Kemmesies, Uwe E./Trabert, Gerhard (Hrsg.): Solidarität in Zeiten von Corona und darüber hinaus. Ein Plädoyer für nachhaltige Armutsbekämpfung, München: oekom verlag 2020, 315 S., ISBN 978-3-96238-264-3
Als ein Lese- und Bilderbuch bezeichnen die Herausgeber das farbige Panorama inspirierender Beiträge, in denen 27 Autoren sich der aktuellen Herausforderung der Trias: Corona-Pandemie, Armutsbekämpfung, gesellschaftliche Solidarität stellen. Das bunte Spektrum besteht aus Experten der Armutsforschung, Sozialpädagogik, Soziologie, Kinder- und Jugendpsychologie, Gewaltprävention, Pädagogik, Philosophie und Ethik; aus Unternehmerinnen und Unternehmern, arm gemachten und Obdachlosen; aus Kulturschaffenden, Journalisten, Schriftstellern und Medienbeobachtern; aus einem Notfallmediziner und einer Ärztin für Homöopathie. Auf unterschiedlichen Zugangswegen suchen sie die Brennpunkte einer verwundeten Gesellschaft aufzuspüren. Dazu haben sie ein lesefreundliches, anregendes Buch geschaffen, in klarer Haltung und Position.
Pandemie
Gegen eine verbreitete Meinung, dass alle Einwohner unterschiedslos von der Pandemie bedroht seien, belegen die Beiträge des Buches, wie das Corona-Regime den gesellschaftlichen Riss zwischen Wohlhabenden und Armen in der Region, in der Kommune, im Wohnquartier vertieft. Die Pandemie deckt auf, wie sehr die Welten des Wissens auseinanderbrechen. Virologen und Naturwissenschaftler führen Diskurse, von denen die der Sozial- und Geisteswissenschaftler abweichen. Beide Gruppen bewegen sich in getrennten Welten, begegnen sich nicht auf Augenhöhe. Ebenso brechen die Welten der Schwachen und Starken auseinander; Supermänner nehmen an, die Schwachen zu schützen; doch bereits Kinder zeigen den Eltern, worauf es ankommt. Psychologinnen berichten, wie sehr Kinder und Jugendliche von den pauschalen Kontaktbeschränkungen berührt werden. Auch in der Ethik, in der über die gelebte Moral reflektiert wird, sind die Welten des Empirischen und Normativen, subjektiver Werte und verbindlicher Normen auseinandergebrochen. Präventionsexperten warnen allerdings in vereinzelten Beiträgen beruhigend davor, auf Bedrohungsängste der Bevölkerung vor Drogenkriminalität oder terroristischen Attacken allein mit Strafandrohungskräften und zusätzlich rigorosen Verboten zu reagieren, anstatt sie als Indikatoren innergesellschaftlicher Konflikte zu deuten.
Armut
Die Armut in Deutschland hat viele Gesichter: Arbeitslose, kinderreiche Familien, kranke und ältere Personen. „Die ganz unten sieht man nicht“, schreibt ein Arzt, der von 800.000 Wohnungslosen in Deutschland weiß, die Hälfte davon Geflüchtete in Sammellagern. Ihnen sind kulturelle Erlebnisse, soziale Kontakte und gesunde Ernährung versagt. Armut und Gesundheitszustand korrelieren miteinander. Angesichts der Subventionierung der Lufthansa in Milliardenhöhe sprengt das politische Strafregime gegen Arbeitsuchende jeden Gedanken an ein Gleichgewicht. Die Ungleichheit der Lebenslagen in Deutschland ist seit 2000 stetig gestiegen, beklagt ein hochvermögender Investor in einem Beitrag, die obersten zehn Prozent der Haushalte verfügten über 67 Prozent des gesamten Nettovermögens. Die Schieflage des Steueraufkommens durch Lohn-und Kapitaleinkommen hält er für eine tickende Zeitbombe infolge asymmetrischer Machtverhältnisse. Dennoch ist die Mehrheitsbevölkerung der Meinung, dass Armutslagen durch persönliches Versagen und individuelles Fehlverhalten verursacht seien. Zwei unmittelbar betroffene Obdachlose berichten, wie Menschen durch Trennung, Kündigung und Krankheit weithin unverschuldet an den unteren Rand der Gesellschaft geraten. Dass gut Situierte und Wohlhabende gegenüber sozialer Ausgrenzung derart blind sind, stößt in zahlreichen Varianten der Beiträge auf Unverständnis, zumal die extreme Ungleichheit von Einkommen und Vermögen systemisch bedingt, ökonomisch verankert und sozial strukturiert ist.
