Schumacher, Ursula (Hg.): Abbrüche – Umbrüche – Aufbrüche. Gesellschaftlicher Wandel als Herausforderung für Glaube und Kirche (Studia Oecumenica Friburgensia 93), Münster: Aschendorff Verlag 2019, 289 S., ISBN 978-3-402- 12040-8
Der von Ursula Schumacher herausgegebene Band weist eine klare, gut nachvollziehbare Struktur auf: In einem ersten Teil geht es um religionssoziologische Bestandsaufnahmen (33–92). Im zweiten Teil sind Beiträge zu theologischen Grundlegungen versammelt (93– 165). Es folgen im dritten Teil pastoraltheologische Impulse (166–224). Der abschließende vierte Teil ist mit „Handlungsfelder und Lebenskontexte“ (225– 283) überschrieben.
Der Beitrag von Regina Polak zeichnet ein differenziertes Bild der Krise von Glaube und Kirche in Europa. Auf der Grundlage der Europäischen Wertestudien konstatiert sie eine Krise hinsichtlich der kirchlich-christlichen Formierung des Glaubens bei einem relativ gleichbleibenden Niveau der Aussagen zum Glauben an Gott während der letzten 40 Jahre. Das Epizentrum der Ablehnung jeglicher Form institutionalisierter Religion bilden die Jüngeren. Die zwischenzeitliche These des Wiener Teams der Europäischen Wertestudien von einer Wiederkehr der Religion beruhte für Polak auf einer Fehlinterpretation der Befragungsergebnisse um die Jahrtausendwende und müsse heute revidiert werden. Geblieben sei eine verstärkte öffentliche Aufmerksamkeit für die Religion, wachsende „holistische Milieus“ mit entsprechenden Glaubensformen und ein wachsender Rückgriff auf Elemente des Christentums als kulturelle „Identity-Marker“ in nationalistischen Strömungen. Mit Blick auf die Deutung der empirischen Befunde greift für Polak die These von einer Krise der Volkskirche oder mangelnder Attraktivität kirchlicher Angebote zu kurz. Sie lenkt die Aufmerksamkeit auf historische Konstellationen wie die Erfahrung der nach 1948 Geborenen mit Faschismus und Totalitarismus und dem Versagen der Kirchen in diesem Zusammenhang.
Die „Theorie religiös-säkularer Konkurrenz“, die mit einem Beitrag von Jörg Stolz und Pascal Tanner in dem Band vertreten ist, geht dagegen von einer strukturellen Schwäche der religiösen Akteure im Kampf mit ihren säkularen Konkurrenten um Aufmerksamkeit und Gefolgschaft des Publikums aus. Die Kontexteffekte, von denen die Theorie ausgeht – Innovationen, Regulierung, Ressourcenverteilung und Sozialisation – arbeiten eindeutig den säkularen Akteuren in die Hände. Ihrer Grundorientierung nach handelt es sich um eine modernisierungstheoretisch angelegte Säkularisierungstheorie. Sie möchte zwei Schwächen der herkömmlichen Säkularisierungstheorie überwinden: ihre mangelnde empirische Erklärungskraft und die Vernachlässigung der Ebene der handelnden Akteure. Der Versuch, die allgemeine Säkularisierungstheorie mit spezifischer Erklärungskraft auf der Handlungsebene auszustatten, bleibt meines Erachtens aber problematisch. In der Abgrenzung zwischen religiös und säkular neigen die Autoren dazu, alles, was nicht explizit religiös ist, dem weiten Feld des Säkularen zuzurechnen. So überrascht an den herangezogenen Beispielen zur Bestätigung der Theorie nicht, dass sich nur die religiösen Akteure der Megachurches der säkularen Konkurrenz gewachsen erweisen (72 – 76).
Der dritte Beitrag zur empirischen Bestandsaufnahme der religiös-kirchlichen Lage von Ulrich Riegel gibt einen breiten Überblick über die neuere Forschung zur Religiosität junger Menschen. Insbesondere der Blick auf die Vielzahl von Typologien jugendlicher Religiosität hinterlässt den Eindruck, dass es eine kaum überschaubare Pluralität religiöser Ausdrucksformen unter Jugendlichen gibt und dass nach wie vor eine Verschiebung von einem institutionell getragenen Glauben hin zu einem „Gemisch aus latent christlichen (…) und alternativ spirituellen Überzeugungen“ (91) im Gange ist. Entsprechend möchte der Autor auch eher von einer Kirchenkrise als von einer Glaubenskrise sprechen.
