Hilpert, Konrad: Theologische Ethiker im Spiegel ihrer Biografie. Stationen und Kontexte, Paderborn: Verlag Ferdinand Schöningh 2016, 270 S., ISBN 978- 3-506-78122-2
Um die fernere oder jüngere Geschichte einer theologischen Disziplin zu rekapitulieren, bieten sich mehrere Möglichkeiten der Retrospektive und relecture an. Man kann einzelne wirkmächtige Werke analysieren und interpretieren, man kann bedeutsame Autor*innen behandeln und auf ihre Relevanz für das Heute befragen oder spezifische Einzelthemen und inhaltliche Kontroversen neu aufnehmen. Oftmals aber erfolgt dies aus einer Außenperspektive. Man nähert sich dem Werk, dem Thema, dem Autor oder der Autorin von außen an, versucht ihm oder ihr möglichst nahe zu kommen und ihn oder sie besser zu verstehen. Dies kann gelingen, Distanzen aber werden bleiben. Eine andere Möglichkeit ist es daher, einige Denker*innen selbst, unmittelbar und möglichst ungefiltert zu Wort kommen zu lassen.
Der emeritierte Münchener Moraltheologe Konrad Hilpert unternimmt genau diesen Versuch und führt elf emeritierte oder vor ihrer Emeritierung stehende Kolleg*innen zusammen, „die das Fach Theologische Ethik über Jahrzehnte hinweg vertreten, gelehrt und durch ihre Publikationen vorangebracht haben“. Im Einzelnen sind dies Adrian Holderegger, Josef Schuster SJ, Alberto Bondolfi, Werner Wolbert, Antonio Autiero, Gerhard Droesser, Herbert Schlögel OP, Ingeborg Gabriel, Josef Römelt CSsR, Marianne Heimbach-Steins sowie der Herausgeber selbst. Theologische Ethik begegnet im Spiegel verschiedener Biografien, vornehmlich, aber nicht nur, von Berufsbiografien. Aufgrund dieser Anlage schließt das Werk an die beiden Bände „Theologische Ethik – autobiographisch“ (2007/2009) an.
Gewiss birgt dieses Vorhaben im Einzelnen Gefahren, sei es „in einer Art rückwärtsgewandter Prophetie die Mosaiksteine des Lebens zu einem Gesamtbild zusammenzufügen, obgleich doch vieles unvollendet und Stückwerk geblieben ist“ (39), sei es, dass es nicht im Wesen der einzelnen Autor*innen liegt, die eigene Biografie „inszenieren“ (113) zu müssen. Die Zeugnisse des vorliegenden Bandes aber wirken durchgehend authentisch, keineswegs inszeniert oder konstruiert, allenfalls von berechtigtem Stolz durchzogen und von einer gewissen Zufriedenheit getragen. Rückblickend stellen die Autor*innen ihre methodischen Zugänge und Betätigungsfelder, das eigene Ringen und Zweifeln, menschliche und institutionelle Konflikte, Erreichtes und Verpasstes dar. Beschwerliche Lebensphasen werden nicht idealisiert oder wortlos ausgeklammert. Unebene Lebenswege werden nicht einfach nachträglich eingeebnet. Den Leser*innen, insbesondere den jungen Nachwuchswissenschaftler*innen, vermag dies Mut und Hoffnung zu machen. Die prägenden Größen des Faches werden nahbar, auch durch die vielen Blicke hinter die Kulissen. Dadurch eröffnen sich neue, bisweilen auch unbekannte Perspektiven, die einzunehmen sich für die Leser*innen zweifellos lohnen.
Der Aufbau der einzelnen Kapitel bleibt dabei weitgehend gleich, soweit es die Einzigartigkeit der jeweiligen Lebensgeschichten und die Verschlungenheit ihrer Wege eben zulassen. Gemeinsam sind den Autor*innen die Prägung durch das Zweite Vatikanische Konzil, die zunehmende Öffnung theologischer Berufstätigkeit für Frauen und männliche Laien, die gesellschaftlichen und kirchlichen Umbrüche ab den 1960er Jahren, aber auch die vielfach als schmerzlich empfundenen Rückschritte in dieser Zeit. Ihre Lehrer waren jene großen Theologen wie Alfons Auer, Klaus Demmer, Bruno Schüller, Bernhard Fraling oder Franz Böckle, deren Spuren innerhalb der Theologischen Ethik bis heute sichtbar sind. Beispielhaft werden die vielfältigen Dynamisierungen im Bereich medizinethischer oder politisch-ethischer Fragestellungen greifbar.
Zumindest knapp hervorgehoben seien die beiden letzten Kapitel: Zum einen die Ausführungen von Marianne Heimbach-Steins, die nicht nur eine personale Biografie, sondern die jüngere Entwicklungsgeschichte der gesamten deutschsprachigen christlichen Sozialethik aus erster Hand und unmittelbarer Nähe beschreiben; zum anderen das abschließende Übersichtskapitel von Jochen Sautermeister, der mit bemerkenswertem Überblick und systematischer Prägnanz gleich einem disziplingeschichtlichen Husarenritt die wesentlichen Kontexte und Entwicklungen sowie mehrere zentrale Publikationen in der Moraltheologie und Christlichen Sozialethik zwischen den Jahren 1990 und 2015, in eben jenem Wirkungszeitraum der vorgestellten Theologen, darstellt, in Reihe bringt und zueinander ins Verhältnis setzt – zweifellos eine Pflichtlektüre für alle interessierten und ambitionierten Theologischen Ethiker*innen.
Am Ende der Lektüre lässt sich bestätigen, dass Hilperts Vorhaben, einen „Abschnitt der jüngeren Geschichte des Fachs Theologische Ethik zu erschließen“, gelingt. Für die Gegenwart, aber auch für die Zukunft, für die jetzige Generation an Moraltheolog*innen und all die noch kommenden ist dieser Band eine höchst inspirierende Quelle und stellt einen reichhaltigen Wissens- und Erfahrungsschatz auf wenigen Seiten und wohl ‚portioniert‘ zur Verfügung. Er trägt dazu bei, einzelne Fachvertreter*innen und damit letztlich eine ganze Disziplin besser zu verstehen und (wieder) neu kennenzulernen. Schnell wird damit deutlich, dass es um mehr geht als um eine retrospektive wissenschaftsgeschichtliche Selbstvergewisserung oder gar nur um die Kompilation einzelner Stimmen im biografischen Gewand, die je für sich selbst stünden. Im erfahrungsgesättigten personalen Zeugnis und im Spiegel individueller, aber doch aufeinander bezogener Biografien wird vielmehr und nicht weniger als das sichtbar, was die Theologische Ethik als wissenschaftliche Disziplin in ihrem Kern und darüber hinaus auszeichnet. Denn es sind „theologische Ethikerinnen und Ethiker, mit ihrem Ethik-Treiben, die die systematische Bestimmung dessen, was Theologische Ethik ist und welche Aufgaben ihr zukommen, formen und gestalten müssen. Insofern sind autobiografische Zeugnisse ein Beitrag nicht nur zur materialen, sondern auch zur formalen Selbstreflexion des Faches“ (238). Man kann nur hoffen, dass die von Hilpert aufgelegte Reihe in ihrer Anlage und Zielrichtung noch lange weitergeführt und regelmäßig ergänzt werden wird.
Alexander Merkl, Hildesheim