Würdigung Schasching

Spieß, Christian (Hg.): Sachgerecht – menschengerecht – gesellschaftsge­recht. Texte von Johannes Schasching SJ, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2020, 343 S., ISBN 978-3-506-70749-9

Der aus Oberösterreich stammende Jesuit Johannes Schasching (1917–2013) zählt zu den wichtigsten Vertretern der katho­lischen Soziallehre in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Als akademi­scher Lehrer wirkte er zunächst in Inns­bruck, dann 1966–1991 an der Päpstli­chen Universität Gregoriana in Rom. Aus meinem ersten Studienjahr (Innsbruck 1958/59) ist mir seine brillante Sozio­logievorlesung noch heute in lebendi­ger Erinnerung. Der Herausgeber, Profes­sor für Christliche Sozialwissenschaften und Vorstand des Johannes Schasching SJ Instituts der KU Linz, fügte 32 Texte aus dem Nachlass Schaschings zu dem vorliegenden Band zusammen. Die Nach­lasstexte, überwiegend Entwürfe von Vorträgen, waren zumeist nicht datiert und ohne nähere Angaben über Anlass und Adressaten. Aus ihrem Inhalt lässt sich eine Entstehungszeit zwischen 1963 und 1995 annehmen. Über Leben und Wirken Schaschings informiert im Band eine von P. Alois Riedlsperger SJ verfass­te biografische Notiz.

Die thematische Gliederung der Texte beginnt mit Einführungen in die Wirtschaftsethik. Es folgen Erörterun­gen zu Wert und Würde der menschli­chen Arbeit. Der Großteil der weiteren Nachlassschriften bezieht sich informa­tiv und kommentierend auf Sozialdoku­mente des Lehramts, wobei die Themen Frieden und Entwicklung im Vorder­grund stehen. Einige Texte behandeln die Konsequenzen des sozialen Wandels für Gesellschaft, Kirche und Gemeinde. Signifikant für das sozialethische Den­ken Schaschings, das in dieser Vielfalt der Arbeiten zum Ausdruck kommt, ist einerseits der hohe Stellenwert, den er der Autorität der kirchlichen Sozial­verkündigung von Rerum novarum bis Centesimus annus einräumt, und ande­rerseits sein starkes soziologisches In­teresse für die sich wandelnden sozia­len Kontexte, die den Hintergrund dieser lehramtlichen Äußerungen bilden.

Auf fünf Texte möchte ich besonders hinweisen:

  • Im relativ großen Beitrag „Katholische Soziallehre und Arbeit“ (49–75) geht es um die differenzierte Skizze der Entwicklung des sozialethischen The­mas „Arbeit“ vom Kontext der Klas­sengesellschaft (Leo XIII., Pius XI.) über das Anliegen einer „Kultur der Arbeit“ (Johannes XXIII., II. Vaticanum, Paul VI., Johannes Paul II.) zum Pro­blem „Arbeit und Entwicklung“.
  • Unter dem Thema „Arbeit gestaltet die Welt“ (76–85) steht Schaschings Vortrag beim 82. Deutschen Katho­likentag 1968 in Essen.
  • Besonders lesenswert ist auch der Pa­radigmenwechsel, den der Text „Vom christlichen Milieu zur gesellschaft­lichen Partnerschaft“ (142–155) dar­stellt: Während die in Rerum novarum und Quadragesimo anno urgierten Sozialreformen mit dem kraftvollen Einsatz christlicher Milieus rechneten, setzen die späteren kirchliche Sozialdokumente auf den Dialog und die partnerschaftliche Wahrheitssuche aller Menschen guten Willens.
  • Schaschings Bestreben, Fragestel­lungen soziologisch auszuleuchten, kommt besonders gediegen zum Aus­druck im Text „Der soziologische Ge­halt von Mater et magistra“ (156– 166).
  • „Mehr-Mensch-Sein: Ein Beitrag zur Deliberatio communitaria der Gemeinschaft Christlichen Lebens“ (267–287) macht in fünf eindrucks­vollen Vorträgen den Sozialethiker als Seelsorger und Priester präsent, wo­bei die Themen der deliberatio durch­wegs sozialethisch sind.

Das Buch bietet dem Leser einen reich­haltigen und interessanten Einblick in das Bemühen eines bedeutenden Sozialethi­kers, katholische Soziallehre in der ge­nannten Zeitspanne einem breiten Pu­blikum zu vermitteln. Stil und Didaktik dieser Vermittlung zeigen Schaschings Fähigkeit, komplexe Inhalte einfach und allgemein verständlich darzulegen, was für manchen heutigen Sozialethiker bei­spielhaft sein könnte. Natürlich zeigt der zeitliche Abstand der Texte zur Gegen­wart auch die Weiterentwicklung des Faches. Dabei ist zu bedenken, dass der wirtschaftsethische Diskurs zur Entste­hungszeit der Texte, sieht man vom Neo­marxismus der Achtundsechziger ab, au­ßerhalb der Christlichen Sozialethik und vor der Rawlsschen Gerechtigkeitstheorie bei weitem nicht die heutige Konjunktur aufwies und eher marginal war. Christli­che Sozialethiker wie Nell-Breuning und Schasching wirkten damals als Pioniere. Auch in dieser historischen Perspektive empfiehlt sich die Lektüre.

Arno Anzenbacher, Mainz