In Ländern, in denen absolute Armut weit verbreitet ist, geben die ärmsten Haushalte 70 % ihres Einkommens für Nahrungsmittel aus. Diese sind in der Folge besonders preissensibel, weil bereits ein geringfügiger Anstieg der Preise Unter- und Fehlernährung verstärken kann. Insofern war es weltweit ein vordringliches Anliegen, immer mehr Nahrungsmittel zu günstigen Preisen zu produzieren. Dies wurde von UN-Organisationen wie der staatlichen Entwicklungshilfe gefördert. Durch die Entwicklung agrartechnischer Geräte, der Saatgutzüchtung und der Schädlingsbekämpfungsmittel trug auch die Industrie maßgeblich dazu bei.
Trotz stark steigender Bevölkerungsanzahl sank der Anteil der Hungernden an der Weltbevölkerung 1990 um über 40 % – von mehr als 18 % auf gut 10 %. Zugleich nahm der Anteil der Übergewichtigen im Erwachsenenalter von 27 % auf 39 % (ca. zwei Mrd.) zu. Rund ein Drittel der produzierten Nahrungsmittel weltweit geht in Entwicklungsländern verloren (unsachgemäße Lagerung, Transport, Schädlinge) oder wird in Industrieländern weggeworfen und vernichtet. Die enormen Produktionssteigerungen der Landwirtschaft zeigen immer stärker vielfältige negative Folgewirkungen.
Der Volkswirt Bernd Hansjürgens legt dar, dass es zu einem immer schnelleren Artensterben kommt und die Biodiversität weltweit abnimmt, indem Regenwälder abgeholzt oder abgebrannt werden, die Bodenerosion zunimmt und Gewässer durch übermäßigen Düngereinsatz verunreinigt werden. Die herkömmliche Art der Landwirtschaft trägt zu 23 % zum Klimawandel bei. Dies gilt v. a. auch für die Rinderhaltung, die mehr Biomasse als die Menschheit aufweist.
Der Münchener Sozialethiker Markus Vogt problematisiert die industrielle Tierhaltung, die immer stärker im Widerspruch zu Erkenntnissen der biologischen Tierforschung (genetische Nähe zum Menschen) und dem zivilgesellschaftlichen Engagement vieler Tierschutzgruppen steht. Die zunehmende gesellschaftliche Relevanz des Tierschutzes wird auch daran deutlich, dass sich der deutsche Ethikrat 2020 in einer Stellung damit auseinandergesetzt. Nach Redaktionsschluss der Beiträge dieses Heftes erschien eine Studie des Thünen-Instituts, die darauf hinwies, dass eine Verbesserung der Tierhaltung in Deutschland im Sinne der Tierwohlinitiative einen Mehraufwand in Höhe von vier Mrd. Euro bedeuten würde, also lediglich 50 Euro pro Person und Jahr. Angesichts eines freien europäischen Binnenmarktes sind politische Bemühungen, die Standards der Tierhaltung zu verbessern und Bodenbewirtschaftung nachhaltiger zu gestalten, isoliert in einem Land schwierig durchzusetzen. Dies zeigt sich besonders auch bei dem Streit über die Verwendung der EU-Agrarausgaben in der nächsten Haushaltsperiode 2021–2027.
Die Theologin Charlotte Cremer behandelt das Verhältnis von strukturellen Reformen der Agrarpolitik und der Verantwortung von Konsument*innen in ihren alltäglichen Kaufentscheidungen. Sie weist auf die Priorität institutioneller Regelungen hin und erörtert die Handlungsmöglichkeiten einzelner.
Bei der Weiterentwicklung der Landwirtschaft und ihren zukünftigen Herausforderungen (wachsende Weltbevölkerung und steigender Fleischkonsum) gehört die Gentechnik zu dem Zukunftsansatz einer technologiegetriebenen, industrialisierten Landwirtschaft. Mit neuen gentechnischen Methoden sollen Züchtungsvorgänge durch gezielte Genmanipulationen beschleunigt werden. Der Sozialethiker Sebastian Kistler setzt sich mit dieser Perspektive auseinander.
Mit Laudato si’ hat Papst Franziskus 2015 der ökologischen Frage einen zentralen Stellenwert in der kirchlichen Sozialverkündigung eingeräumt, ohne die Armen dabei zu vernachlässigen. Die deutsche Kirche hatte sich bereits Jahrzehnte früher ökologischen Fragen intensiv zugewandt. Dazu hatte der langjährige Umweltbeauftragte der Erzdiözese München – Gotthard Dobmeier – maßgeblich beigetragen. In seinem Beitrag schildert er die spirituellen und theologisch-ethischen Grundlagen des christlichen Umweltengagements und die direkten Handlungsmöglichkeiten der Kirche als eine der größten Grundbesitzer in Deutschland. Ein Dialog zwischen der Landbevölkerung, ihren Einkommensinteressen auch aus Agrarproduktion, der Entwicklung ländlicher Räume und den teilweise widersprüchlichen Erwartungen von Großstadtbewohnern nach preisgünstigen Nahrungsmitteln einerseits und tiergerechten sowie nachhaltigeren Formen der Bodenbewirtschaftung andererseits dürfte eine wichtige Zukunftsaufgabe bleiben, zu der auch Kirchen einen Beitrag leisten können.