Titelseite Amosinternational 1/2021

Heft 1/2021Fratelli tutti

Inhalt

Die neue Sozialenzyklika "Fratelli tutti" von Papst Franziskus ruft zu mehr Geschwisterlichkeit und Nächstenliebe auf. Reichen diese Kriterien aus, um das gesellschaftliche Zusammenleben gerecht zu gestalten? Die Beiträge dieses Heftes beleuchten die Aussagen der Enzyklika zu Themen wie Migration, interreligiösem Dialog und einer neuen Wirtschaftsordnung.

Über diese Ausgabe

Editorial

Schwerpunktthema

  • Plus S. 3

    Zwischen Liebessemantik und NaturrechtFratelli tutti im Kontext der päpstlichen Sozialverkündigung

    In seiner Sozialenzyklika Fratelli tutti verortet Papst Franziskus die Kirche einmal mehr konsequent an der Seite der Armen, Marginalisierten und Ausgeschlossenen. In Auseinandersetzung mit (globalen) sozialen Ungleichheiten und Exklusionsprozessen wählt er dabei den für die Tradition der päpstlichen Sozialverkündigung ungewöhnlichen Weg über eine Semantik der sozialen Liebe und der Brüderlichkeit. Den Barmherzigen Samariter stellt er als leuchtendes Beispiel den „Schatten der Abschottung“ in der Welt gegenüber. Neben einer umfassenden Kritik des Neoliberalismus bietet die Enzyklika auch einen Rekurs auf einen starken normativen Wahrheitsbegriff und das Naturrecht. Der Beitrag beleuchtet dieses spannungsvolle sozialethische Arrangement und versucht eine Einordung in den Traditionszusammenhang der bisherigen päpstlichen Sozialverkündigung bzw. der katholischen Soziallehre.

  • Plus S. 10

    „Beste Politik“ im dialogischen MiteinanderZur Politik- und Gesellschaftstheorie von Fratelli tutti

    Offiziell eine Sozialenzyklika über universale Geschwisterlichkeit und soziale Freundschaft, ist Fratelli tutti in erster Linie ein eindringliches Plädoyer für dialogische Politik: Nur die „beste Politik im Dienst am wahren Gemeinwohl“ (Nr. 154) könne die großen Verwerfungen dieser Welt lösen. Dazu sollen die kreativen und integrativen Potenziale politischer Dialoge freigesetzt werden. Doch taugt die in der Sozialenzyklika angebotene „Theorie“ der gesellschaftlichen Integration und der „politischen Nächstenliebe“, um eine solch dialogische Politik zu orientieren?

  • Plus S. 20

    Gleichgültigkeit überwinden – Einwanderung gestaltenMigration und Integration in Fratelli tutti

    Ein zentrales Anliegen der Enzyklika Fratelli tutti ist die Überwindung von Gleichgültigkeit zur Verwirklichung von Geschwisterlichkeit. Das gilt auch für Migration, die in der Enzyklika eine wichtige Rolle spielt. Nach einer Skizzierung des Verständnisses von Menschenwürde in der Enzyklika erläutert und diskutiert dieser Artikel deren Beitrag zum Migrationsdiskurs. Zwei Thesen werden vertreten: Die Ausführungen der Enzyklika zu Migration stellen wichtige Statements katholischer Sozialverkündigung dar, die anschlussfähig sind an aktuelle Migrationsdiskurse und sie zugleich bereichern. Gleichzeitig bleibt die Wirkung der Enzyklika begrenzt, was vor allem dem weitgehenden Fehlen von auf Gerechtigkeit (und Freiheit) ausgerichteten sozialethischen Überlegungen geschuldet ist.

  • Plus S. 27

    Fratelli e sorelle tuttiDie Sozialenzyklika aus islamischer Sicht

    In der von Papst Franziskus verfassten Enzyklika Fratelli tutti steht zum ersten Mal ein Nichtchrist, ein Muslim, Pate: Großimam Ahmad al-Tayyeb. Ein solch mutiger Schritt ist ein friedenstiftender und lösungsorientierter Impuls in einer Welt, die vor zahlreichen neuen Herausforderungen steht und in der die Kluft zwischen den christlichen und islamischen Ländern immer größer wird. Die Enzyklika leistet einen wertvollen Beitrag für den religiösen Diskurs, nicht zuletzt zeigen ihre existenziellen Ansätze, die sehr die positiven Potentiale von Religionen dem Nutzen aller dienen können. Leider kommen die Frauen bei Papst Franziskus zu kurz.

  • Plus S. 36

    Für eine menschengerechte Ordnung der WeltwirtschaftAnstöße von Fratelli tutti

    Die Enzyklika Fratelli tutti stieß wegen ihrer Kapitalismuskritik auf teils scharfe Ablehnung. Der Papst verurteilt aber keineswegs marktwirtschaftlichen Wettbewerb und Globalisierung. Ihm zufolge braucht es jedoch eine menschengerechte Ordnung der (Welt-)Wirtschaft, um den Wohlstand und die gesellschaftliche Teilhabe aller mehren und vor allem den Ausschluss der ärmsten und verwundbarsten Menschen überwinden zu können. Die Vision einer universalen Geschwisterlichkeit bietet nicht nur Orientierung für persönliches Handeln, sondern auch für die Gestaltung von Ordnungsstrukturen, national wie international. Dabei knüpft der Papst an die lange Tradition der Katholischen Soziallehre mit ihren zentralen Prinzipien an, die er im Lichte neuer Herausforderungen weiterentwickelt – was der Beitrag anhand der Ordnung der Weltwirtschaft im Allgemeinen und der Welthandelsordnung WTO im Besonderen aufzeigt.

Arts & ethics

Beitrag

  • Gratis S. 43

    Der Begriff „Subsidiarität“ in der niederländischen katholischen Soziallehre vor Quadragesimo anno

    Der Begriff „Subsidiarität“ ist ein wichtiger Bestandteil der katholischen Soziallehre. Er wurde zum ersten Mal geprägt in der Enzyklika Quadragesimo anno (1931). Deutsche Jesuitenpatres waren maßgeblich an der Entstehung dieser Enzyklika beteiligt. In den Niederlanden wurde dieses Konzept schon vor 1931 ausführlich diskutiert, wie die Texte von Joannes Aengenent und Jos van Beurden O.Praem zeigen – ohne allerdings den Begriff „Subsidiarität“ zu verwenden. In diesem Beitrag wird versucht, dafür eine Erklärung zu geben: Einerseits waren die sozialen Umstände und die soziale Stellung der Katholiken in den Niederlanden und Deutschland vergleichbar, andererseits kann vermutet werden, dass es einen intellektuellen Austausch zwischen deutschen und niederländischen Sozialtheoretikern gab.

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