Nida-Rümelin, Julian: Die gefährdete Rationalität der Demokratie. Ein politischer Traktat, Hamburg: Edition Körber 2020, 299 S., ISBN 978-3-89684-278-7
Immanuel Kant schrieb den griffigen Aphorismus nieder: „Mit dem Alter nimmt Urteilskraft zu und Genie ab“ (Kant, Immanuel: Köche ohne Zunge. Notizen aus dem Nachlass. Göttingen 2014, 25), wobei „Genie“ hierbei das meint, was wir heute mit „Originalität“ bezeichnen würden. Dies möchte man Julian-Nida Rümelin für seinen neuen „politischen Traktat“ mit dem Titel „Die gefährdete Rationalität der Demokratie“ anerkennend zusprechen. Ohne dass dieses Buch den Anspruch erheben könnte, einen besonders originellen Beitrag zum Diskurs über die Demokratie in der Krise zu leisten, besticht es doch durch seine klare und präzise Argumentation, die einen wohlaustarierten Abstraktionsgrad aufweist: so viel Theorie wie nötig, so viel Praxissättigung wie möglich, ohne sich dabei im Detail zu verlieren, sondern vielmehr die Argumentation beständig voranzubringen. Niemals werden die teils recht komplexen Argumente in überfordernder Eile konstruiert, aber immer so, dass beim Lesen keine Langeweile entsteht oder der Stoff allzu trocken wirkt. Auch die den Lesefluss erleichternde Verlagerung des umfangreichen Anmerkungsapparates in Endnoten trägt dieses Gepräge souveräner Ruhe eines „nicht zu viel und nicht zu wenig“. Hier liegt ein wirklich reifes Werk eines Mannes vor, der in ihm eine Synthese der Erfahrung aus jahrzehntelanger politischer Arbeit – im Kabinett Schröder sogar in exponierter Regierungsverantwortung – und theoretischer Reflexion als Philosophieprofessor so gekonnt zusammenführt, dass er die Klassiker der Demokratietheorie und politischen Philosophie in einen fruchtbaren Bezug zu aktuellen Entwicklungen bringen kann.
Durch seinen nüchternen Stil vollzieht Nida-Rümelin quasi performativ das, worum es ihm im Kern zu tun ist, nämlich die Rettung einer auf Vernunft und der gegenseitigen Anerkennung von Freiheit und Gleichheit basierenden Kultur des demokratischen Streits um das bessere Argument, die Bewahrung einer „kollektiven Autonomie“ und ihrer spezifischen Rationalität, die immer auf „individuelle Autonomie“ bezogen sein muss. Das spiegelt sich insbesondere in seinen bemerkenswerten Schlussfolgerungen.
So zeichnet sich die Demokratie gerade nicht dadurch aus, dass sie Staat und Gesellschaft bzw. Kultur so voneinander trennt, dass der demokratische Staat unabhängig von Werten, vollkommen neutral, verfasst sein könnte. Vielmehr gelte es gerade angesichts der Zersetzung demokratischer Rationalität, eine „Leitkultur des Humanismus“ stark zu machen. Demokratie beruhe auf einem Konsens „höherer Ordnung“ auf den Nida-Rümelin immer wieder zu sprechen kommt und „der sich auf Verfahren, die Art und Weise oder auf die Methode der kollektiven Entscheidungsfindung bezieht“ (Nida- Rümelin, 114) – was im Wesentlichen eben auch eine „demokratische Lebensform“ als Grundlage dieser Verfahren beinhaltet, die auf einem vernunft- und damit respektbasierten Diskurs beruht, im Streit um das, was wahr, gut und schön ist. Eine durch einen solchen Konsens konstituierte kollektive Autonomie fordert dadurch, dass es eben nicht um den Streit zwischen individuellen Präferenzen geht, erst die hohe Verbindlichkeit ein, die die für eine funktionierende Demokratie notwendigen Prinzipien begründet – wie beispielsweise Rechtsstaatlichkeit.
