Passant oder Samariter: Die neue Enzyklika Fratelli tutti

Die neue Sozialenzy­klika Fratelli tutti von Papst Franziskus macht es den Leser*innen und auch den wis­senschaftlichen Kommentator*innen nicht leicht. Das belegen die in diesem Heft versammelten Beiträ­ge aus unterschiedlichen Perspektiven. Zu hölzern ist bisweilen die deutsche Übersetzung, zu unsystematisch sind die Überlegungen, zu plakativ man­che Thesen. Dennoch lassen sich die Goldkörner der Enzyklika finden. Die­ses Heft will einen Beitrag dazu leisten. Die Autor*innen nehmen dabei unter­schiedliche Schwerpunkte in den Blick (Migration, Weltordnung, interreligiö­ser Dialog, dialogische Politik, Sozial­verkündigung).

Bei der Lektüre der Enzyklika könn­ten drei Hinweise helfen: Erstens: Das Schlüsselwort zum ganzen Text des Papstes ist, unvermittelt in Nr. 165 be­nannt, eine „Spiritualität der Geschwis­terlichkeit“, die nach fester Überzeugung des Papstes einhergehen muss mit einer „weltweiten wirksameren Organisation zur Lösung der drängenden Probleme der Verlassenen, die in den ärmeren Län­dern leiden und sterben.“ Organisatio­nen und Institutionen der Gerechtigkeit sind nötig, aber der Weg geht eben aus von einer Spiritualität des Herzens hin zu einer Sozial- und Wirtschaftsethik, von der individuellen Tugend hin zu den öffentlichen Institutionen. Für den Papst ist diese „Geschwisterlichkeit“ also spi­rituelle Grundlage.

Zweitens: Diesem Schlüsselwort der Geschwisterlichkeit entspricht der Schlüsseltext, nämlich das Gleichnis vom barmherzigen Samariter aus dem Lukas-Evangelium, das wie ein roter Faden die gesamte Enzyklika durch­zieht. Ab Nr. 56 findet sich die eigentli­che päpstliche Interpretation der Gleich­niserzählung Jesu: Mit der Tradition der Kirchenväter bis zu Benedikt XVI. wird das Gleichnis gelesen als Antwort auf die Erzählung von Kain und Abel. Es ist die traumatische Urerfahrung der Menschheit bis hin zu Auschwitz und Srebenica, dass der Mensch durchaus in der Lage ist, den Mitmenschen zu töten, zu berauben, zu belügen, zu vergewal­tigen. Deswegen bilden die vier Grund­verbote des Mordens, des Stehlens, des Lügens und des sexuellen Missbrauches nicht nur den Kern des jüdischen Deka­loges und der jesuanischen Bergpredigt, sondern machen überhaupt das Wesen der Goldenen Regel in allen Hochkultu­ren aus: „Behandle andere so, wie auch du behandelt werden möchtest“, weil der Mensch von Natur aus Würde besitzt. Der Papst weist ausdrücklich auf diese schlichte Art von Naturrecht hin, auch weil sich seine Enzyklika keineswegs nur an Katholiken wendet, sondern an alle Menschen guten Willens – womit indi­rekt behauptet ist, dass alle Menschen in ihrem Gewissen ansprechbar sind auf das Gute. Von da bis hin zur Liebe ist es freilich noch ein langer Weg, den die En­zyklika manchmal etwas zu blauäugig abzukürzen scheint, so, als wenn alle Menschen dem unbedingten Gebot der universalen Nächstenliebe freudig zu­stimmen könnten. Denn auch Christen lieben die Mitmenschen nicht wegen de­ren subjektiv empfundener Liebenswür­digkeit, sondern weil Gott jeden Men­schen in unermesslicher Weise liebt und weil sie deshalb die lieben müssen, die er liebt. Die Enzyklika formuliert: „Jeden Tag stehen wir vor der Wahl, barmher­ziger Samariter zu sein oder gleichgül­tiger Passant …“ (Nr. 69).

Drittens: Diesen beiden Schlüsseln zum Verständnis der Enzyklika ent­spricht der immer wieder im Text auftau­chende und wechselnd kulturpessimis­tisch benannte Erbfeind des christlichen Menschenbildes: Das „technokratische Paradigma“ (Nr. 165) wird vehement kri­tisiert, also ein individualistischer und liberalistischer Konsumismus und Mate­rialismus. Das ist seit der ersten Sozial­enzyklika Rerum novarum von Leo XIII. 1891 bis heute nicht neu und muss doch immer wieder neu unterstrichen werden: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, schon gar nicht vom Konsum an sich, sondern von der Erfahrung geschenk­ter und empfangener Liebe. Diese aber kann selbst eine Soziale Marktwirtschaft nur ansatzweise ermöglichen. Denn wie schon der Hl. Augustinus scharfsichtig bemerkte: Der Staat schützt den Abel zwar vor dem Totschlag des Kain, nicht aber vor dessen Hass. Das Glück aber des Abel bestünde ja nicht einfach da­rin, von Kain nicht erschlagen zu wer­den, sondern von ihm geliebt zu wer­den. Vor diesem Problem aber stehen Staat und Wirtschaft ohnmächtig. Und genau deswegen braucht es das Chris­tentum und die Kirche und Enzykliken wie diese.