Das Selfie dient zur Selbstvergewisserung und –verortung, und darüber hinaus, gepostet in den Sozialen Medien, als Porträt der sozialen Teilnahme. Ist das tatsächlich so? Das Bild „Hiding 1“ von Anke Lieb-Kadge zeigt die Halbfigur einer jungen blonden Frau in Frontalansicht, die sich in ihrem großen grauen Strickpullover vor den Blicken des Betrachters zu verstecken scheint. Den weiten Rollkragen hat sie bis über Kinn und Nase gezogen, so dass nur noch Augen- und Stirnpartie zu sehen sind. Der Ausdruck der von der Körperhaltung, Gestik und dem Blick der Frau ausgeht, ist verschreckt, ängstlich, ja fast verzweifelt. Die Szene wirkt so, als wolle die Abgebildete lieber vollständig in ihrem Pullover verschwinden, um so den Blicken nicht mehr ausgesetzt sein zu müssen. Andererseits weist die herausfordernde Intensität ihres Blicks aber auch daraufhin, dass sie selbst bei diesem Akt des Versteckens wahrgenommen werden will. Es ist dieses Dilemma zwischen Selbstdarstellung, Privatsphäre, Voyeurismus und Ausgeliefertsein, in das sich die Menschen in den Sozialen Medien begeben. Ein vollständiges Verstecken oder Abtauchen wird zur Unmöglichkeit, gleichzeitig verbleibt die ersehnte soziale Anteilnahme oft nur an der digitalen Oberfläche.
Anke Lieb-Kadge
(* 1964 in Krefeld), lebt und arbeitet als Künstlerin und Designerin in Düsseldorf. Sie studierte Kunst an der Düsseldorfer Kunstakademie bei Prof. Dieter Krieg und Prof. Fritz Schwegler, bei dem sie 1989 als Meisterschülerin abschloss. Von 1989 bis 1992 absolvierte sie ein Studium in Kommunikationsdesign an der Fachhochschule Düsseldorf mit Diplomabschluss. Ab dann erfolgte eine mehrjährige Tätigkeit als Art Director in Düsseldorfer Werbeagenturen wie stöhr scheer und BBDO, seit 2002 als Creative Director bei DDB. Ausstellungen u. a.: 1987: „Hammerschlag“, Wuppertal; 1993: „tot – eine Kampagne“ (Diplomausstellung), Düsseldorf; 2011: „100 Tage Kunst“, Düsseldorf; 2012: Referentin beim Kunst-Dinner „von Frauen für Frauen“, NRW-Forum Düsseldorf.
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