Dietz, Alexander / Dochhorn, Jan / Kunze, Axel Bernd / Schwienhorst-Schönberger, Ludger: Wiederentdeckung des Staates in der Theologie, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2020, 264 S., ISBN 978-3-374-06636-0
Lebt die aktuelle Theologie von staatlichen Voraussetzungen, die sie selbst nicht schaffen kann? Diese Umkehrung des bekannten Böckenförde-Theorems, das nach den religiösen Voraussetzungen des säkularen Rechtsstaats fragte, drängt sich bei der Lektüre des Bandes zur theologischen Wiederentdeckung des Staates zumindest als Frage auf. Den vier Autoren, paritätisch ökumenisch besetzt, aus der Systemischen Theologie, der Sozialethik und der Exegese des Alten und Neuen Testamentes, ist ein vielschichtiger, aber kohärenter Weckruf gelungen, den Staat und die Staatsidee theologisch nicht links, oder besser „rechts“, liegen zu lassen.
Die Autoren legen insgesamt 39 provokante Thesen vor, verantworten ihre jeweiligen Kapitel aber selbst. Für Einleitung und Ausblick, der die Debatte zur Bedeutung des Nationalstaates aus Amosinternational 4/2019 aufnimmt, stehen sie gemeinsam. Dem achthändigen Werk geht darüber nicht die Unterscheidbarkeit des Anschlags seiner individuellen Autoren verloren. Die Kohärenz der Argumentation erhält aber auch eine stilistische Stringenz, die sich einer wohldurchdachten Monografie annähert.
Die Kapitel legen vier Zugänge: Alexander Dietz fragt kritisch an, ob die Staatsvergessenheit aus der Sündenvergessenheit einer schwärmerisch abgedrifteten Theologie herrühren könnte. Ludger Schwienhorst-Schönberger formuliert die steile These, dass politisch das Alte Testament der Weisheit letzter Schluss wäre. Jan Dockhorn zieht den Obrigkeitsgehorsam des Römerbriefs zum Argument für einen aufrechten Gang als staatstragender Christ heran. Axel Bernd Kunze verhandelt zunächst die Konsequenzen des schwindenden Verständnisses des Rechtsstaats bevor er der Frage nach den Lebensquellen des Gemeinwesens aus bildungsethischer Sicht nachgeht und dabei auch bei Böckenförde ankommt. Schon an diesen knappen Hinweisen scheint durch, dass es den vier Autoren um nichts weniger als einen Frontalangriff auf die Positionen der Theologie zur Politik gehen könnte. Und so ist es auch: Die Theologie und speziell die Sozialethik übersehen den Staat eher als dass sie sich mit ihm auseinandersetzen. Falls eine Auseinandersetzung doch staatfindet, wird insbesondere der Nationalstaat meist vorschnell zugunsten einer diffusen Weltgemeinschaft abgewertet.
Schützenhilfe kann die Politikwissenschaft der Theologie zumindest mit dem Verweis auf ein arg zugespitztes Staatsverständnis geben. Es scheint, dass Georg Jelineks Staatstrias von Staatsgewalt, Staatsvolk und Staatsgebiet, zudem nationalstaatlich und mit Fokus auf die Flüchtlingskrise überbelichtet, recht freihändig durch die Zeiten durchgetragen wird. Aber passt eine solche Vorstellung aus dem nationalstaatlichen Ideenhimmel des ausgehenden 19. Jahrhunderts auf das alte Israel, das römische Imperium und die Bundesrepublik im 21. Jahrhundert? Antworten die Mitgliedstaaten der WHO im Coronamodus darauf wirklich mit Ja, nur weil das Mobilitätsversprechen der Globalisierung dispensiert wird und jeder Staatenlenker macht, was er will?
Wenn dem der Fall sein sollte, dann nur auf dem sehr abstrakten Niveau einer Gewaltinstanz, die sich um die Sicherheit ihres Bezugsobjekts innerhalb ihrer begrenzten Reichweite kümmert. Da die Autoren aber offensichtlich nicht in die Falle der Frage Augustins nach dem Unterschied von Staat und Räuberbande geraten möchten, müssen sie diesen engen Gesichtskreis in den Kontext einer universalen, zumal christlichen, Gerechtigkeitsanforderung stellen. Wenn man zu traditionellen Staatsvorstellungen, wie gefordert, zurückkehren möchte, dann ließe sich hinsichtlich der aristotelischen societas perfecta anführen, dass der interdependente Nationalstaat seine demokratische Legitimitätsgrundlage verlor, weil er nicht mehr für die Kongruenz von Herrschaftsbetroffenheit und Herrschaftspartizipation sorgen kann. Einfach wird es aber auch nicht für die von der Universalität der Sollensansprüche her denkende Theologie. Denn sie verweist ja gerade nicht auf den Akteur Kirche als Organisationsinstanz globalen Regierens und des solidarischen Ausgleichs, sondern adressiert andere, die letztlich von Willen und Fähigkeit der Staaten abhängen.
Das starke zentrale Argument des Bandes liegt im Verweis auf die gleichzeitig gottgegeben begrenzte, aber auch gottgefällig unerhörte Leistungsfähigkeit einer Machtkonzentration die im Sündenstrudel der Weltzeit zumindest für die partikular organisierte Gruppe, – der die Autoren interessierende Fall bleibt engbegrenzt das Staatsvolk einer modernen Nation – ein Minimum an Sicherheit und gutem Leben gewährleisten kann. Politische Forderungen darüber hinaus werden so nicht nur begründungspflichtig, sondern sie müssen auch belegen, dass sie das gottgewollte Minimum an Ordnung nicht leichtfertig aufs Spiel setzen. Warum aber Paulus gerade mit seiner Aufwertung aller Obrigkeit den demokratischen Rechtstaat bevorzugt haben sollte, muss noch geklärt werden.
Auf dem knappen Raum einer Rezension lässt sich der Streit über den Staat nicht ausfechten. Die knappen Hinweise mögen ihn aber doch so befeuern, dass er anderswo ausgetragen wird. Denn eine engagierte Auseinandersetzung ist dem Buch wirklich zu wünschen.
Mariano Barbato, Passau