Hemel, Ulrich: Kritik der digitalen Vernunft. Warum Humanität der Maßstab sein muss, Freiburg im Breisgau: Verlag Herder 2020, 400 S., ISBN 978–3-451-38915-3
Die „Kritik an der digitalen Vernunft – Warum Humanität der Maßstab sein muss“ von Ulrich Hemel wurde vom Herder Verlag im Jahr 2020 veröffentlicht. Das Buch beschreibt, wie sehr die digitale Transformation all unsere Lebensbereiche, sei es Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Medien, die Öffentlichkeit, Arbeit und das Private durchdringt und welche Vor- und Nachteile diese Transformation mit sich bringt. Insbesondere beschäftigt der Autor sich mit den Implikationen der Digitalisierung, in dem er sich mit Themen wie digitales Nichtwissen, dem Verhältnis von Mensch und Maschine und der digitalen Identität befasst sowie den Stellenwert der Digitalisierung in Arbeit, Politik, Ethik und Religion beleuchtet. Das zentrale Element im Buch ist der Mensch in seinem Umgang mit der digitalen Transformation verbunden mit der Frage, wie wir in Zukunft mit unserer digitalen Humanität leben. Die Einflüsse der Corona- Pandemie auf die digitale Transformation und unser Leben werden in diesem Kontext näher beleuchtet. Mit seinem Buch und dem Titel „Kritik der digitalen Vernunft“ zeigt der Autor die Einflüsse von Immanuel Kant und seinem Buch „Kritik der reinen Vernunft“ auf, welches vor 240 Jahren erschien und heute immer noch relevant ist. Das Werk richtet sich an Leser*innen, die Interesse an der digitalen Transformation haben und mehr über die sozialen, ethischen, religiösen und humanistischen Aspekte der Digitalisierung erfahren möchten.
Der Autor bezeichnet sich selbst als typischen „Digital Immigrant“ und beschreibt aus dieser Sicht seine Kritik der digitalen Vernunft. Das Buch ist in acht Kapitel unterteilt, beginnend mit der philosophischen Grundfrage der Digitalität, um dann auf das digitale Nichtwissen von Menschen einzugehen. Im Anschluss werden das Lernen und Entscheiden bei Menschen und Maschinen behandelt, um danach auf digitale Identität, digitale Arbeit und digitale Politik näher einzugehen. Abschließend befasst sich das Buch mit den Aspekten der digitalen Ethik, digitalen Religion und digitalen Humanität.
Beginnend mit der philosophischen Grundfrage der Digitalität wird aufgezeigt, wie digital unser heutiges Leben ist und wie die Digitalisierung uns verunsichert und unter Konformitätsdruck setzt. Dies wirft die Frage auf, ob Vernunft grundsätzlich digital ist und wie sich hierfür Leistungsgrenzen und Messgrößen beschreiben lassen, um abschließend auf die Vernunftfähigkeit und die Grenzen der digitalen Welt hinzuweisen. Der Autor weist darauf besonders hin: „Die digitale Welt ist sehr wohl real, aber eben „anders real“ als die vertraute physische Alltagswelt.“ (S.43) Scientia potentia est (Wissen ist Macht), jedoch entsteht gerade heute durch die Wissensexplosion und die geringere Halbwertszeit von Wissen ein Gegentrend der zum digitalen Nichtwissen führt. Gerade in Zeiten von Deep Fakes und Fake News ist dieser Aspekt der digitalen Transformation nicht zu unterschätzen. Aus diesem Grund zeigt der Autor auf, wie wichtig die digitale Kompetenz und Souveränität des Einzelnen ist, aber auch, dass die digitale „Ignoranzkompetenz“ als eine individuelle Bewältigungsstrategie funktionieren kann. Der zunehmende Einsatz und die immer stärkere Abhängigkeit von Maschinen führen dazu, dass wir uns intensiver mit den Lern- und Entscheidungsmethoden von Menschen und Maschinen auseinandersetzen müssen. Die Entwicklung des Transhumanismus bewirkt, dass Mensch und Maschine immer mehr verschmelzen, wodurch es umso wichtiger ist, die oft undurchsichtige Opazität von Entscheidungen für beide Seiten transparent zu machen. Im Weiteren beschreibt der Autor, wie sich die digitale Identität über drei Ebenen manifestiert, welche Gefahren sich hinter digitalem Kontrollverlust, Cybercrime und Datensicherheit verbergen, und wie sich digitale Teilhabe und digitale Exklusion auf uns auswirken. Auch in unserem Arbeitsleben nimmt die Mensch-Maschinen-Interaktion stetig zu und führt zu neuen Konflikten wie Leistung vs. Sinnerfüllung und die Entwicklung von Paradoxien in der hybriden digitalen Arbeitswelt. Wie stark unsere Politik durch die Digitalisierung beeinflusst werden kann, konnte man sehr gut in der Präsidentschaftswahl in den USA sehen. Somit ist das Thema digitale Politik ein wichtiges für unser Fortbestehen als Gesellschaft; hier müssen digitale Werte und Normen bestimmt werden, die digitale Souveränität von Staaten gesichert und die digitalen Menschenrechte Einzelner gewahrt werden. Hier sind auch die Bestrebungen einer europäischen Cloud-Infrastruktur und der damit verbundenen Datensouveränität Herausforderungen, die unsere Politik bewältigen muss. Die ethischen Aspekte sind ein komplexes Thema in der digitalen Transformation, da heutzutage vieles technisch machbar aber ethisch nicht vertretbar ist. Hier sind wir Menschen im Mittelpunkt und müssen unsere Ethik in der digitalen Technik und der digitalen Lebenswelt verankern, damit wir in Zukunft neben der Menschwürde auch die Maschinenwürde wahren können. Die digitale Ethik betrifft uns alle, jedoch findet sie bisher bei vielen Unternehmen noch eine zu geringe Beachtung. Die digitale Transformation macht auch vor Religionen keinen Halt und wirft Fragen zur Gottebenbildlichkeit, digitaler Superintelligenz und digitaler Unsterblichkeit auf.
Der Autor fasst sehr gut und schlüssig die unterschiedlichen Aspekte der digitalen Transformation zusammen, um unsere (digitale) Humanität und die Wichtigkeit der digitalen Vernunft hervorzuheben. Es ist ein spannendes Werk für all diejenigen, die – neben all den technischen Elementen – tiefer in digitale Transformation blicken wollen, um die Implikationen für uns Menschen und unsere Gesellschaft zu verstehen. In der „Kritik an der digitalen Vernunft“ werden wichtige Facetten unserer digitalen Welt aufgezeigt; ob es einen gleichen Stellenwert wie Kants „Kritik der reinen Vernunft“ hat, wird die Zeit zeigen. Das Potenzial des Buches und die Wichtigkeit der Themen bestehen hierfür alle mal.
Nhiem Lu, Dortmund