Umweltethik

Vogt, Markus: Christliche Umweltethik. Grundlagen und zentrale Herausforde­rungen, Freiburg im Breisgau: Herder 2021, 782 S., ISBN 978-3-451-39110-1

Der Münchener Sozialethiker Markus Vogt legt mit diesem Buch eine Synthese seiner langjährigen Forschungsarbeit zur Umweltethik vor. Der voluminöse Band ist in vier Teile mit insgesamt 22 Kapi­teln gegliedert. Die Kapitel werden leser­freundlich jeweils mit einer kurzen Zu­sammenfassung eingeleitet, die über ih­re zentralen Anliegen informiert, so dass eilige Leser lediglich auf ausgewählte Ka­pitel zurückgreifen können. Ein sehr aus­führliches Literaturverzeichnis (S. 705– 779) rundet den Band ab.

Im ersten Teil wird umfassend in Grundlagenfragen der Umweltethik ein­geführt und die Auswahl des Buchtitels etwa in Abgrenzung zu „ökologischer Ethik“ begründet. Ausgangspunkt ist, dass Umweltethik „im Konflikt mit den Leit­werten und Systemlogiken der spätmo­dernen Gesellschaft“ (S. 20) steht. Vogt weist auf die erheblichen Ungleichzeitig­keiten und die Heterogenität (systemkri­tisch versus wertkonservativ) umweltethi­scher Ansätze und Umweltbewegungen hin. Die Rolle einer Christlichen Umwelt­ethik nach innen (biblisch-theologische Anknüpfung, kirchliche Semantik, kirch­liche Akteure) wie nach außen (rationale Argumentationsweise, interdisziplinärer wissenschaftlicher Diskurs, säkulare Öf­fentlichkeit) wird verdeutlicht. Die zentra­len Umweltprobleme (Klima, Müll, Biodi­versität, Artenschutz) werden geschildert. Ausführlich geht Vogt auf die aktuelle An­thropozän-Debatte ein. Dabei bleibt of­fen, ob diese einen bedeutsamen Beitrag zu aktuellen und konkreten umweltver­bessernden Handlungen bieten kann. Er­folge und Grenzen der Umweltpolitik in Deutschland werden geschildert. Es wird verdeutlicht, dass die Umweltpolitik der Vergangenheit (z. B. in der Reinhaltung der Flüsse, Müllrecycling) durchaus erheb­liche Verbesserungen der Umweltqualität aufzuweisen hat. Dabei wird aber darauf hingewiesen, dass Deutschland durch Ex­porte (z. B. Müll) und Importe (z. B. durch Futtermittel und Rohstoffe sowie ener­gieintensive Vorlieferungen) seinen Zu­griff auf natürliche Ressourcen über den nationalen Kontext (Externalisierung) hinaus erheblich erweitert. Es stellt sich aber die Frage, ob mit der soziologischen Externalisierungsthese nicht wieder alte Diskurse über die „Ausbeutung“ der „Drit­ten Welt“ der 68er-Bewegung im neuen Gewand präsentiert werden, denen Nell-Breuning bereits vor 50 Jahren entgegen­gehalten hatte, dass die deutschen Arbei­ter ihre Autos selbst gebaut und nicht „Af­rikanern aus dem Regenwald gestohlen“ hätten.

Vogt behandelt Ansätze, die wirt­schaftliches Wachstum des Bruttoin­landsprodukts als zentralem Indikator des ökonomischen und sozialen Erfolgs eines Landes zumindest relativieren, möglichst aber ganz ablösen wollen. Fortschritt darf nicht mehr als Wirtschaftswachstum ge­messen werden, weil – wie der Vf. mehr­fach im Buch betont - es bisher kein em­pirisches Beispiel dafür gibt, dass das an­haltende Wirtschaftswachstum zugleich mit einer absoluten Minderung der In­anspruchnahme natürlicher Ressourcen einherging. Es hat bisher nur relative Ent­koppelungen gegeben, z. B. dass eine Ein­heit des Bruttoinlandsprodukts mit sin­kendem Energieeinsatz produziert wur­de. Dies ist auch auf Rebound-Effekte zurückzuführen. Daher wird auf die Al­ternative einer Postwachstumsökonomie (Paech) hingewiesen. Der zweite Teil behandelt theologische und kirchliche Zugänge. Dazu wird zu­nächst auf die biblischen Grundlagen, vor allem auch auf die einschlägigen Stellen in den beiden Schöpfungserzählungen, eingegangen. Das Verhältnis von Theolo­gie und Naturwissenschaften wird näher entfaltet, wobei z. B. eine kritische Aus­einandersetzung mit den in eher funda­mentalistischen christlichen Kreisen ver­breiten Positionen des Kreationismus und Intelligent Design geführt wird. Außerdem wird die Entwicklung der kirchlichen So­zialverkündigung und ihr verspäteter Zu­gang zur Umweltthematik geschildert, wobei die Deutsche Bischofskonferenz im katholischen Raum noch eine gewisse Vorreiterrolle eingenommen hat. Ein be­sonderes Kapitel wird der ersten Umwelt­enzyklika „Laudato Si’“ von Papst Fran­ziskus gewidmet. Diese wird sehr positiv gewürdigt. Dass Vogt auch gewisse Kri­tikpunkte an der Enzyklika hat, kann man leider nur indirekt aus anderen Kapiteln des Bandes erschließen, wenn er im Ge­gensatz zum Papst etwa Emissionszertifi­kate nicht grundsätzlich ablehnt, die vom Papst abgetane weltweite Bevölkerungs­entwicklung differenziert behandelt und auf die vom Papst ausgeblendete Gender­perspektive hinweist. Während beim Papst „nachhaltig“ nur als Adjektiv vorkommt, möchte Vogt „Nachhaltigkeit“ als eigenes Sozialprinzip verankern. Positiv ist hervor­zuheben, dass sich ein Kapitel ausdrück­lich auch ökumenischen und interreligiö­sen Ansätzen der Umweltethik widmet.

