Steinmair-Pösel, Petra: Im Gravitationsfeld von Mystik und Politik. Christliche Sozialethik im Gespräch mit Maria Skobtsova, Dorothee Sölle und Chiara Lubich, Paderborn: Verlag Ferdinand Schöningh 2019, 454 S., ISBN 978-3-506-79229-7
Eine russische orthodoxe Politikerin und Nonne, die ihren Einsatz für Juden mit dem Leben bezahlt; eine protestantische feministische Theologin, die als streitbare Friedensaktivistin ihre Zeitgenossen verärgert; eine katholische Grundschullehrerin, welche die größte katholische Laienbewegung weltweit gründet und bis heute Einfluss auf internationale politische Kultur und alternative Wirtschaftsformen hat. Drei Mystikerinnen – also drei, die nach dem berühmten Rahner- Diktum „etwas erfahren haben“ – stehen mit ihren oft dramatischen Lebensgeschichten, ihrer Gottesbegegnung und ihren Schriften im Zentrum der Habilitation von Petra Steinmair-Pösel: Die Russin Maria Skobtsova (1891–1945), die Deutsche Dorothee Sölle (1929– 2003) und die Italienerin Chiara Lubich (1920–2008).
Doch hier wird weder Hagiografie betrieben noch in erster Linie historische Forschung (obgleich Steinmair-Pösel im Prinzip die akribisch recherchierte Grundlage für gleich drei Biografien geliefert hat). Vielmehr legt die Autorin in Auseinandersetzung mit Person und Werk dieser drei Frauen nichts weniger als eine Neufundierung einer dezidiert christlichen Sozialethik vor. Diese Sozialethik will keine abstrakten universalen Prinzipien begründen, auf deren Basis sie moralische Appelle zur Verbesserung der Welt formuliert. Steinmair-Pösel entwickelt vielmehr eine Ethik des gemeinsamen Gehens in der Nachfolge Jesu, die narrativ konzipiert ist. Sie geht davon aus, dass notwendige gesellschaftliche und individuelle Transformationsprozesse zur Bewältigung der aktuellen ökologischen und sozialen Krisen des 21. Jahrhunderts nicht ohne die Rückbesinnung auf die spirituellen Kraftquellen der eigenen religiösen Tradition auskommen. Dementsprechend skizziert sie eine Sozialethik, welche deutlich bescheidener auftritt als eine universale Naturrechtsethik und ihre eigenen Einflussmöglichkeiten in einer postsäkularen Gesellschaft realistischer einschätzt als bisher, die sich aber gleichzeitig bewusst im Raum der christlichen Kirche(n) verortet: „Die Kirche und mit ihr eine christliche (Sozial-) Ethik glaubt nicht mehr, dass es ihre (sozialethisch) erste Aufgabe ist, mit universal gültigen, weltanschaulich neutralen Prinzipien direkt auf gesellschaftliche Strukturen Einfluss zu nehmen. Vielmehr ist die Kirche selbst der erste Ort einer christlichen Ethik“ (S. 67), in welcher die Optionen christlichen Handelns vorgestellt und erprobt werden können – nicht im Sinne einer elitären Kontrastgesellschaft, wie die Autorin selbst schreibt, sondern als Antwort auf drohende moderne Ortlosigkeit (S. 68). So spannt sie ihr Netz aus: Zwischen Mystik und Politik, Aktion und Kontemplation, realistischer Situationsanalyse und Hoffnung auf Heilung einer geschundenen und zerrissenen Welt.
Ein erstes Kapitel ist drei großen „Zeichen der Zeit“ gewidmet: (1) Dem Ringen um universale Solidarität; (2) der Herausforderung des Maßhaltens, der Reduktion und der Suffizienz in einer auf Wachstum angelegten Ökonomie; (3) der Notwendigkeit des interreligiösen Dialogs in einer Welt voller Gewalt. Der Auseinandersetzung mit diesen großen sozialethischen Themenfeldern der Gegenwart folgt eine Rückbesinnung auf das Selbstverständnis katholischer Sozialethik und seine Weiterentwicklung als ökumenisch-christliche Sozialethik in einer pluralen postmodernen Gesellschaft mit großer Offenheit für den mystischen Strom aller religiösen Traditionen.
