Schulmeister, Stephan: Der Weg zur Prosperität, Wals bei Salzburg: Ecowin 2018, 475 S., ISBN 978-3-7110-0148-1
Wachsende Ungleichheit, anhaltende Arbeitslosigkeit und enorme Staatsverschuldung stellen Europa seit der Wirtschaftskrise vor große Probleme. Zukunftsangst, Wut und Unsicherheit führen gegenwärtig zu einem Erstarken rechtspopulistischer Parteien, die erneute Betonung nationaler Grenzen stellt die europäische Integration in Frage. Nicht zuletzt führt die gegenwärtige Corona-Pandemie die Fragilität des Wirtschafts- und Finanzsystems eindrücklich vor Augen. Mehr als zehn Jahre nach Ausbruch der Wirtschaftskrise stellt sich deshalb berechtigterweise die Frage, inwiefern deren Bewältigung gelang. In seinem Buch „Der Weg zur Prosperität“ setzt sich Stephan Schulmeister kritisch mit den Wegen in und aus der Krise auseinander. Bereits auf den ersten Seiten bezieht er mit 20 Thesen Position, in denen sich der Charakter seines Buches als Streitschrift gegen den Neoliberalismus und seine intellektuellen Grundlagen widerspiegelt. Das neoliberale Gesellschaftsmodell ist ein „falsches Ganzes“, das in die Krise geführt hat und dessen Lösungsansätze krisenverstärkend wirken. Es muss deshalb im Ganzen überwunden werden, um zurück auf den Weg der Prosperität zu finden. Mit Hilfe eines neu entwickelten theoretischen Rahmens, der zwischen real- und finanzwirtschaftlicher Spielanordnung unterscheidet, setzt Schulmeister zentrale Wegweiser.
Schulmeister strukturiert seine Überlegungen in sechs Teile, wobei die ersten drei Abschnitte theoretischen Überlegungen gewidmet sind und die letzten drei sich mit der Krise und deren Bewältigung in Europa auseinandersetzen. Bevor der Autor im dritten Teil einen neuen theoretischen Rahmen entwickelt, schildert er packend und kontextsensibel die ökonomische Theorienentwicklung. Dabei macht er die Unterscheidung zwischen idealistischen – vom Idealzustand eines Gleichgewichts ausgehenden – und realistischen – ausgehend von der konkreten Wirklichkeit – Wirtschaftstheorien stark, die auch seine weiteren Ausführungen prägt. Nach einer vertieften Auseinandersetzung mit den ganzheitlichen und realistischen sowie aber meist unvollständig rezipierten Ansätzen von Adam Smith und John Maynard Keynes skizziert Schulmeister den Siegeszug des Neoliberalismus als den der idealistischen Wirtschaftstheorie schlechthin. Dessen politische Folgen ab den Siebzigerjahren – unter anderem in Form einer Verschlankung des Sozialstaates und der Liberalisierung der Finanzmärkte – identifiziert Schulmeister als systemischen Wechsel von einer realwirtschaftlichen zu einer finanzwirtschaftlichen Spielanordnung.
Das Wechselspiel zwischen realwirtschaftlichen und finanzwirtschaftlichen Spielanordnungen bietet im dritten Teil des Buches die Grundlage eines theoretischen Rahmens, mit Hilfe dessen Schulmeister die Phasen zunehmender Prosperität und zunehmender Krisenerscheinungen erklärt. Er analysiert die Abfolge der Spielanordnungen von 1848 bis in die Gegenwart: In Prosperitätsphasen liegt der Zinssatz unter der Wachstumsrate und damit die Profitrate des Realkapitals weit darüber. Finanzkapital stellt sich in den Dienst des Realkapitals und unterstützt Wirtschaftswachstum, Vollbeschäftigung und reale Vermögensbildung. In Krisenphasen hingegen kehrt sich diese Relation um, das Gewinnstreben konzentriert sich auf Finanzinvestitionen, die Profitrate des Realkapitals sinkt und damit auch die Realinvestitionen. Die Gesamtproduktion wird gedämpft, Finanzspekulation befeuert und die Realwirtschaft durch schwankende Wechselkurse, Rohstoffpreise, Aktienkurse und Zinssätze beeinträchtigt. Der letzte Wechsel der Spielanordnung erfolgte 1970, was den Weg in die große Krise bereitete.
