Weltethos in der Gegenwart

Hemel, Ulrich (Hg.): Weltethos für das 21. Jahrhundert, Freiburg – Basel –Wien: Herder 2019, 267 S., ISBN 978-34 51 38 7418

Das kleine und doch so wirkmächtige Buch von Hans Küng, das „Projekt Welt­ethos“, feiert in diesem Jahr sein 30-jäh­riges Publikationsjubiläum. Was ur­sprünglich eine Ausarbeitung von zwei sich thematischen ergänzenden Vorträ­gen bei internationalen Anlässen (Welt­wirtschaftsforum/Davos und UNESCO/ Paris) war, hat eine einzigartige Wir­kung entfaltet: Nur wenige Jahre spä­ter, nämlich bereits 1993, wurde beim Parlament der Weltreligionen die soge­nannte „Erklärung zum Weltethos“ ver­abschiedet – ein Text der im Wesentli­chen aus der Feder von Hans Küng ent­stammte. Und 1995 konnte aufgrund einer großzügigen Spende die „Stiftung Weltethos“ gegründet werden. Schließ­lich war es 2012 möglich, in Kooperation mit der Universität Tübingen und der Karl Schlecht Stiftung, ein eigenes Weltethos- Institut zu etablieren. Zu dieser institutio­nellen Wirkung hinzu kommt der inter­nationale wissenschaftliche Diskurs, der sich um unterschiedliche Themenfelder, die mit der Weltethos-Thematik verbun­den sind, dreht. Zu dieser Wirkung zählt aber auch all das, was sich im Bereich der schulischen Bildung getan hat: Nicht nur die Aufnahme von Weltethos-The­men in die schulischen Curricula, sondern auch die Auszeichnung von zahlreichen Bildungsstätten als Weltethos-Schulen. Dieses 30-jährige „Projekt Weltethos“- Jubiläum war nun der äußere Anlass für einen Sammelband, den der Direktor des Weltinstituts, Ulrich Hemel, herausgege­ben hat und der den Titel trägt: Welt­ethos für das 21. Jahrhundert.

Rückschau, Würdigung und Ausblick geben die zentralen Intentionen für den neuen Weltethos-Band an. Das Buch do­kumentiert zum einen die Grundlegung, aber auch die Weiterentwicklung sowie jüngere Ausdifferenzierung von Idee und Projekt des Weltethos und stellt gewis­sermaßen ein Update im frühen 21. Jahr­hundert dar. Der Blick ins Inhaltsverzeich­nis offenbart nicht nur eine enorme Bandbreite und Vielfalt der Einzelthe­men, sondern lässt auch mit Blick auf die Namen der Autorinnen und Autoren erahnen, dass nunmehr eine neue (jün­gere) Generation ganz entscheidend am Diskus zum Weltethos beteiligt ist.