Mosaiksplitter
Pandemie und Armutslagen sind zentrale Perspektiven, die bloß den Rahmen der Kollateralschäden auf Grund politischer Fehlentscheidungen abstecken. Zwei Psychologinnen erinnern an den Beschluss, Kitas, Kindergärten, Schulen und Kinderspielplätze von einem auf den anderen Tag zu schließen. Die Eltern waren mit der Kinderbetreuung und -beschulung auf sich allein gestellt. Die Hilfen durch Nachbarn, Verwandte und Großeltern ließen sich nicht flink aktivieren. Für Kinder und Jugendliche war das spontane Zusammensein mit Freundinnen und Freunden, das Spielen, Musizieren, der Sport, zerbrochen. Undurchsichtige Schulpläne haben manchen Kindern Bildungschancen, Frauen und Müttern Lebensqualität geraubt.
Ein Kunsttherapeut entdeckt das Mäandern eines nicht begradigten Wasserlaufs, der nie den kürzesten Weg wählt, sondern in Schleifen durch das Tal rauscht. Der Künstler wünscht sich, diese Bewegung in den eigenen Lebenslauf hineinzunehmen. Seine Art, Wege zu gehen, soll denen des nicht gebändigten Wassers gleichen. Umwege sind unvermeidlich. Musik, Filme, Literatur erzählen ständig Geschichten vom Fallen und Sich-wieder-Aufrichten. Nun sind wir überrascht, fühlen uns durch einen neuartigen Virus bedroht. Überrascht der Virus uns Menschen oder ist es umgekehrt?
Der seit Jahren angesehene Journalist und Kommentator bemüht sich, die mediale Berichterstattung unter dem Corona-Regime nüchtern zu reflektieren. In der Anfangszeit suchten Journalistinnen und Journalisten unter erheblichem Zeitdruck, komplexe Zusammenhänge auf Schwarz/Weiß-Schemata zu reduzieren. In der zweiten Phase sei zu beobachten, wie sie die Distanz gegenüber politischen Entscheidungen verloren und sich eine Schulterschluss-Rhetorik angeeignet hatten, wie die Exekutive sie vorgab. Warum haben sie nicht kritisch nachgefragt, ob die massiven Einschränkungen der Freiheitsrechte überhaupt verhältnismäßig sind? Die Einsicht, dass die Medien ein Instrument demokratischer Öffentlichkeit, ein Gemeingut der Gesellschaft sind, ist ihnen unter der dominanten neoliberalen Wetterlage in den Redaktionen fremd geblieben. Ein Kollege bestätigt: „Ja, es gibt seit Wochen eine thematische Monokultur in der Berichterstattung“, aber sie entspricht der „Aufmerksamkeitskultur des Publikums“.
„Wie möchten wir leben?“ fragt die Performance-Künstlerin. Eine Clubbetreiberin antwortet: „Kultur gemeinsam mit anderen erleben“. Unter den kostbaren Perlen des Buches sind zwei besonders bewegende zu entdecken: Nach vier Jahren staatlicher Schauspielschule und drei Jahren Engagement in einem Staatstheater hat die Performerin gespürt, dass sie eine Sprache finden muss, die neue Interpretationen erschließt. Sich aus bekannten Strukturen herausschälen, in New York und Pretoria ihre Performance präsentieren, erzeugt ein großartiges Gefühl. Dann kam Corona – „so als ob ich mir bereits Schwingen gebaut hätte, um loszufliegen, und im Flug bliebe plötzlich die Zeit stehen“. Findet sie Strukturen, die ihr gestatten, neue Schwingen zu bauen? Auch für die Clubbetreiberin ist das Corona-Regime und dessen Abstandsregel ein Schock; er führt die Gesellschaft kulturell ins Nichts. 120 abgesagte Konzert- und Clubabende sind für 500 Künstler das Aus. Der Club bot die Symbiose von Musikern, Innenraum, Licht, Publikum und sozialer Interaktion. Clubkultur spiegelt alle Facetten der Gesellschaft, das Opernhaus steht für einen Teil der Bevölkerung. Für die Clubkultur und Livemusik steht gemeinsame Nähe.