Damit hängt zusammen, was Nida- Rümelin meisterlich aus abstrakten entscheidungstheoretischen Argumenten, wie dem Gibbard-Theorem oder dem Sen-Paradoxon folgert ohne dabei zu technisch zu werden: Es macht Demokratie nicht aus, dass jeder Einzelne nur einfach seinen individuellen Präferenzen folgen sollte und sich daraus dann eine Ordnung größtmöglicher Freiheit aggregiere. Vielmehr sei das Moment der „Deliberation“, also des öffentlichen Diskurses, dem Austausch von Argumenten und des Ringens um Kompromisse das, was – streng rational gefolgert – größtmögliche Freiheit und Gleichheit für alle verbürgt.
Dass die Überlegungen durchaus Deutungen in sich bergen, die politischen Sprengstoff enthalten könnten, zeigt sich immer dann, wenn Nida-Rümelin sich mit Demokratiekritikern auseinandersetzt, die er in fünf Gruppen sortiert: Libertäre, Kommunisten, Solidaristen, Multikulturalisten und Identitäre. Für alle kommt er zum Ergebnis, dass sie unvereinbar „mit den beiden Fundamentalnormen der Demokratie: Freiheit und Gleichheit“ (Nida-Rümelin, 171) seien. So gilt beispielsweise für Multikulturalisten:
„Nicht die multikulturelle Verfasstheit demokratischer Gesellschaften, sondern die multikulturalistische Ideologie ist mit den normativen Prinzipien moderner Demokratien unvereinbar. Sie ist unvereinbar mit individueller Autonomie, sie zwingt die einzelne Person, sich über ihre Gemeinschaftszugehörigkeit als politischer Akteur zu definieren, sie fördert gruppeninternen Konformismus und verhindert eine geteilte politische Öffentlichkeit. Die für eine demokratische Ordnung so wesentliche kollektive Rationalität bedarf geteilter Normen und Werte sowie eines demokratischen Konsenses höherer Ordnung, der die demokratische Legitimation kollektiver Entscheidungen und staatlicher Institutionen sichert.“ (Nida-Rümelin, 168)
So wie Multikulturalisten die Vorstellung des vernünftigen, autonomen und damit mit allen gleichen Individuums zu Gunsten partikularer Gruppenidentitäten verabschieden wollen, würden Identitäre – die er gleichwohl als diejenige Gruppe hervorhebt, die den „fundamentalsten Angriff“ auf die Grundlagen der Demokratie führe (vgl. Nida-Rümelin, 160) – die ethnische Volksgemeinschaft mit derselben Absicht beschwören. So unterscheiden sich Multikulturalisten und Identitäre zwar in Inhalt und Stil, dennoch kommen sie für Nida-Rümelin in der Art, wie sie die Grundlagen der Demokratie unterminieren würden, in einem wesentlichen Punkt überein: „Multikulturalisten verabschieden die humanistischen Grundlagen der Demokratie in Gestalt eines pluralistischen und die Identitären in Gestalt eines monistischen Kollektivismus.“ (Nida-Rümelin, 171)
Alle, die die Anstrengung des Begriffs nicht scheuen, werden nach der Lektüre dieses Traktats einen klareren Blick auf die gegenwärtigen politischen Entwicklungen haben. So kann dieser dabei helfen ein vertieftes Verständnis dafür zu entwickeln, was eine demokratische Haltung sowohl für den Einzelnen als auch für eine politische Gemeinschaft als Ganzer ausmacht. Ein wohltuender, unaufgeregter Kontrapunkt gegen die Hysterie, wie sie sich zunehmend im politischen Diskurs ausbreitet, eine denkerische Arbeit, die sich sowohl für ein gebildetes Publikum als auch für die Fachwelt zu lesen lohnt.
Stefan Gaßmann, Mönchengladbach