Im zweiten Teil des Bandes werden fünf sehr unterschiedliche Szenarien theologischer Grundlegungen angesichts der konstatierten Krise eröffnet. Ausgehend von einer Neuinterpretation des Glaubensverständisses im Römerbrief des Paulus (pistis) interpretiert Thomas Schumacher den Kern des christlichen Glaubens als antwortendes Beziehungsgeschehen auf die liebende Zuwendung Gottes. Glaube bedeutet dann für den einzelnen wie für die Kirche das eigene Handeln durchsichtig zu machen für die Liebe Gottes. Im sexuellen wie im Machtmissbrauch innerhalb der Kirche konstatiert Schumacher eine „Perversion des göttlichen Beziehungsangebots und eines christlichen Lebensideals …“ (107). Im zweiten Szenario erinnert Mariano Delgado anhand der Anthropologie des Zweiten Vatikanums und mystagogischer theologischer Überzeugungen von Karl Rahner und Johannes von Kreuz daran, dass jeder Mensch in seinem Alltag Gotteserfahrungen mache, die es auszugraben und zu begleiten gelte. Die fides quae, das Was des Glaubens, so Delgado im Anschluss an Rahner, kann heute nur in einer expliziten Einheit mit der fides qua, dem Grund des glaubenden Vertrauens, ausgesagt werden (120). Im dritten Szenario möchte Elmar Salmann in teils poetischer Sprache den Christen und der Kirche „Mut zur Minorität“ (123) zusprechen. Angesichts der Beobachtung, dass die Kirche heute sich unnötig klein und bucklig mache, plädiert er für eine gesellschaftskritische, stärker staatsdistanzierte Kirche auf dem Weg zu einem von ihr selbst beförderten Minderheitenstatus. Im vierten Szenario fragt Ursula Schumacher danach, wie heute unter den Bedingungen des Glaubensverlustes ein christlicher Glaube entstehen, bewahrt und tradiert werden kann. Sie nimmt die von Hans Joas entwickelte These von der unvermeidlichen Optionalität des Glaubens auf. Seine Bewahrheitung und Geltungskraft erfährt dieser Glaube dadurch, dass er sich als orientierende Kraft in existentiellen Fragen bewährt und aus seinem gemeinschaftsbildenden Impuls Bestätigung und Bestärkung erfährt. Ob eine verstärkte missionarische „Außenwerbung“ (145) diesem Glauben tatsächlich auf die Beine helfen kann, wie die Autorin in ihrem Ausblick vermerkt, mag mit Recht bezweifelt werden. Herausfordernd widersprüchlich fällt das letzte Szenario aus, das Martin Brüske mit dem Obertitel „Postbäcker oder die Logik des Objekts“ (147) überschreibt. Auf der einen Seite enthält sein Beitrag eine scharfe Analyse der individuellen Psychopathologie wie der systemischen sozialen Pathologie des sexuellen Missbrauchs in der Diözese Münster. Der Priester Postbäcker hat über einen Zeitraum von 30 Jahren eine Spur verbrecherischen Missbrauchs in verschiedenen Teilen der Diözese hinterlassen. Vier von Brüske namentlich genannte Generalvikare haben den Missbrauch gedeckt, vertuscht und keine der betroffenen Gemeinden informiert. Beim Ersttäter wie bei den „Vertuschungstätern“ (161) sieht Brüske dieselbe Logik am Werk, nämlich die „Logik des Objekts“ im scharfen Gegensatz zu einer „Subjektwerdung des Glaubens“ und einer „dezentrierten“ Kirche im Anschluss an die Ekklesiologie von Papst Franziskus. Der Analyse ist meines Erachtens weitgehend zuzustimmen. Fragwürdig wird die These Brüskes dort, wo er im Handeln der Generalvikare einen „Abgrund der ‚Volkskirche‘“ (162) am Werk sieht und die Befürchtung äußert, viele deutsche Reformtheologinnen und -theologen wollten nichts anderes als eine „zutiefst bürgerliche Reform der Versorgungskirche durch Adaption an die ‚Moderne‘“ (165). Als ob es sich bei der theologischen Kernidee Brüskes von der „Subjektwerdung des Glaubens“ nicht um eine schwer erkämpfte theologische Adaption an die Moderne handelte.