Solidarität
Das Wort: „Solidarität“, die dritte Schlüsselperspektive des Buches erscheint in den meisten Beiträgen als Leitfaden und Weckruf, allerdings in relativer Unschärfe. Vorwiegend sind persönliche Einstellungen genannt: Nächstenliebe, Verzicht auf Ellbogenmentalität, hilfreicher Beistand in Familie und Nachbarschaft. Gesamtgesellschaftliche und globale Solidarität klingen wohl aufgeladen, visionär. Solidarität mit persönlicher Verantwortung und individueller Selbstverwirklichung zu verknüpfen, ist ein Kategoriensprung. Füreinander einstehen bei abweichender Interessenlage scheitert ohne organisierten Interessenausgleich. Für die Kanzlerin ist Solidarität – wie der Autor eines Beitrags notiert – beliebig verwertbar, wenn sie sowohl die Einschnitte des Corona-Regimes als auch die brutale Gewalt gegen Geflüchtete an der türkisch-griechischen Grenze rechtfertigt, wofür Griechenland „unsere volle Solidarität“ verdiene. Inflationäre Weckrufe zur Solidarität verhallen, solange deren strukturelle Dimension eher nachrangig erwähnt bleibt. Immerhin sind Verweise sowohl auf die real existierenden solidarischen Sicherungssysteme erkennbar als auch solche, die zu realisieren sind, etwa ein bedingungsloses Grundeinkommen oder eine solidarische Bürgerversicherung.
Es bleibt wohl ein Desiderat, Solidarität weniger als persönliche Tugend und eher als gesellschaftliche Steuerungsform zu deuten. Sie stimmt das Handeln von Individuen aufeinander ab – vergleichbar der Liebe in der Partnerschaft, der Macht in der Politik. Sie steuert den Ausgleich ungleicher gesellschaftlicher Risiken oder Interessen. Merkmale einer solchen Solidarität sind eine gemeinsame Grundlage, für die es objektive Anhaltspunkte gibt, die jedoch in erster Linie gefühlt und bewusst anerkannt wird. Eine solche Grundlage können die Klasse, das Geschlecht, die Sprache, Kultur, Religion oder ein kollektiv erlittenes Schicksal sein. Trotz der gemeinsamen Grundlage sind die großen Lebensrisiken etwa der Altersarmut, Krankheit und Pflegebedürftigkeit ungleich verteilt. Deshalb werden gegenseitige Rechte und Pflichten für den Interessenausgleich verbindlich festgelegt. Die zwei Pole der gemeinsamen Grundlage und der unterschiedlichen Risiken erzeugen eine asymmetrische Gegenseitigkeit: Leistungsfähige sind zu Beiträgen verpflichtet, Leistungsschwache erheben Ansprüche auf Hilfe. Solidarität regelt den Interessenausgleich innerhalb einer exklusiv abgegrenzten Gruppe. Folglich ist mit Solidaritäten im Plural und unter Konkurrenzbedingungen zu rechnen. Die Gegenseitigkeit von Beitrag und Hilfeanspruch ist durch einen Erwartungswert verknüpft, der weit in die Zukunft hineinreicht. Dieser riskante „Schatten der Zukunft“ wird von den Individuen subjektiv beurteilt. So besteht der Charme der Solidarität darin, dass die weniger Schwachen für die Schwächeren, die weniger Armen für die Ärmeren und die seltener Kranken für die häufiger Kranken einstehen.
Friedhelm Hengsbach, Frankfurt am Main