Darwin und die Gentechnik

Metzl, Jamie: Der designte Mensch. Wie die Gentechnik Darwin überlistete. Aus dem Englischen von Gabriele Gockel, Sonja Schuhmacher und Claus Varrel­mann, Hamburg: Edition Körber 2020, 424 S., ISBN 978-3896842763

Der Autor ist Publizist und arbeitet als Senior Fellow des Thinktanks Atlantic Council in Washington D. C.; er ist Kom­mentator bei CNN und der BBC und war u. a. tätig in der zweiten Amtszeit von Präsident Clinton beim Nationalen Si­cherheitsrat – von dem er gleich zu Be­ginn seines Buches erzählt und wo er den ersten Anstoß zum Thema bekam – und arbeitete auch im Außenministeri­um der USA sowie in der Führung einer Biotechnologie-Firma. Die englische Ori­ginalausgabe erschien 2019 unter dem Titel „Hacking Darwin. Engineering and the Future of Humanity“. Dementspre­chend geht es um Überlistung oder bes­ser: um Überbietung und Abschied von Darwins gewohnter Evolutions- und Mu­tationswillkür, denn „jetzt mutieren auch die Regeln der Darwin’schen Evolution. Künftig wird sich ein Großteil unserer Mutation nicht zufällig ereignen. Sie wird von uns selbst gestaltet werden. Künf­tig wird nicht mehr von natürlicher Se­lektion die Rede sein können. Sie wird von uns selbst gelenkt werden. Künftig wird unsere Spezies selbst die Kontrolle über unseren evolutionären Prozeß aus­üben, denn wir werden unsere künfti­gen Nachkommen genetisch so verän­dern, daß sie sich von dem, was wir heute sind, unterscheiden. Mit anderen Wor­ten: Wir stehen am Beginn eines Prozes­ses, bei dem wir Darwin hacken werden. Wir werden ihn überlisten.“ (12) Direkt am Anfang des Buches präsentiert der Autor seine grundlegenden Thesen, ein­gepackt in einen anschaulich erzählten Besuch in einer New Yorker Samenbank, um das eigene Sperma möglichst lang­fristig einfrieren zu lassen – nicht aus me­dizinischen Gründen, sondern aufgrund grundsätzlicher Erwägungen. Diese las­sen sich zusammenfassen mit dem Titel eines Vortrags des Autors im Juni 2008 im amerikanischen Kongress: „Genetik und andere Technologien zur Modifikation des Menschen.“ Denn: „Nachdem bei­nahe vier Milliarden Jahre lang die Evo­lution gemäß bestimmter Regeln von­stattengegangen ist, schickt sich unsere Spezies nun an, sich gemäß anderer Re­geln weiterzuentwickeln.“ (18) Das heißt: Selbstbestimmung statt Willkür in der Fortpflanzung, Design statt Natur, Ge­netik statt Evolution, Informationstech­nologie statt Biologie. „Unsere Erbmas­se hat nichts Magisches, wie wir inzwi­schen wissen, sondern ist ein Code, der in immer größerem Maße begriffen, ge­lesen, geschrieben und gehackt werden kann. Aus diesem Grund werden wir bald viele der Erwartungen an uns selbst ha­ben, die wir auch an andere Informati­onstechnologien stellen. Wir werden uns zunehmend auf vielfältige Weise als IT betrachten.“ (19) Und folgerichtig en­det das Buch mit den Sätzen „Die gene­tische Revolution wird eine der größten Chancen in der Geschichte unserer Spe­zies eröffnen, Fortschritte im Bereich von Gesundheit und Wohlergehen des Men­schen zu erzielen. Der Zugang zu Gen­techniken für uns und unsere Kinder ist ein weiterer Schritt in unserem ständi­gen Kampf gegen die Grausamkeiten der Natur, um unsere größten Hoffnungen zu verwirklichen und unsere begrenzte Bio­logie und eines Tages sogar unseren zeit­lich befristeten Planeten zu überwinden.“ (363) Dazwischen entfaltet der Autor ein kundiges Kaleidoskop der Möglichkeiten moderner Gentechnik und der Techniken des „enhancement“ menschlicher Perso­nen – obwohl man gerade den philoso­phisch kolorierten Begriff der Person als mögliche ethische Bezugsgröße gentech­nischer Entscheidungen vergeblich sucht. Dies ist bedauerlich, da doch der Autor selbst interessiert ist am Dialog über ro­te Linien, die nicht überschritten wer­den sollten, und an der Debatte über die Zukunft der genetischen Eingriffe beim Menschen, „um den Nutzen der revolu­tionären Gentechnik möglichst zu opti­mieren und deren Schaden zu minimie­ren.“ (25) Der Gedankengang ist nur kon­sequent: „Wir fühlen uns stark zu allem hingezogen, das wir als natürlich erach­ten, doch unsere Spezies ist durch das un­ablässige Bemühen gekennzeichnet, die Natur zu zähmen.“ (26) Wo ist die Gren­ze der Zähmung und Manipulierung der Natur, einschließlich von, wie der Autor unterstreicht, In-vitro-Fertilisation, prä­dikativer genetischer Testverfahren und Embryo-Screening? Diese Frage muss geklärt werden, „denn wir alle müssen klären, wie wir Kinder bekommen wol­len.“ (31) Könnte der klassische Personbe­griff als Maßstab der Würde des Individu­ums, das durch den Zufall des Ursprungs und der eigenen Zeugung vor prinzipiel­ler Manipulation geschützt wird, dabei eine Hilfe sein? Um es kurz zu machen: Diese und ähnliche Fragen der klassischen Ethik werden in dem Buch nicht berührt, aber das ist auch nicht das Ziel des Au­tors. Er behandelt kundig und gut lesbar die Fakten, etwa die heute vollkommene Vermeidbarkeit des Tay-Sachs-Syndroms, einer Erbkrankheit, die aus einer einzi­gen Mutation bei Chromosom 15 resul­tiert, und schon im Alter von zwei Jah­ren zu degenerativen Prozessen bis zum Tod führt: Durch die DNA-Sequenzierung ist nun ein genetisches Screening mög­lich, das zum Verschwinden des Syndroms bei Menschen führt. Die Frage ist nur: Wo ist die Grenze des Screenings und der Gen-Editierung durch CRISPR-Cas9, und nachfolgend der genetischen Verbes­serung oder Manipulation erreicht? Der Autor stellt diese und ähnliche Fragen, indem er die „Decodierung der Identität“ (84) an Hand visionärer Kinderwunschkli­niken beschreibt. Normative Antworten allerdings wird man vergeblich suchen, dafür gibt es aber jede Menge interes­sante Informationen aus dem biomedi­zinischen Labor und der Forschung, etwa zu monogenetischen Mutationen der Im­munresistenz gegen Ebola, die gentech­nisch zur Ausrottung der Viruskrankheit verwendet werden können.

