Lamberty, Pia/Nocun, Katharina: Fake Facts. Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen, Köln: Quadriga Verlag 2020, 348 S., ISBN 978-3-7325-8651-6
Verschwörungstheorien in mannigfaltigen Ausprägungen begegnen uns nicht erst seit dem Beginn der Corona-Pandemie, sondern sind – wie die Psychologin Pia Lamberty und die Ökonomin und Bürgerrechtlerin Katharina Nocun in ihrem gemeinsamen Werk verdeutlichen – ein Phänomen, das Gesellschaften schon seit Jahrhunderten immer wieder begleitet, wenn auch unter anderen Bezeichnungen.
In die Thematik steigen die beiden Autorinnen ein, indem sie die kommerziellen Aspekte von Netzwerktreffen für Anhänger von Verschwörungserzählungen beschreiben. Bei solchen Treffen findet eine Indoktrination in einem angenehmen Ambiente statt, in dem sich ideologische Thesen widerspruchslos verbreiten lassen. Dieser Befund wirft eine Fülle an weitergehenden Fragen auf, wie z. B. die nach der Motivation der Personen, sich mit derlei Themen zu befassen oder was die Ursachen für eine solche Entwicklung sein können. Bisherige wissenschaftliche Publikationen zu Verschwörungsglauben und -erzählungen haben es nicht geschafft, die in ihnen erarbeiteten Erkenntnisse in einen öffentlichen Diskurs zu tragen. Auf der Grundlage psychologischer Analysen will das Buch diese Lücke schließen.
Einleitend haben die beiden Autorinnen einen Fragenkatalog zusammengestellt, der es ermöglicht, durch die Beantwortung von Fragen aus typischen Feldern von Verschwörungserzählungen die eigene Haltung dazu abzufragen. Daran anschließend wird die zentrale Frage formuliert, was wissenschaftlich gesichert unter einer Verschwörungserzählung verstanden werden kann. Folgende Eigenschaften gelten als charakteristische Merkmale:
Der Glaube, dass Ereignisse im Geheimen gesteuert werden und es sich dabei um bedeutende Gegebenheiten handelt, diese Ereignisse einen kollektiven Charakter besitzen, dem man sich nicht entziehen kann.
Die Überzeugung, dass eine spezifische Gruppe besondere Absichten mit ihrer Verschwörung verfolgt, die der Gesellschaft schaden und einem selbst – als jemand, der über dieses exklusive Wissen verfüge – die Aufgabe zukomme, andere Menschen von der Verschwörung zu unterrichten.
Ferner verweisen die Autorinnen darauf, dass sich der Begriff „Verschwörungstheorie“ mittlerweile etabliert habe, aber eigentlich unscharf sei bzw. sogar zur Fehlinterpretation einlade, da er die Vorstellung von Gedankenkonstrukten evoziere, denen eine wissenschaftliche Logik zu eigen sei. Das Gegenteil ist jedoch der Fall, weshalb sie den Begriff „Verschwörungserzählungen“ bevorzugen.
Das Buch ist in 14 Kapitel aufgeteilt; in den ersten drei Kapiteln werden neben den beschriebenen terminologischen Grundlagen die gesellschaftspolitischen und historischen Kontexte erläutert, die den Nährboden für Verschwörungserzählungen bereiteten und uns ihr gegenwärtiges Aufkommen besser verstehen lassen. Die darauffolgenden Kapitel beschreiben jeweils beispielhaft eine Facette der Art und Weise, wie Verschwörungserzählungen aufgebaut werden, welche Inhalte sie zum Gegenstand haben und wie sie ihre Verbreitung organisieren. Das Themenspektrum reicht von Klimamythen über die Funktion von Verschwörungserzählungen in rechtsextremen Kreisen bis hin zum aktuellen Hintergrund einer globalen Pandemie. Insbesondere die beiden letztgenannten Felder verdeutlichen besonders, dass eine Verschwörungserzählung wie ein Radikalisierungsbeschleuniger wirkt, bei dem es in letzter Konsequenz zur Gefährdung des Lebens anderer kommen kann – oft mit tödlichem Ausgang. Ein anderes Beispiel verdeutlicht, dass Rechtsextreme Verschwörungserzählungen gezielt nutzen, um nach einem klaren Schwarz-Weiß- Denken die Gesellschaft in Gut und Böse aufzuteilen und so ihr Handeln durch Gewalt als reine Notwehr gegen das Böse zu legitimieren.
Im letzten Kapitel des Buches wird die Frage zum Umgang mit Menschen, die an Verschwörungserzählungen glauben, aufgeworfen. Zentral ist dabei, dass sich jede und jeder bei der geringsten Vermutung, es könne sich um eine Verschwörungserzählung handeln, umgehend einbringen und die Aussage keineswegs stillschweigend hinnehmen soll. Vor allem die Bedeutung des unmittelbaren Lebensumfelds ist hier entscheidend, denn dieses kann noch am ehesten einen Zugang zu Verschwörungserzähler*innen finden. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, sich bei diesem Vorgehen Verbündete zu suchen.
Insgesamt kann dieses Buch als eine Art Grundlagenwerk zum Thema Verschwörungserzählungen betrachtet werden, das schrittweise den*die Leser*in in deren Komplexität und Radikalität einführt und ihre Brisanz mit lebenswirklichen Beispielen deutlich herausarbeitet. Als Leserin wäre – statt der Vielzahl an Themen mit Bezug zu Verschwörungstheorien mit allen Facetten dieser Entwicklung – lieber eine tiefergehende Analyse an anderen Stellen wünschenswert gewesen. Das hätte einen etwas weniger gedrängten Lesefluss ermöglicht. Dennoch ist das Bemühen um eine möglichst differenzierte Betrachtung zum Thema der Verschwörungstheorien zum aktuellen Stand der Diskussionen zu begrüßen und bietet eine gute Grundlage auch für eine sozialethische Reflektion.
Cassandra Speer, Lünen