Das zweite Kapitel bildet sodann eine Hinführung zu den eingangs genannten Denkerinnen, die heutiger Sozialethik mit ihren Lebensgeschichten narrative Inspiration und Basis einer „dichten Moral von unten“ liefern sollen. Es stellt sich zunächst dem grundsätzlichen Verhältnis zwischen Mystik und Politik und fragt mit dem französischen Philosophen Henri Bergson, welche Bedeutung der Mystik für soziale Ordnungen überhaupt zukommt. Unter Rückgriff auf Bergson bestimmt Steinmair-Pösel christliche Sozialethik als „offene Ethik“, die im Gegensatz zu den abstrakten Formeln einer „geschlossenen Ethik“ auf die Überzeugungskraft von konkreten Personen als Vorbilder setzt. Nach dieser Einbettung setzt sich die Autorin schließlich im dritten Kernkapitel mit ihren drei Referenzautorinnen auseinander. Sie stellt dabei nicht nur biographische Brenn- und Wendepunkte, sondern auch ausgewählte Schriften und Themenfelder vor, welche die jeweils ganz individuell und persönlich erfahrene Spannung zwischen mystischer Erfahrung und politischem Handeln zur Sprache bringen.
Konsequenterweise folgt im vierten Kapitel eine systematische Untersuchung, Zusammenführung und Vertiefung der in der Begegnung gewonnenen Erkenntnisse. Es steht unter dem Motto „Von den Mystikerinnen lernen“ und führt zusammen, was für sie alle charakteristisch ist: Die Erfahrung der universalen Verbundenheit und der Präsenz Gottes in allen Dingen; ein feministisch angemessenes und differenziertes Verständnis der Kenosis, das einen möglichen Weg in Richtung eines Zurücknehmen-könnens eigener maßloser und egozentrischer Ansprüche einleiten kann; ein aus der Gottesbegegnung gespeister alternativer Umgang mit der Erfahrung der eigenen Verwundbarkeit und der existentiellen Angst vor der Leere des eigenen Daseins, die sich als Wurzel einer Kultur der Maßlosigkeit erweist. Schließlich die prophetische Dimension mystischer Erfahrung als Motor, nach alternativen Gemeinschaftsformen und einer neuen Wirtschaftspolitik zu suchen und diese lebenspraktisch zu erproben. Das fünfte Kapitel muss nur noch zuspitzen und die Klammer zu den Herausforderungen der Gegenwart im ersten Kapitel schließen, was der Autorin in beeindruckender Weise gelingt, so dass sich der Eindruck des roten Fadens einstellt. Bei 428 Seiten ist dies wahrhaft keine Selbstverständlichkeit!
Methodisch und inhaltlich greift Steinmair-Pösel auf viele bekannte theologische Vorbilder und Lehrer*innen zurück: Zunächst natürlich auf die von ihr als Dialogpartnerinnen gewählten Theologinnen, deren Geschichten sie nicht nur packend erzählen kann, sondern die sie gewissermaßen als ältere Schwestern und Vordenkerinnen begreift. Dann vor allem auf die Sozialethikerin Marianne Heimbach-Steins, deren Habilitationsschrift über Leben und Werk der französischen Schriftstellerin und Mystikerin Madeleine Delbrêl (1904–1964) die Autorin teilweise als Vorbild benutzt. Schließlich die Arbeiten der Innsbrucker Forschungsgruppe „Religion – Gewalt – Kommunikation Weltordnung“, die sich insbesondere mit dem Ansatz des Kulturanthropologen und Religionsphilosophen René Girard auseinandersetzen. Zu nennen wären weiter aber auch US-amerikanische Vertreter einer kommunitaristischen Ethik (z. B. Michael Walzer) bzw. dezidiert tugendethische Ansätze (z. B. Stanley Hauerwas). Angesichts dieser Inspirationsquellen wundert es nicht, dass der Fokus von Steinmair-Pösels Sozialethik auf der Frage nach gelebten Werten, Überzeugungen und Haltungen liegt. Um „anders handeln“ zu können, muss der Mensch „anders sein“, formuliert sie an einer Stelle pointiert unter Rückgriff auf ihre ökumenischen Lehrer Ulrich Körtner und Dietmar Mieth (S. 424).
