Herzog, Lisa: Die Erfindung des Marktes. Smith, Hegel und die Politische Philosophie, WBG ACADEMIC: Darmstadt 2020, 288 S., ISBN 978–3-534-27164-1
Lisa Herzog füllt mit ihrer Studie eine Leerstelle: Ein Vergleich der Marktbegriffe von Adam Smith und Gottfried Wilhelm Hegel stand bis zur Veröffentlichung ihrer im Original in Englisch verfassten, 2013 veröffentlichten Arbeit aus. Das mag verwundern, stehen Smith und Hegel doch in gewisser Weise für zwei „Prototypen“ (S. 251) von Vorstellungen dazu, was „der Markt“ eigentlich sei und welche normativen Fragen sich daraus ergäben, die bis heute das Nachdenken über Märkte in deskriptiver und normativer Hinsicht prägen; das macht Herzog selbst deutlich: Smith stehe für eine klassische liberale Auffassung dafür, dass der Markt Probleme löse, Hegel dahingegen für die Position, dass der Markt Probleme schaffe (vgl. S. 107). Sie sieht Hegel dabei in der Nähe kommunitaristischer Positionen – oder einer „(nichtkommunistischen) Linken“ (S. 251) –, eine Feststellung, die durchblicken lässt, dass es ihr nicht vornehmlich um eine ökonomische Sicht auf den Markt geht, sondern um eine philosophische. Dass Hegel und Smith dabei Bilder davon prägen, was der Markt sei, die bis heute, etwa auch in den unterschiedlichen Vorstellungen liberaler oder konservativer Politik einerseits und linker Politik andererseits prägend seien, stellt sie dabei explizit fest (passim). Von daher liegt es nahe, beide als exemplarisch für zwei Pole aufzufassen, zwischen denen sich das Nachdenken darüber, was Märkte seien, grundsätzlich aufspannt. Warum ein solches Nachdenken sinnvoll ist, lässt sich mit Herzog selbst wie folgt bestimmen: „Es hilft […] die zahlreichen und komplexen normativen Fragen zu verstehen, um die es auf Märkten geht. Indem wir uns um eine Theorie des Marktes selbst bemühen, können wir seine normativen Probleme besser verstehen, aber auch seine normativen Potentiale freisetzen.“ (S. 193)
Der Vergleich beider Positionen verbindet sich dabei für sie sowohl mit einem systematischen wie auch einem historischen Anliegen. Dem trägt der Aufbau ihres Buches Rechnung, indem sie zunächst in je einem Kapitel die Vorstellung von Märkten im jeweiligen Gesamtwerk Smiths und Hegels kontextualisiert. Dabei räumt sie, insbesondere im Bezug zu Smith, mit einer ganzen Reihe gängiger Vorurteile auf und macht etwa klar, dass das berühmte Bild der „unsichtbaren Hand“ eingebettet ist in eine deistische – und damit metaphysische – Sicht der Welt und immer im Zusammenhang mit Smiths frühem Hauptwerk „Theorie der ethischen Gefühle“ gesehen werden muss.
In weiteren vier Kapiteln vertieft sie entlang je eines Schwerpunktes den jeweiligen Marktbegriff, stellt diese Vorstellungen gegeneinander und versucht sie zu zeitgenössischen Diskursen in Bezug zu setzen um das jeweils im Raum stehende Problem in der Sache herauszuarbeiten. Diskutiert wird zunächst die Frage nach dem „Selbst auf dem Markt“ bzw. von „Identität und Gemeinschaft“. Dabei geht es vornehmlich um die Frage nach sozialer Anerkennung, insbesondere, ob und wie der Arbeitsmarkt zur Realisierung sozialer Anerkennung beiträgt. Daran an schließt sich die Frage nach der „Gerechtigkeit auf dem Markt“. Herzog konzentriert sich dabei auf zwei Themenfelder: die nach dem „Verdienst“ oder dem gerechten Lohn und der Frage nach Armut und Teilhabechancen, um sich dem Kern des Problems anzunähern: Können Märkte bzw. marktförmige Prozesse Gerechtigkeit herstellen oder sind sie eher ein Hindernis für deren Verwirklichung? In einem dritten Schritt fragt sie danach, ob und wie Märkte zur Realisierung von Autonomie beitrügen und zeigt dabei anhand der vielförmigen Dimensionen auf, die Freiheit im Denken Smiths und Hegels einnimmt, dass Freiheit niemals kontextlos sein kann. In einem letzten Kapitel setzt sie sich dann mit der Frage auseinander, ob Märkte als geschichtliche Größen oder urwüchsige, naturgesetzlich strukturierte Größen aufzufassen seien.
Dass knappe Fazit, dass sie am Ende dieses letzten Kapitels für ihre Arbeit insgesamt schließt, wirkt allerdings – wie auch die vorhergehenden Schlussüberlegungen der jeweiligen Kapitel – etwas blass: Es komme insbesondere darauf an, Märkte im Kontext und als historische – und damit mindestens zum Teil von Menschen gestaltbare – Größen zu sehen (vgl. S. 254) und nicht als eherne Naturnotwendigkeiten. Das hätte aber nicht im Widerspruch zu einer profilierteren Darstellung dessen, was ein Markt eigentlich sei, stehen müssen. Eine solche vermisst man leider.
In dieser Blässe verdichtet sich die größte Schwäche der Arbeit: An vielen Stellen bleibt sie sehr oberflächlich. Das ist aber für eine Pionierarbeit, die an der Schnittstelle vieler Diskursfelder liegt, kein Schaden, sondern erwartbar. Dem stehen substanzielle Stärken ihrer Studie gegenüber: Eine einfache, aber präzise Sprache verbindet sich mit einem hohen Differenzierungsgrad. Vor allen Dingen diese historisch differenzierte Sichtweise auf zwei mit Klischees behafteten Autoren ist dabei eine der größten Stärken ihrer Arbeit. Dabei gelingt es ihr bei aller Differenzierung auch immer wieder, pointiert die Unterschiede zwischen beiden Sichtweisen herauszuarbeiten, etwa, wenn sie verdeutlicht: Smith kann als Verteidiger negativer Freiheit aufgefasst werden und steht damit Hegel als Verteidiger positiver Freiheit gegenüber (vgl. S. 231). In systematischer Hinsicht hätte diese historische Diskussion an vielen Stellen vertieft werden können, aber gerade darum ist die Studie besonders lesenswert: Sie regt an vielen Stellen zu weitergehendem und intensiverem Nachdenken in der von Herzog im Gespräch mit Smith und Hegel herausgearbeiteten Spur an. Inspirierend ist sie damit allemal.
Stefan Gaßmann, Mönchengladbach