von Gemeinsamkeiten oder „Begegnungskitsch“, sondern um die Thematisierung und Aufarbeitung von Differenzen, durch die ein fruchtbares Miteinander möglich wird. Dazu gehört auch, andere Narrative auszuhalten und – gemeinsam – neue Narrative zu entwickeln. Ziel des Dialogs ist, gemeinsam eine plurale Gesellschaft zu prägen und zu gestalten. Die größten Herausforderungen dabei stellen Antisemitismus und muslimischer Rassismus dar.

Arts & ethics

  • Gratis S. 28

    „Wrapped 1“

    „Wrapped 1“

    Anke Lieb-Kadge: „Wrapped 1“

Interview

  • Gratis S. 34

    „Meine Generation möchte aus der Opferrolle raus.“

    Sie ist die Stimme einer ganzen Generation Jüdinnen und Juden in Deutschland: Anna Staroselski ist Präsidentin der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD). Amosinternational hat mit ihr über Hoffnungen und Ängste junger Jüdinnen und Juden gesprochen. Dabei stehen die Erfahrungen mit Antisemitismus auf der einen Seite, der Wunsch, fester Bestandteil der Gesellschaft zu sein, auf der anderen Seite. Im Interview spricht Anna Staroselski darüber, was sie sich von Politik, Schulen sowie Zivilgesellschaft erwartet und warum sie sich ein ehrliches Interesse der Gesellschaft für die jüdische Community in alle ihren Facetten wünscht.

  • Gratis S. 37

    Schalom und Alaaf„Karneval feiern und Gedenken schließen sich nicht aus.“

    Jüdische Kultur und Traditionen in Deutschland waren nach 1945 fast vollständig verschwunden. In vielen Bereichen blieben sie verloren, in anderen blühten sie wieder auf – wie in dem weltweit einzigen jüdischen Karnevalsverein „Kölsche Kippa Köpp“. Der 2017 gegründete Verein aus Köln verbindet karnevalistische und jüdische Tradition. Amosinternational hat mit dem Gründer und Präsidenten des Vereins, Aaron Knappstein, darüber gesprochen, warum Feiern und Gedenken durchaus zusammengehören und warum er nicht von „Normalität“ sprechen kann, solange die Veranstaltung „Falafel und Kölsch“ mit Polizeischutz stattfinden muss.

Beitrag

  • Gratis S. 42

    Bitcoins & Co.Sozialethische Herausforderungen alternativer Wirtschaftskonzepte

    Bitcoins und andere Kryptowährungen, die ausschließlich digital genutzt werden und keine physische Entsprechung haben, sind als Teil einer sogenannten „Alternativen Ökonomie“ höchst spekulativ und vielleicht gerade deswegen unerwartet attraktiv. Sie locken mit lukrativen Renditechancen, zeichnen sich durch hohe Kursschwankungen aus und bergen das Risiko eines totalen Geldverlusts. Der vorliegende Beitrag versucht eine sozialethische Einordnung von Bitcoins anhand der Kriterien Personalität, Solidarität, Gemeinwohl, Subsidiarität und Nachhaltigkeit. Dabei wird der Versuch unternommen, die konstatierten Vor- und Nachteile nicht gegeneinander auszuspielen, sondern im Zuge einer Güterabwägung differenziert darzustellen.

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