Der dritte Teil betrifft den systema­tisch-theoretischen Zugang zur Umwelt­ethik. Dort werden Fragen der Begrün­dung des Umweltschutzes, die um die Anthropozentrismus-Debatte kreisen, be­handelt. Ebenso werden andere Schlüs­selbegriffe der umweltethischen Diskus­sion wie der Nachhaltigkeitsbegriff ver­tieft und versucht, diese zu konkretisieren.

Zentrale normative Fragen werden unter dem Konzept der Ressourcenge­rechtigkeit thematisiert, wobei ein men­schenrechtlicher Zugang gesucht wird. Besonders wird auch auf Themen der intergenerationellen Gerechtigkeit ein­gegangen, die komplexe normative Fra­gen aufwerfen, etwa, ob es zukünfti­gen Generationen bessergehen sollte, auf wie viele zukünftige Generationen Zukunftsverantwortung sich sinnvoller Weise beziehen kann, ob man eher op­timistisch hinsichtlich des technischen Fortschritts sein darf oder nach Hans Jo­nas einer „Heuristik der Furcht“ folgen soll. Ob die emotionale Einstellung von Großeltern und Eltern, dass es ihren Kin­dern bzw. Enkeln mal bessergehen soll als ihnen, auch ein normativ gebotenes Pos­tulat der gesellschaftlichen Strukturethik sein sollte, wird aber nicht eingehend dis­kutiert, sondern lediglich auf die Auffas­sung des Philosophen Birnbacher hinge­wiesen, der diese Position vertritt.

Ebenso spielen Probleme der Risiko­abschätzung und des ethisch verantwort­lichen Umgangs mit Risiken eine Rol­le. Zurecht wird darauf verwiesen, dass menschliches Leben ohne Risiken nicht denkbar ist. Daher darf man neue risiko­behaftete Techniken nicht grundsätzlich verwerfen. Entsprechend lehnt Vogt ei­ne Technikfeindlichkeit ab, wie sie et­wa bei manchen Kritikern der Grünen Gentechnik zu finden ist. Auch wird be­gründet, weshalb Tierethik als Teil der Umweltethik anzusehen ist und welche verschiedenartigen Tierschutzprobleme (Tierversuche, Massentierhaltung, Aus­rottung von Wildtieren etc.) bestehen.

Im vierten Teil geht Vogt auf ausge­wählte Handlungsfelder ein. Dazu wer­den zunächst die Weltentwicklungszie­le (SDGs) der UN für das Jahr 2030 kri­tisch betrachtet. Hier besteht nach Vogt die Gefahr, dass ökonomische Ziele zu Lasten von Klima und Umwelt überge­wichtet werden. Weiterhin wird das Pa­riser Klimaabkommen von 2015 aufge­griffen. Anschließend wird die deutsche Energiewende (Ausstieg aus der Kern­energie, erneuerbare Energien) behan­delt. Außerdem wird auf die Bioökono­mieforschung als Zukunftsversprechen eingegangen. Bioökonomen streben ei­ne nachhaltige Kreislaufwirtschaft ohne gravierenden Konsumverzicht, vor allem durch neue technische Möglichkeiten, an.

Dem Konflikt zwischen dem welt­weiten Bevölkerungswachstum und der Lösung ökologischer Probleme wird er­freulicherweise ein eigenes Kapitel ge­widmet. Im katholischen Kontext waren Bevölkerungsfragen lange ein wesentli­ches Hindernis, sich überhaupt adäquat mit ökologischen Fragen auseinanderzu­setzen. Abschließend wird ausgiebig auf den Konsum und die notwendige Ände­rung des Konsumverhaltens eingegan­gen. Dabei muss Vogt einräumen, dass es in Deutschland bisher keinen grund­legenden Wandel des Konsumverhaltens angesichts der ökologischen Herausfor­derungen gegeben hat.

