Ingeborg G. Gabriel: Ethik des Politischen. Grundlagen – Prinzipien – Konkretionen, Würzburg: Echter 2021, 284 S., ISBN 978-3-429-05377-2
Der Aufbau humaner Strukturen in globaler Perspektive ist für das Projekt des Politischen das zentrale Ziel. Entgegen jenen Erwartungen, die die Akzeptanz und Durchsetzung von Menschenrechten und Demokratie als gleichsam teleologischen Prozess antizipierten, scheint der Konnex zwischen Politik und Demokratie in letzter Zeit seine Plausibilität allmählich einzubüßen beziehungsweise – vorsichtiger formuliert – vermehrt Anfragen gegenüberzustehen. Vor diesem Hintergrund ist zu begrüßen, dass die vor kurzem emeritierte Wiener Sozialethikerin Ingeborg G. Gabriel das Projekt einer Ethik des Politischen in einem übersichtlichen Band vorstellt und um wertvolle Anregungen bereichert. Wie die Verfasserin im Vorwort bemerkt, war das Buch ursprünglich als Aufsatzsammlung geplant, doch habe sich bald gezeigt, „dass sich die Weltlage innerhalb des letzten Jahrzehnts geändert hat und die Gegenwart vor neue Fragen stellt“, sodass „[d]ie vorhandenen Artikel […] gründlich überarbeitet, sowie durch neue Arbeiten ergänzt“ wurden (S. 5).
Gegliedert ist der Band in drei Teile, die bereits im Untertitel ihren Niederschlag finden. Im ersten Teil stellt Gabriel in sieben Kapiteln die „drei grundlegenden politischen Institutionen der liberalen Moderne“ (S. 22) vor, nämlich Menschenrechte, Demokratie und Nation, ergänzt durch exkursartige Überlegungen zu Themen wie dem Verhältnis zwischen katholischer Kirche und Demokratie oder jenem zwischen Politik und Religion. Der zweite Teil des Bandes widmet sich ganz in der Tradition der christlichen Sozialethik den Prinzipien einer Ethik des Politischen. Schließlich erfolgt im dritten Teil eine Konkretion anhand der drei Themenkomplexe Migration, Terrorprävention und Welternährung, welche die Verfasserin als exemplarische und zum Weiterdenken anregende Ausführungen verstanden wissen möchte.
Schon im Aufbau des ersten Hauptteils ist jene Dialektik von universalem Anspruch und partikularer Verwirklichung sozialethischer Ambitionen erkennbar, die in Gabriels Ausführungen stets im Hintergrund steht. Die Verbindung zwischen struktur- und individualethischer Komponente, die die Verfasserin einleitend angemahnt hatte (S. 29–31), wird jedoch erst in den folgenden beiden Teilen eingelöst. Im zweiten Hauptteil nimmt Gabriel eine Modifikation der als klassisch zu geltenden Prinzipienheuristik der christlichen Sozialethik (Person, Solidarität, Gemeinwohl und Subsidiarität) vor. Das in den letzten Jahren immer dringlicher werdende Prinzip der Nachhaltigkeit sowie das neu vorgeschlagene Prinzip der Versöhnung stellen überzeugende und bedenkenswerte Ergänzungen dar. Die Auslassung des Subsidiaritätsprinzips indes wäre über die bloße Feststellung hinaus, dass es „[n]icht behandelt wird“ (S. 146), zumindest rechtfertigungsbedürftig gewesen, da es sich gerade für das für Gabriel so wichtige Verhältnis zwischen Universalität und Partikularität hätte fruchtbar machen lassen.
Die Beispiele für die Konkretionen im dritten Teil sind gut gewählt worden. Hier überzeugen insbesondere die Überlegungen zur Migration, anhand derer Gabriel, einige Fäden aus dem Band zusammenführend, das Paradigma eines „iterativen Universalismus“ entwickelt (S. 216–222), das die „Grenzen des sozial und politisch Machbaren“ (S. 221) anerkennt, ohne „die humanistischen Prämissen der Aufklärung […] aufgrund ihrer niemals vollen Realisierung zu entsorgen“ (S. 217). Davon abgesehen erfolgen die Konkretionen jedoch überwiegend unabhängig von den zuvor entfalteten Grundlagen und Prinzipien. Dies untermauert einen Eindruck, der sich auch im ersten Teil stark einstellt: Der Band oszilliert eigentümlich zwischen Aufsatzsammlung und einführendem Überblickswerk, da die einzelnen Kapitel weniger eine stringente Argumentation entwickeln, als dass sie vielmehr in gewisser Weise in sich selber ruhen und durch keinerlei übergreifenden Zwischenreflexionen oder Zusammenfassungen miteinander verzahnt werden. Symptomatisch-illustrierend ist für diesen Eindruck die beispielhafte Beobachtung, dass auf S. 166 noch auf die „Titelfrage“ der ursprünglichen Veröffentlichung („Ist das Gemeinwohl überholt?“) statt auf jene des nun vorliegenden Kapitels („Das Gemeinwohl und seine politische Aktualität“) Bezug genommen wird. Darüber hinaus sticht den Lesenden in Anbetracht des Aktualitätsbezugs einer Ethik des Politischen, den Gabriel weitestgehend gelingend einlöst, das Fehlen der wohl virulentesten Herausforderung der letzten Jahre ins Auge, nämlich der Coronapandemie, die in diesem Band abgesehen von einer kurzen Erwähnung am Rande (S. 182) unberücksichtigt bleibt.
Ungeachtet dieser Anfragen, stellt Gabriels Band eine gut lesbare Einführung in Schwerpunkte der politischen Ethik dar, die zum Weiterdenken und -arbeiten anregt. Ein Personenregister erleichtert die Orientierung, wobei zusätzlich ein Sachregister wünschenswert gewesen wäre. Fehler und Uneinheitlichkeiten im Text, insbesondere aber Schwächen in der Kommasetzung, beeinträchtigen den Lesefluss.
Tobias Schmitz, Bochum