Der Band gliedert sich in fünf gro­ße Themenfelder, die als konkrete und praktische Bezugskontexte für das Pro­jekt Weltethos ausgewiesen werden. Der erste Teil beinhaltet insbesondere die an­gedeutete Rückschau, d. h. es wird die Entstehung, Grundlegung und frühe Pha­se der Entwicklung der Weltethos-Idee dargelegt. Der zweite Teil nimmt den Kontext Wirtschaft in den Blick, wäh­rend die Frage nach der Politik als Hand­lungsfeld im Mittelpunkt des dritten Teils steht. Ein vierter Teil erkundet Weltethos in der Zivilgesellschaft, bevor ein fünf­ter Teil sich mit der Frage der ökologi­schen Verantwortung und Nachhaltigkeit befasst. Gewissermaßen als ausblicken­der Epilog findet sich am Ende nochmals ein Beitrag, der die Idee eines weiteren, 18. „Sustainable Development Goals“ un­ter dem Titel „Gute religiöse Praxis“ ent­wickelt und fordert. In seinem grundle­genden Beitrag zeigt der Generalsekre­tär der Stiftung Weltethos die Ursprünge und Grundideen des Weltethos-Projekts auf und skizziert die anfänglichen Bemü­hungen von Hans Küng, Vertrauensbil­dung und Dialog der Religionen auf eine breite wissenschaftliche Basis zu stellen. Eine Kernprogrammatik, in den letzten 30 Jahren unzählige Male zitiert, findet sich in der Sentenz „Kein Weltfrieden ohne Religionsfrieden“ formuliert. Aus diesen Anfängen heraus entwickelte sich letztlich ein breiter interkultureller Dia­log über ein globales gesellschaftliches Dialogprojekt (30f). Überhaupt steht der Begriff des Dialogs im Mittelpunkt der Weltethosidee, was in mehreren Beiträ­gen des Bandes deutlich wird. Der inzwi­schen emeritierte Tübinger Theologe Karl Josef Kuschel nimmt globale Krisensym­ptome zum Ausgangspunkt seiner Über­legungen – Krisensymptome, die zum ei­nen die weltökologische, zum anderen die weltpolitische Dimension betreffen (40f). Und er zeigt auf diesem Wege die Notwendigkeit einer neuen, ethisch ba­sierten Weltordnung, die im Sinne einer globalen Rechtsordnung auszugestalten sei, auf. Zu Recht weist Kuschel darauf hin, dass es gänzlich elementar für die Weltethosidee sei, dass sich in der Kultur-und Religionsgeschichte der Menschheit ganz bestimmte ethische Normen ausge­bildet haben; ethische Normen, die um das Thema Lebensschutz und Lebensver­trauen kreisen und zur Voraussetzung für das Gelingen eines menschlichen Zusam­menlebens werden (46). Überdies betont Kuschel, dass die Bedeutung der Religio­nen in globaler Perspektive und der Dia­log zwischen ihnen unverzichtbar bleibt, auch in einem säkularen Zeitalter (43ff). Die jüngere Generation der Weltethiker ist durch Autoren wie Klaus Dierksmeier und Christopher Gohl vertreten, in deren Beiträgen die Begriffe einer weltbürger­lichen Verantwortung und weltbürgerli­chen Freiheit zentral sind. In einem ge­meinsamen Beitrag der beiden Autoren formulieren Sie prägnant zehn Thesen, in denen sie u. a. die Bedeutung von Globa­lität gegenüber Globalisierung betonen, ebenso, dass sich weltweit verantworten müsse, wer global wirke, dass eine libe­rale Freiheitsidee einhergehe mit welt­bürgerlicher Verantwortung und dass Verantwortung ein zentrales Prinzip des Wirtschaftens zu sein habe (57f). Mit Ge­danken, die um die Programmatik eines „Ethos in der Welt“ und eines „Ethos für die Welt“ kreisen und den Weltethosbe­griff als Einladung zur reflektierten Welt­gestaltung kennzeichnen, beschließt der derzeitige Direktor des Weltethos-Insti­tuts, Ulrich Hemel, den ersten Grund­lagenteil.

Derselbe Autor eröffnet mit seinem Beitrag auch das Handlungsfeld Wirt­schaft und stellt die Aufgabe des Welte­thos-Lernens in Unternehmen in den Mittelpunkt seiner Gedanken. Es geht um die ethische Qualität unternehmerischer Entscheidungen, ebenso wie auch um die ethische Kompetenz von Führungskräf­ten. Die zentralen Weltethos-Werte sind dabei letztlich von Religion und Welt­anschauung unabhängig, betreffen sie doch allgemeine Prinzipien der Humani­tät (77). In seiner Skizze zum humanisti­schen Management differenziert Chris­toph Gohl drei Ebenen der Weltverant­wortung in der Wirtschaft aus und zeigt in seinen Ausführungen deren Relevanz auf der Makro-, Meso- und Mikroebene der wirtschaftlichen Ordnung bzw. des unternehmerischen Handelns auf. Da­bei betont er, dass Weltverantwortung so selbstverständlich werden müsse, „dass sie die Gewohnheiten und Gebräuche, die Konventionen und Routinen in Un­ternehmen durchdringt und ausrichtet“ (80). Weltverantwortung präge dann auch das Miteinander im Unternehmen, Geschäftsmodelle und die Außenbezie­hungen. Auch der Beitrag von Friedrich Glauner widmet sich dem Ethos der Un­ternehmensführung und beschreibt die Weltethos-Werte als funktionalen Wer­terahmen für die Umsetzung einer un­ternehmerischen Verantwortung (85f). Er hebt hervor, dass die Weltethos-Werte als Richtschnur zur Entwicklung mate­rialer Kriterien dienen sollten, mit denen spezifische Handlungsbereiche, also auch der Handlungsbereich Führung, so aus­gerichtet werden können, dass sie situ­ativ angemessen, menschorientiert und hoch erfolgswirksam umgesetzt bzw. an­gewandt werden können (91). Die weite­ren Beiträge zum Thema Wirtschaft wid­men sich dem Zusammenhang zwischen Geld bzw. Geldethos und Weltethos, der Bedeutung des Weltethos für die so­ziale Markwirtschaft mit internationa­ler Reichweite und der Bedeutung von Werten für zukunftsfähige Geschäfts­modelle von Unternehmen.