Der Autor gibt mehrfach zu erkennen, dass er nicht religiös ist, und, in Bezug auf den Menschen, schlicht und nüch­tern davon ausgeht, „daß wir uns mittels Evolution aus Mikroben entwickelt ha­ben“, so dass Menschen begriffen wer­den als „ein einzelliger Organismus, der in 600 Millionen Jahren durch wilde, zu­fällige Mutationen und natürliche Se­lektion zu dem geworden ist, was wir heute sind. Wir sind nicht von unendli­cher, sondern nur von gewaltiger Kom­plexität. Das ist ein großer Unterschied. Wären wir von unendlicher Komplexität, würde es uns nie gelingen, uns zu be­greifen. Ist die Komplexität aber ledig­lich gewaltig, werden eines Tages unsere technischen Verfahren so ausgeklügelt sein, daß sie es mit dieser Komplexität aufnehmen können.“ (175) Dies wird vom Autor sehr anschaulich und mit vielen Beispielen geschildert; explizit auf reli­giöse und katholische Normen geht er im Rahmen des Problems der Abtrei­bung aus medizinischen Gründen und im Blick auf Embryonen-Selektion ein. Hier scheint er auf eine Art liberaler bio­ethischer Ökumene zu setzen: „Offen für einige gentechnische Veränderungen zu sein, bedeutet selbstverständlich nicht, daß sich das transhumanistische Chris­tentum, der jüdische Mainstream, der fortschrittliche Buddhismus und ande­re Glaubensrichtungen auf eine abschüs­sige Bahn begeben, die in unbegrenz­tem Transhumanismus endet.“ (294) Es bleibt am Ende die bedrängende Frage: Gibt es einen letzten ethischen Maßstab, der die Technik zähmen soll? Und genau­so wichtig und bedrängend aus theolo­gisch-ethischer Sicht: Was trägt eigent­lich die Rede vom christlichen Gott bei zur Beantwortung der ethischen Frage nach den sehr konkreten Grenzen ge­netischer Manipulation?

Peter Schallenberg, Mönchengladbach / Paderborn