Friedensethik im Spannungsfeld von Religion und Gewalt

Die semantische Umstel­lung der katholischen Friedensethik von der Leh­re des gerechten Krieges zum Konzept des gerechten Frie­dens gehört zu den wichtigen Innovationsleistungen in der christlichen Sozialethik und der kirchlichen Sozialver­kündigung nach dem Zwei­ten Vatikanischen Konzil. Die Idee des gerechten Friedens setzt dabei die Kri­terien für die Rechtfertigung militäri­scher Gewalt nicht außer Kraft, bettet sie aber in ein umfassenderes Konzept der Wachsamkeit und der Prävention sowie in ein Ensemble von überwie­gend nicht-militärischen Interventi­onsmöglichkeiten ein. Die Bevorzu­gung der gewaltpräventiven Bearbei­tung von Konflikten wird als ethische Forderung hervorgehoben: „Äußerste Anstrengungen, Gewalt zu vermeiden, sind nicht bloß empfohlen, sondern im strikten Sinne verpflichtend. Unter al­len Umständen gilt der Grundsatz: Vor­beugende Politik ist besser als nach­trägliche Schadensbegrenzung.“ (DBK, Gerechter Friede, Nr. 66) Stärker als in den klassischen Kriterien der recta in­tentio und des iustus finis wird vor al­lem das Problem der Unabsehbarkeit, der Fehleranfälligkeit von Prognosen sowie die Gefahr der in der Regel früher oder später entgleitenden Steuerbarkeit und des Ausuferns oder Entgleisens ei­nes militärischen Konflikts berücksich­tigt. Das Konzept des „Gerechten Frie­dens“ berücksichtigt wichtige Erkennt­nisse der Friedensforschung. Neben zwischenstaatlichen Konflikten geht es zunehmend um innerstaatliche, regio­nale Auseinandersetzungen mit häu­fig – denken wir etwa an Syrien – äu­ßerst unübersichtlichen Machtverhält­nissen und im Hintergrund stehenden transnationalen Konfliktszenarien. Zu­nehmend werden Aspekte der vor al­lem in globaler Perspektive unfassba­ren sozioökonomischen Ungleichheit berücksichtigt, der unterschiedlichen Verteilung der negativen Klimafolgen und der damit verbundenen Risiken so­wie nicht zuletzt des Zusammenhangs von politischem System und Gewalt­bereitschaft von Staaten.

Eine besondere Herausforderung stellt für eine Friedensethik auf religiö­ser Basis die ambivalente Haltung der Religionen zur Gewalt dar. Religions­gemeinschaften haben häufig ein dop­peltes Gewaltproblem: Zum einen gibt es das Problem der physischen Gewalt, vor allem präsent in religiös motivierten terroristischen Gewaltakten. Auch poli­tische Konflikte, die mit Gewalt ausge­tragen werden, haben oder hatten reli­giöse Konnotationen und Hintergründe. Zum anderen gibt es ein politisches Ge­waltproblem. Dieses doppelte Gewalt­problem verweist auf ein eigentümliches Phänomen der Einordnung religiös mo­tivierter Gewalt. Demnach resultiere Ge­walt gar nicht wirklich aus religiösen, sondern aus politischen Motiven. Re­ligiöse Motive würden lediglich poli­tisch instrumentalisiert und als Brand­beschleuniger eingesetzt. Das trifft zum Teil sicher zu. Grundsätzlich aber ist es schwierig, scharf zwischen politischen Motiven und religiösen Motiven zu un­terscheiden, gerade dann, wenn sich, auch aus Sicht einer Religionsgemein­schaft, politische Machtansprüche aus religiösen Motiven nähren.

Im vorliegenden Heft entwickelt Markus Vogt (München) Versöhnung als Prinzip einer christlichen Friedens­ethik und Petra Steinmair-Pösel (Feld­kirch) bietet „Prolegomena zu einer Frie­densethik im Anthropozän“. Wolfgang Palaver (Innsbruck) thematisiert den Zu­sammenhang von Religion und Gewalt und Johannes Frühbauer (Heidelberg/ Augsburg) stellt die Konzeption des ge­rechten Friedens vor. Schließlich wid­met sich Marco Schrage (Hamburg) einer friedensethischen Reflexion der Außen-und Sicherheitspolitik der Europäischen Union mit einem Schwerpunkt auf dem Engagement in Mali.

Zu den profiliertesten Friedensethi­kern der deutschsprachigen theologi­schen Ethik gehörte Eberhard Schocken­hoff. Marianne Heimbach-Steins be­tont für die Arbeitsgemeinschaft der Sozialethiker*innen in einem Kondo­lenzschreiben, dass Eberhard Schocken­hoff „das Bild der theologischen Ethik in Deutschland und weit darüber hinaus wesentlich geprägt“ hat. Dazu beigetra­gen haben nicht zuletzt seine Beiträge zur Friedensethik. Herausgeber und Re­daktion von Amosinternational möch­ten deshalb diese Ausgabe Eberhard Schockenhoff widmen und damit einen Beitrag zum Andenken an einen ver­dienten und streitbaren Kollegen leisten.