Im dritten Themenfeld Politik zeigt der amtierende Präsident der Stiftung Weltethos, Eberhard Stilz, die elemen­tare Verbindung von Recht und Ethos auf und skizziert die weltethische Erfor­dernis einer internationalen Rechtsord­nung. Mit zu den herausragenden Beiträ­gen des Bandes gehört der Aufsatz des Friedens- und Konfliktforschers Markus M. Weingardt, der gleich zu Beginn seiner Ausführungen das von Küng geformte programmatische Fundament der Welt­ethosidee markiert: Die Religionen der Welt könnten nur dann einen Beitrag zum Frieden der Menschheit leisten, „wenn sie sich auf das ihnen jetzt schon gemein­same Ethos besinnen: Auf einen Grund­konsens bezüglich bestehender verbin­dender Werte, unverrückbarer Maßstäbe und persönlicher Grundhaltungen“ (148). Friedensdialog zum einen und Wertekon­sens zum anderen sind die beiden tra­genden Säulen des Weltethos-Projekts. Infolgedessen betont Weingardt zurecht die friedensstiftende Rolle religiöser Ak­teure, die zukünftig im politischen Raum noch viel mehr Gestalt und Gewicht ge­winnen müsse – und zwar nicht in Kon­kurrenz zu politischen Friedensbemühun­gen, sondern als ihre Ergänzung (152): „Dies ist ein Gebot politischer Notwen­digkeit, theologischer Glaubwürdigkeit und ethischer Verantwortung der Reli­gionsgemeinschaften, zumal sie oftmals elementare Voraussetzungen für effek­tive Friedensarbeit erfüllen“ (152). Den Religionen, darauf weist Weingardt hin, wohne nicht nur ein theologisch-theo­retisches, sondern auch ein politikprakti­sches Friedenspotenzial inne: Sie könnten Kompetenzen einbringen sowie Erfah­rungen und Erfolge sowohl hinsichtlich der Gewaltprävention als auch in Bezug auf Konfliktmediation oder konkrete Ver­söhnungsarbeit. Diese friedenspolitische Bedeutung der Religionen werde letzt­lich bestätigt durch institutionelle Ent­wicklungen: Etwa durch die Einrichtung des Referats „Religion und Außenpolitik“ im Auswärtigen Amt als auch durch Pro­jekte, die unter Federführung des Bun­desministeriums für wirtschaftliche Zu­sammenarbeit und Entwicklung mit Blick auf die religiösen Institutionen und Or­ganisationen als Akteure und Partner in Entwicklungszusammenhängen durch­geführt wurden und werden.

Kaum ein Thema im Kontext des Politischen wurde und wird in den letz­ten Jahren so intensiv diskutiert, wie die Frage nach der Demokratie, ihrer Krisensymptome, ihrer Zukunftssiche­rung. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Christopher Gohl mit einem Bei­trag aufzeigt, inwiefern nach weltethi­schen Idealen die Demokratie die wün­schenswerte Lebens- und Staatsform sei; „weltethische Ideale sind sozusagen die DNA, die Erbinformation oder der Quell­code einer lernenden Demokratie (…). Sie bieten Orientierung für den demokrati­schen Alltag an und bestärkten eine be­stimmte Haltung, eröffnen damit Per­spektiven und prägen Rezepte demokra­tischen Handelns“ (157).

Eine spannende Erörterung findet sich in dem Beitrag von Hans-Martin Schön­herr-Mann, der der Frage nachgeht, in welchem Zusammenhang die Fridays- For-Future-Bewegung, die er als Ergebnis der Emanzipationsprozesse des 20. Jahr­hunderts sieht, mit globalen ethischen Normen stehe. Seine Überlegungen setzt er in den größeren Zusammenhang der Frage nach globalen Normen einer Welt­ordnung vor dem Hintergrund einer mul­tipolaren Welt (165ff).

Überaus anregend ist die Frage nach der Menschenwürde als Ziel und Mittel menschlicher Entwicklung, der Hanna Schirovsky in ihrem Beitrag, der den zi­vilgesellschaftlichen Teil eröffnet, nachgeht. Die Besonderheit hier: Sie versucht aufzuzeigen, wie sich der sogenannte und seit Jahren viel diskutierte Capability-An­satz (Amartya Sen, Martha G. Nussbaum) mit der Weltethos-Thematik verbinden lässt und betont unter anderem, dass es vor diesem Hintergrund gute Gründe ge­be, an den Menschenrechten als Mindest­standards für ethisches Verhalten und für ein gutes Leben festzuhalten (184). Wei­tere Beiträge in diesem Teil erkunden die Bedeutung der Kommunikation im di­gitalen Zeitalter für die Weltethos-Idee (189) und beschreiben Konzept, Pro­grammatik und konkrete Umsetzungen der sogenannten „World Citizen School“ (197ff).