Drei der vier Beiträge der pastoraltheologischen Impulse im dritten Teil des Bandes lassen bei allen Unterschieden eine gemeinsame Struktur erkennen: Den Gegenhorizont bilden die Beharrungskräfte der Volkskirche (Thomas Frings), die pfarrerzentrierte Angebots-und Versorgungskirche (Christian Hennecke) und die verfehlte Fokussierung auf Strukturveränderungen der Kirche als Lösungsweg (Dürr/Matter 209). Die Beiträge lassen einen mehr oder weniger starken kulturkritischen Grundzug erkennen. Mehrfach wird die Metapher Charles Taylors vom „säkularen Zeitalter“ aufgegriffen und als absolute Hegemonie säkularer Weltdeutungen interpretiert. Bevorzugt negativ definierte Freiheit, Autonomie und Selbstbestimmung werden zu „letzten Sakramenten einer transzendenzfreien Gesellschaft“ erklärt und einem ideologischen (Schein-)Pluralismus zugerechnet (Dürr/Matter 203 f.). Je schärfere Ausprägung die Kulturkritik annimmt, desto alternativer fallen die Lösungsvorschläge und Lösungswege aus. Bei Frings sind es die „Freikirchen“ (178) der Entschiedenen und der Getauften. Nur um die alten Strukturen zu retten, dürfe man nicht auf die Zölibatsverpflichtung verzichten oder Frauen zu Priesterinnen weihen. Bei Hennecke und Dürr/Matter ruhen die Hoffnungen hauptsächlich auf den neuen geistlichen Gemeinschaften und deren Impulsen und Bereitschaft zum Wandel.
Der vierte pastoraltheologische Impuls von Ralph Kunz hebt sich von den bisher Besprochenen erkennbar ab. Sein Bild von der „Kirche von Morgen“ (211) ist um drei Schlüsselworte gruppiert: Nähe, Vielfalt und Profil. Schwerpunktmäßig ordnet er sie unterschiedlichen Ebenen von Kirche zu. Er plädiert für eine nachbarschaftliche „Normalgemeinde“ und interpretiert Nähe als „Annäherung und Öffnung der Gemeinde zu einer gastfreundlichen und tragenden Gemeinschaft“ (221). Auf der regionalen Ebene setzt er auf eine „vielfältige Vielfalt“ von kooperierenden Gemeinden und sieht „Profilgemeinden“ als Ausdruck einer „missionalen Ekklesiologie“ auf gesamtgesellschaftlicher Ebene.
Im abschließenden Teil, in dem es um Handlungsfelder und Lebenskontexte geht, plädieren auf der Grundlage differenzierter Situationsanalysen Sabine Pemsel-Maier mit Blick auf den Religionsunterricht und Birgit Jeggle-Merz hinsichtlich der Praxis des Gottesdienstes für mehr Heterogenität, Diversifizierung und Vielfalt. Wie angesichts der umfassenden „Krise der Heilswahrheiten und Heilsgüter“ (259) und der tiefgreifenden „Reproduktionskrise der Kirche“ (264), die Michael Ebertz im Anschluss an Max Weber und Pierre Bourdieu konstatiert, ausgerechnet eine dauerreflexive kirchliche Erwachsenenbildung eine Lösungsperspektive bieten soll, erscheint wenig überzeugend (269). Die Schlussfrage des Bandes, „Schrumpfen sich die Orden gesund?“ (273) beantwortet der Pallotiner Paul Rheinbay tendenziell mit einem Nein und verweist auf die Frauen und Männer in der Wüste Ägyptens am Ursprung der christlichen Lebensform der Orden als eines von möglichen Vorbildern für eine Zukunft der Orden im 21. Jahrhundert (283).
Insgesamt versammelt der Band viele lesenswerte Beiträge. Die Reformdebatte in der katholischen Kirche erhält wichtige Anstöße. Wenn nach der Lektüre des Bandes aber Zweifel an einer zur Kirchenreform fähigen Theologie bleiben, liegt dies an einem immer wieder durchscheinenden Zusammenspiel von kulturkritischer, postmoderner gesellschaftlicher „Unglücksprophetie“ (Johannes XXIII.) und dem Ruf nach einem Primat (geistlicher) Identität vor gesellschaftlicher Relevanz.
Karl Gabriel, Münster