Im 22. und letzten Kapitel greift er die Notwendigkeit und Möglichkeiten nachhaltiger Bildung auf. Leider gibt es kaum einen Bereich, in dem die Diskre­panz zwischen kognitivem Wissen über notwendige Verhaltensänderungen und tatsächlichem Verhalten breiter Bevöl­kerungskreise so gravierend ist.

Vogt legt mit diesem Band eine ein­drucksvolle und differenzierte Studie vor, die sich sowohl in theologischer Hinsicht durch exegetische und theologisch-sys­tematische Überlegungen als auch in phi­losophischer Hinsicht durch erkenntnis-und wissenschaftstheoretische Reflexion auszeichnet. Darüber hinaus profiliert sie sich durch sozialphilosophische Aus­einandersetzungen und hebt sich durch tiefgehende Sachkenntnis einzelwissen­schaftlicher Analysen einer Vielzahl von Problembereichen hervor. Es handelt sich daher um ein für eine christliche Um­weltethik unverzichtbares Grundlagen­werk an dem niemand vorbeikommt, der sich in Zukunft im Kontext der christ­lichen Sozialethik mit umweltethischen Fragen in Lehre und Forschung auseinan­dersetzen will. Trotz des Umfangs von 700 Seiten bleiben gewisse Desiderate, die hier angedeutet werden sollen:

Für eine angewandte Sozialethik gibt es zwei Kernprobleme, die zusammen­hängen. Das erste Problem ist, wie nahe man an politischen Entscheidungspro­zessen orientiert ist und ob man eher grundsätzliche normative Positionen for­muliert oder pragmatische Verbesserun­gen anstrebt. Das zweite Problem ist, ob und wie konkret man sich über normati­ve Formulierungen hinaus mit den klein­teiligen Instrumenten der Zielerreichung auseinandersetzt. Vogt behandelt globa­le Umweltprobleme wie den Klimaschutz aus menschenrechtlicher Perspektive und nicht – wie etwa Rawls – globale Fragen als Interaktion staatlicher Akteure. Die philosophische Diskussion über globale Fragen hat sich in den letzten Jahren von kosmopolitischen Weltgesellschaftsver­trägen wegbewegt und zur Analyse der Interaktion von Staaten hinbewegt, um einen höheren Realitätsbezug zu erhal­ten. Die beiden weltpolitischen wichtigs­ten Akteure China und USA lehnen Men­schenrechte – China individuelle Frei­heitsrechte und USA sozial-kulturelle Rechte – ab. Für den Klimawandel stellt sich die Frage, ob es – trotz solcher fun­damentaler weltanschaulicher Gegen­sätze – zwischen diesen beiden Haupte­mittenten (und darüber hinaus) partielle Verständigungen zur weltweiten Emis­sionsminderung geben könnte. Auch im Ost-West-Zeitalter wurde die Gefähr­dung des globalen Gemeinwohls durch einen Atomkrieg abgewendet, ohne dass der Westen und der Sowjetblock einen Konsens über Demokratie und Menschen­rechte erzielt hatten.

Mit der Frage von Politiknähe und Realpolitik hängt weiterhin zusammen, wie konkret man sich auf Instrumente der Umweltpolitik und ihre Implementa­tion in die vor allem ökonomische Rea­lität einlässt. Vogt beschwört zwar In­terdisziplinarität, setzt sich aber nicht detailliert mit der herkömmlichen und sehr breiten umweltökonomischen For­schung auf weltweiter, europäischer, na­tionaler und betrieblicher Ebene ausein­ander. Gerade die Coronakrise, die noch zur Erreichung der deutschen CO2-Re­duktionsziele für das Jahr 2020 geführt hat, zeigt die sozialen Verwerfungen und Verteilungskonflikte, die durch die ho­he Staatsverschuldung weitgehend in die Zukunft verschoben wurden. Durch Arbeitsplatzverluste, Einkommenseinbu­ßen, Mehrkosten etc. können alle weiter­gehenden Maßnahmen des Klimaschut­zes tiefgreifende soziale Schieflagen wie die bereits hohen Kosten erneuerbarer Energien für Hartz IV-Haushalte auslö­sen. Für Vogt liegt bei Umweltproble­men „Marktversagen“ vor, obwohl, nach den ordnungspolitischen Vorstellungen der Sozialen Marktwirtschaft, die Um­welt ein „öffentliches Gut“ ist, so dass bei der Schädigung der Natur Staats- oder Politikversagen vorliegt, indem Schad­stoffausstoß nicht verboten, durch Emis­sionszertifikate begrenzt oder durch Um­weltsteuern verteuert wird.

Joachim Wiemeyer, Bochum