Im Herbst 2018 wurde beim letzten Parlament der Weltreligionen der Welte­thos-Erklärung von 1993 eine fünfte Weisung hinzugefügt, die die Notwen­digkeit der Nachhaltigkeit zum Ausdruck und zur Geltung bringt. Insofern ist es naheliegend, dass auch diverse Beiträge (Klaus M. Leisinger, Robert Brunnhuber, Friedrich Glauner) auf die Thematik der nachhaltigen Entwicklung eingehen, zum Teil mit ausdrücklichen Bezug auf den Agenda 2030 und die damit verbundenen Sustainable Development Goals (SDGs).

Felix Eckhardt betont hierbei in sei­nem Beitrag, dass es entscheidend sei, dass Suffizienz und Verhaltensänderun­gen als notwendige Elemente von Nach­haltigkeit in dieser fünften Weisung arti­kuliert werden (243). Auch der „Schluss­stein“ des Sammelbandes knüpft mit dem Vorschlag eines 18. Entwicklungsziels für die Agenda 2030 an diese Überlegungen an und fordert im Rahmen einer „Guten religiösen Praxis“ diverse Gesichtspunk­te der der Religionsfreiheit einzufordern und praktisch einzuhalten (250).

Mit „Weltethos für das 21. Jahr­hundert“ liegt ein Panorama unterschied­lichster Themen vor, an die sich weltethi­sche Überlegungen scheinbar anschlie­ßen lassen. Zur Sprache kommen nicht nur die zentralen Säulen, die die Welt­ethosidee tragen, zur Sprache kommen auch jüngere Herausforderungen, die sich erst im 21 Jahrhundert ergeben haben und für die es angezeigt ist, sie im Welte­thoskontext zu reflektieren. Nun mögen die kreativ-thematische Vielseitigkeit und das enorme Anregungspotential auf der einen Seite zwar beeindruckend sein, auf der anderen Seite stellt sich jedoch mehr und mehr die Frage, ob, wenn alles und jedes in Weltethos-Zusammenhän­gen gedacht werden kann oder soll, nicht dadurch der eigentliche Markenkern des Weltethos-Projektes (siehe die Beiträge von Schlensog, Kuschel und Weingardt) verloren geht. Insofern sei kritisch ver­merkt, ob durch diese vielseitige ver­meintliche Anschlussfähigkeit des Welte­thos-Projektes nicht die Grundidee aufs Spiel gesetzt wird, und ob nicht der gera­dezu inflationär anmutende Weltethos­bezug in allerlei möglichen Zusammen­hängen sowohl eine entwertende Über­dehnung als auch eine Überforderung der Ursprungsidee darstellt. So ist man schnell versucht, angesichts dieser ver­störenden und verwirrenden Wahrneh­mung auf die programmatische und kon­zeptionell eindeutigere Basisliteratur aus der „Gründerzeit“, den 1990er Jahren, zu­rückzugreifen, um eine solide und klare Orientierung zu bekommen. Dass in ei­nem solchen fast ausschließlich „hausin­ternen“ Buch keine kritischen Stimmen und Perspektiven vorkommen, mag ver­ständlich sein, hätte aber der Sache des Weltethos vermutlich einen größeren Dienst erwiesen, als die nun vorliegen­de affirmative Beliebigkeit. Seinem We­sen nach ist der Sammelband ein Pub­likumsbuch, das sich mit seinem facet­tenreichen Informationsgehalt an eine breite Leserschaft richtet. Gewiss wer­den nicht zuletzt Lehrende an Schulen und Hochschulen, auch wenn gerade der für die Weltethosthematik elemen­tare Bereich Bildung und Pädagogik ei­ne nicht nachvollziehbare Leerstelle in diesem Band bildet, einen ganzen Fun­dus an Ideen und Anregungen finden, wie sich die Weltethosidee im 21. Jahr­hundert thematisieren und fortschreiben lässt. Die Fortschreibung und Vertiefung des wissenschaftlichen Diskurses jedoch bräuchte einen Input anderer Art.

Johannes Frühbauer, Heidelberg