Jahrbuch Sozialer Protestantismus Band 12, 2019: Krisen – Aufbrüche – Transformationen. Zur Sozialität der Evangelischen Kirche, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2020, 404 S., ISBN 978-3- 374-06450-2
Jede Ausgabe des Jahrbuches Sozialer Protestantismus ist die Lektüre wert und zumal für den katholischen Leser eine reiche Fundgrube sozialethischer Informationen und Weiterbildung. Dies gilt auch für das Jahrbuch 2019, das sich explizit mit der Sozialität der Evangelischen Kirche in Zeiten der Krise und der Transformation beschäftigt. In einem ersten Teil werden ausführlichere Beiträge zum Thema in der Perspektive „Empirisch orientierte Wahrnehmungen“ versammelt. Besonders aufschlussreich sind die Darlegungen von Petra-Angela Ahrens zum Wandel der Diakonie, was analog auch übertragbar ist auf einen entsprechenden Wandel im Raum der katholischen Caritas sowie die Notizen von Claudia Schulz zu „Vielfalt oder Verfall? Diversität als Triebfeder kirchlicher Transformationsprozesse“.
In einem zweiten großen Teil geht es sodann um Einordnungen und Verortungen; hier sticht besonders der gewohnt kundige und belesene Beitrag von Traugott Jähnichen zu „Transformationen kirchlicher Organisationsstrukturen des deutschen Protestantismus in Geschichte und Gegenwart“ hervor.
Ein dritter Teil bietet explizit Kommentare zu den Befunden und damit Positionierungen im Blick in die Zukunft einer zukünftigen Sozialgestalt der Evangelischen Kirche: Florian Höhne zu „Wo noch? Kirche in gesellschaftlichen Öffentlichkeiten“, Rebekka A. Klein zu „Die Kirche im Raum der Politik“, Peter Zimmerling zu „Potenziale der Mystik auf dem Weg zur Transformation der Kirche“, Gerhard Wegner zu „Kirche und Zivilgesellschaft“. Insbesondere der Beitrag von Peter Zimmerling erregt das Interesse des katholischen Sozialethikers, der natürlich den berühmten Satz von Karl Rahner aus dem Jahr 1966, passenderweise aus einem Aufsatz „Zur Theologie des geistlichen Lebens“, „Der Fromme von morgen wird ein Mystiker sein, einer, der etwas erfahren hat, oder er wird nicht mehr sein“ im Kopf hat und interessiert ähnliche Überlegungen aus der jüngsten Zeit im Bereich der evangelischen Theologie und Ethik wahrnimmt. Peter Zimmerling zitiert ausdrücklich diesen Satz von Karl Rahner und stellt ihn in eine Linie mit entsprechenden Überlegungen des späten Karl Barth, um zu Skizzen einer zukünftigen evangelischen Spiritualität in säkularem Umfeld zu gelangen. Sehr interessant ist schließlich noch der Beitrag von Jürgen Schönwitz zu „Der Berufsgedanke bei Berthold von Regensburg und Martin Luther“, gehört doch der zusammen mit David von Augsburg bedeutendste franziskanische Wanderprediger der vorreformatorischen Zeit zugleich zu den ganz frühen und unmittelbar nach dem Tod des Franz von Assisi und noch zu Lebzeiten des großen Franziskanertheologen Bonaventura tätigen Protagonisten eines franziskanisch geprägten Frühkapitalismus mit einer sehr vorausschauenden und expliziten Betonung des wirtschaftlich agierenden Unternehmers und einer mit dem Beruf verbundenen Heiligung des Alltags. Die Forschungen dazu stecken, im Unterschied zum französischen und italienischen Sprachraum, im deutschen Sprachraum leider noch in den Kinderschuhen und bedürfen dringend weiterer Vertiefung, nicht zuletzt im Blick auf die fast verschütteten Quellen und Ursprünge des Konzepts einer ethisch imprägnierten sozialen Marktwirtschaft mit christlichen Wurzeln. Diverse Rezensionen runden das Jahrbuch ab, dessen Lektüre bereichert und informiert und zugleich Auskunft gibt über ein immer wieder erstaunliches Maß an ökumenischer Schnittmenge zwischen evangelischer Sozialethik und katholischer Soziallehre.
Peter Schallenberg, Paderborn / Mönchengladbach