Normative Ethiker*innen werden mit der Arbeit dementsprechend weniger Freude haben, Tugendethiker*innen dafür umso mehr. Steinmair-Pösel favorisiert eindeutig eine Strebens- und Könnensethik, keine Sollensethik. Normative Fragestellungen im engeren Sinn werden daher erst gar nicht ins Visier genommen, ja Normativität tritt zugunsten des mystisch Theologischen mit seinem spezifisch Christlichen in ihrem sozialethischen Entwurf stark zurück. Hier kann man dann auch kritisch einwenden, dass eine Rückbesinnung auf Mystik als Existential zwar letztlich möglicherweise allen Menschen zugänglich ist (dies wäre allerdings wirklich erst zu klären, nicht einfach als Behauptung vorauszusetzen). Er eignet sich daher tatsächlich, Brücken zu anderen Religionen und „offenen Ethiken“, die aus mystischer Erfahrung schöpfen, zu bauen. Doch der mystisch-visionäre Höhenflug scheitert bekanntlich oft an den Niederungen des moralisch-ethischen Alltags. Um nur ein kleines Beispiel zu nennen: Die mystische Erfahrung universaler Verbundenheit mit allem Seienden weist grundsätzlich die Einsicht in die Notwendigkeit und das Durchhaltevermögen zu einem ökologisch nachhaltigen Lebensstil. Ob man sich nun aber wirklich ganz und gar fleischlos oder gar vegan ernähren sollte, vermag der Rekurs auf Mystik nicht zu beantworten. Tugendethik und normative Ethik werden einander ergänzen müssen, sie können einander nicht ersetzen.
Ganz sicher erinnert Petra Steinmair- Pösel aber zurecht daran, dass theologische Ethik sich ihrer ureigensten Quellen nicht berauben darf, sondern gerade angesichts der ökologischen Krise der Gegenwart wieder viel mutiger auf sie setzen sollte – nicht zur Begründung von Einzelnormen, sondern zur Stärkung und Inspiration des eigenen Lebensentwurfs und der eigenen Positionierung. Dass sie dabei auf drei große Theologinnen setzt, die innerhalb ihrer Kirche(n) oft wenig Wertschätzung erfahren haben, spricht Bände. Sie alle eint die Erfahrung, immer wieder an den Bastionen einer klerikal verfassten Männerwelt rütteln zu müssen, um irgendwie auch nur ansatzweise Gehör zu finden. Als Biografin bewertet Steinmair-Pösel nicht, sondern beschreibt – und erreicht genau dadurch Eindringlichkeit und Verständnis für die Anliegen einer feministisch-theologischen Ethik und Spiritualität. Dass sie im Kapitel über die Kenosis ausdrücklich eine sehr differenzierte Interpretation von Selbstlosigkeit vorzulegen vermag, was angesichts des gerade von Kirchenoberen missbrauchten Ideals einer angeblich typisch weiblichen Selbstlosigkeit dringend notwendig ist, verdankt sie den feministisch-theologischen Arbeiten von Sarah Coakley. Auf diese Art und Weise entfaltet sich unprätentiös und scheinbar ganz von selbst – noch dazu in einer klaren und gut lesbaren Sprache ein Beitrag zu einer feministischen Theologie. Alles in allem und in mehrfacher Hinsicht ein mutiger und origineller Entwurf einer erneuerten Sozialethik, die sich ihrer spirituellen Quellen besinnt und christliche Ethik ohne frömmelnde oder gar exklusivistische Untertöne durchbuchstabieren kann!
Angelika Walser, Salzburg