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Im Judentum, das sich als ethnische und religiöse Gemeinschaft zugleich versteht, hat sich im Lauf der Jahrtausende ein facettenreiches Ethos herausgebildet, welches die moralischen Überzeugungen anderer Religionen, aber auch säkulare Weltanschauungen mitgeprägt hat. Eine zentrale Säule des jüdischen Ethos ist die Tora, die sich als religiös-ethische Basis verstehen lässt und sowohl auf eine schriftliche Fixierung als auch auf eine mündliche Deutungstradition zurückblickt. Prägend für die Geschichte der Ethik insgesamt ist das im jüdischen Ethos ausgebildete Verständnis von Recht und Gerechtigkeit. Ein verbindendes Element im Ethos zwischen Judentum und Christentum ist die Gottes- und Nächstenliebe, die sich überdies mit Barmherzigkeit verbinden lässt. Und über diese beiden Religionen hinaus formuliert der Dekalog universalisierungsfähige moralische Normen, für die auch die Goldene Regel ein inzwischen häufig zitiertes Beispiel darstellt. Zudem ist das prophetische Ethos mit seiner sozialkritischen Intention eine weitere Komponente, die in andere religiöse Traditionen hineinwirkt. Im Gefolge der jüdischen Aufklärung kommt einer vernunftbasierten Ethik und der modernisierten religiösen Erziehung eine besondere Bedeutung zu. Für den Fortbestand und die Weiterentwicklung des jüdischen Ethos stellen der Pluralismus im Judentum zum einen, neue gesellschaftliche Entwicklungen zum anderen, entsprechende Herausforderungen dar. Von Johannes Frühbauer