Im vierten und fünften Teil analysiert Schulmeister mit Hilfe empirischer Daten die Entwicklungen vor und nach der Wirtschaftskrise und zieht eine verheerende Gesamtbilanz: Die großen Ungleichgewichte in den Leistungsbilanzen der Euroländer als wichtige Ursache für die Eurokrise wurden bis heute nicht nachhaltig abgebaut. Die europäische Währungsunion ist ein anti-neoliberales Projekt mit einem neoliberalen Regelwerk, was unweigerlich zu Konflikten führt. Die Austeritätspolitik des Fiskalpakts ließ den Konsum und damit den binnenwirtschaftlichen Kreislauf einbrechen und erhöhte dadurch Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung. Schulmeister schlussfolgert, dass das finanzkapitalistische und neoliberale System dem europäischen Sozialmodell schade und die europäische Tradition eines Miteinanders von Markt und Politik unterlaufe. Es brauche deshalb eine grundsätzliche Erneuerung des europäischen Modells und Regelwerks unter den Vorzeichen einer gemeinsamen europäische Fiskal-, Wirtschafts- und Sozialpolitik, die den Aufbau einer Solidargemeinschaft ermöglicht.
Im sechsten Teil skizziert Schulmeister schließlich einen Ausweg aus der Krise. Als Ziele formuliert er insbesondere die Förderung der Realwirtschaft durch Stabilisierung der Finanzmärkte, die Verbesserung der Umweltbedingungen und die Erneuerung der Sozialstaatlichkeit Europas. Konkret schlägt er unter anderem die Schaffung eines Europäischen Währungsfonds und die Einführung einer Finanztransaktionssteuer vor, die Vorgabe eines Preispfades für fossile Energieträger und Investitionen in Hochgeschwindigkeitszüge und Nahverkehr, die Verbesserung der Bildungschancen und die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum wie auch die Unabhängigkeit der EU von US-amerikanischen Technologieunternehmen vor.
Abschließend formuliert Schulmeister die Erwartung an die Ökonomie, in Zukunft Abstand zu nehmen von einer neoliberalen Marktreligiosität und mit Hilfe realistischer Wirtschaftstheorie einen Ausweg aus dem geschlossenen und abstrakten Denksystem zu finden.
Mit seinem Buch „Der Weg zur Prosperität“ leistet Schulmeister einen Beitrag, diese Erwartungen einzulösen. Seine fesselnde Schilderung der Theoriengeschichte ist ein attraktives Angebot, ökonomische Theorien in ihrer Vielfalt zu entdecken und sie als sozialen Prozess sowie als Reaktion auf einen konkreten Diskurs und eine geschichtliche Wirklichkeit zu verstehen. In dieser Hermeneutik muss auch das vorliegende Buch gelesen werden. Schulmeister rechnet mit vierzig Jahren Dominanz des Neoliberalismus ab und tut dies auf engagierte und emotional involvierte Weise. In und zwischen den Zeilen sind sein Zorn, seine Empörung und wohl auch seine Enttäuschung über vertane Chancen spürbar. Seine Ausführungen spiegeln den Spagat zwischen zorniger Kritik und konstruktiven Lösungsansätzen wider. Dabei beeindruckt einerseits seine klare und einfach verständliche empirische Analyse des Weges in die Krise. Andererseits ist der theoretische Rahmen der real- und finanzwirtschaftlichen Spielanordnungen von höchster Relevanz und Aktualität. Er bietet die Möglichkeit zwischen unterschiedlichen Formen des Kapitalismus zu unterscheiden und so dessen Chancen und Risiken gleichermaßen anzuerkennen. Gleichzeitig ist ganz im hermeneutischen Geist des Buches die differenzierte Haltung geboten, die darin entworfene Theorie als eine aber nicht als einzige Interpretation wirtschaftlicher Entwicklungen zu verstehen. Diesbezüglich ist insbesondere die schwarz-weiß anmutende Trennung zwischen „guten“ Investitionen in die Realwirtschaft und „schlechten“ in Finanzprodukte zu hinterfragen. Darüber hinaus bleibt „der ökonomische Mainstream“ in Schulmeisters Ausführungen inhaltlich unterbestimmt, was dazu führt, dass Vielfalt innerhalb der gegenwärtigen Ökonomie ungenügend zur Sprache kommt. Dies verhindert einerseits die Identifikation möglicher Partnerinnen und Partner, die auf anderem Weg zu ähnlichen Einsichten kommen, und andererseits konkrete Kritik, die über die Kritik an einer grundsätzlichen neoliberalen Ausrichtung hinausgeht. Dabei wäre zum Beispiel an die hochspezialisierte ökonometrische Ausrichtung vieler ökonomischer Disziplinen zu denken, die dadurch in Gefahr geraten, das große Ganze aus dem Blick zu verlieren. Die Kritik am Empirismus ließe sich beispielsweise gut mit der Forderung einer realistischen und menschengerechten Ökonomie verbinden. Jenseits der formulierten Positionen ist insbesondere der Aufruf Schulmeisters unbedingt zu hören, Gesellschaft und Wirtschaft aktiv zu gestalten und damit den Primat der Politik über ökonomische Sachzwänge wahrzunehmen.
Noemi Honegger, Luzern