Dienberg, Thomas/Winter, Stephan (Hg.): Mit Sorge – in Hoffnung. Zu Impulsen aus der Enzyklika Laudato si’ für eine Spiritualität im ökologischen Zeitalter, Regensburg: Friedrich Pustet 2020, 248 S., ISBN 978-3-7917-3141-4
Die Sorge um die Armen, die Gewinnung und Sicherung des Friedens sowie die Bewahrung der Schöpfung stehen inhaltlich im Zentrum des Pontifikats von Papst Franziskus. Schon in seiner eigenen Namensgebung wird die spirituelle Orientierung am Heiligen Franz von Assisi deutlich. Ebenso steht der Heilige dem Papst für seine Enzyklika Laudato si’ Pate. Der hier vorgestellte Band beleuchtet in 13 Artikeln unterschiedliche Teilaspekte der in der Enzyklika ausgedrückten ökologische Spiritualität. Strukturell hervorgegangen sind die Beiträge aus dem interdisziplinären Forschungsprojekt von IUNCTUS, dem Kompetenzzentrum für Christliche Spiritualität der Philosophisch-Theologischen Hochschule Münster, die selbst in einer franziskanisch-klarianischen Tradition steht. IUNCTUS setzt sich zum Ziel, durch eine Umprägung sozialer und politisch-ökonomischer Prozesse eine ganzheitliche Ökologie zu befördern. Unter christlicher Spiritualität versteht das Zentrum dabei „die fortwährende Umformung (transformatio) eines Menschen, der antwortet auf den Ruf des menschgewordenen Gottes. Diese Umformung verwirklicht sich in engagierten und verantworteten Beziehungen zur Welt, zum Mitmenschen und zu sich selbst“ (S. 15). Die Autoren des Bandes nähern sich einer ganzheitlichen Ökologie, die aus einem solchen Spiritualitätsverständnis folgt, mit sehr unterschiedlichen Zugängen.
Der erste Artikel ist ein Gastbeitrag von Klaus Töpfer. Er hebt die Besonderheiten von Laudato si’ hervor, bettet sie in einen historischen Rückblick über die katholische Soziallehre seit Rerum Novarum ein und stellt Beziehungen zur aktuellen Anthropozän-Forschung heraus. Für ihn ist Laudato si’ weit mehr als eine Umweltenzyklika, nämlich auch eine Befindlichkeitsdiagnose unserer Gesellschaft, aus der sich im Sinne einer ganzheitlichen Ökologie Bausteine für eine Therapie für diese ableiten lassen. Zudem spricht Töpfer ungern von Umwelt, da bereits die Begrifflichkeit einen anthropozentrischen Zuschnitt verfolge. Der Ausdruck Schöpfung erscheint ihm passender, da bei diesem Begriff zum Ausdruck komme, dass der Mensch nur ein Teil der Gesamtschöpfung ist. Die wirtschaftspolitischen Fehlentwicklungen seit der Industrialisierung kulminieren laut Töpfer in einer Wohlstandslüge. Denn zum einen werden günstige Preise für Textilien und andere Produkte durch Hungerlöhne in Niedriglohnländern erkauft und zum anderen werden ein Großteil der Gesamtkosten von Produktion und Konsumption auf die Natur und kommende Generationen abgewälzt. Im gemeinsamen Haus muss deshalb der Schrei der Armen und der Erde gehört werden.
Die übrigen Artikel lassen sich grob in die fünf Themenbereiche von IUNCTUS unterteilen. Zur franziskanischen Spiritualität legt Niklaus Kuster den Sonnengesang des Heiligen Franziskus aus. Er nimmt den mittelalterlichen Text in seinen vielschichtigen Facetten als Alterswerk eines Mystikers und als Schöpfungslied wahr, ergründet die Entstehungsumstände und spirituellen Quellen, um den Text damit für die Gegenwart in seiner Kraft zu erschließen. Gerhard Hotze nähert sich der Enzyklika durch die biblische Theologie. Er untersucht neutestamentliche Quellen, um der Frage nachzugehen, ob sich auch in diesen Texten eine Schöpfungsspiritualität findet, aus der sich eine Schöpfungsethik begründen lässt, die wie Laudato si’ auf die Gestaltung des Diesseits gerichtet ist, oder ob das Neue Testament nicht vielmehr das Motiv einer eschatologischen Hoffnung auf eine Vollendung der Schöpfung im Jenseits verfolgt. Dem im Untertitel der Enzyklika genannten Begriff des gemeinsamen Hauses widmet sich Rudolf Hein mit einem Blick auf die lange Tradition der christlichen Oikonomik. Aus dem griechischen Wort oikos leiten sich die Vokabeln Ökologie und Ökonomie ab. Insofern besteht eine semantische Brücke zwischen diesen beiden Begriffen, was darauf hinweist, dass sie nicht unabhängig voneinander gedacht werden können. Im Bild der Hausgemeinschaft wird bezeichnet, dass dieses Haus nicht allein von den Menschen bewohnt wird, sondern alle Lebewesen in einer miteinander verwobenen Beziehung stehen. Damit ein gutes Leben der Hausbewohner gelingen kann, hat die Oikonomik einen Tugendkatalog entwickelt, der im Kontext der Enzyklika ausgedeutet werden kann.
Für den Themenbereich Gesundheit und Spiritualität steht der Beitrag von Arndt Büssing über die Zuwendung zum Anderen als Grundhaltung für eine ganzheitliche Ökologie. Am Beispiel der Begegnung des Heiligen Franziskus mit den Aussätzigen und mit dem sprechenden Kruzifix von San Damiano zeigt er, wie aus der Begegnung mit dem Heiligen ein Transformationsprozess angestoßen wird, der zur Übernahme von Verantwortung für die Mitwelt und die Sorge um den Anderen führen kann.
Mit den Themen Management, Führung und Spiritualität beschäftigt sich Markus Warode. Er bringt Laudato si’ mit der Management- und Führungsforschung ins Gespräch. Diese setzt Einstellungen und Handlungen von Menschen systematisch in Beziehung. Ihre Erkenntnisse können nicht nur zur Vermehrung von Profitgewinnen angewandt werden, sondern liefern auch einen wertvollen Zugang zur Wahrnehmung von Umweltveränderungen und der Einbindung dieser in Entscheidungsprozesse.
Den Themenkomplex Ökologie und Spiritualität leitet Rainer Hagencord mit einer Interpretation der Enzyklika als lehramtliche Stärkung einer theologischen Zoologie ein. Seiner Ansicht nach stellt Laudato si’ in dreifacher Hinsicht einen Paradigmenwechsel dar: Erstens setzt sie das Thema „Schöpfung“ als zentrales Anliegen auf die Tagesordnung von Theologie und Kirche, zweitens bedient sich der Papst einer für andere Wissenschaften sehr offenen Methode und drittens wird eine Abkehr von einer despotischen und verantwortungslosen Anthropozentrik begründet. Deborah Williger stellt das interreligiöse Mitweltbildungsprogramm „Schöpfung erfahren“ vor, das darauf ausgerichtet ist, junge Menschen in einem interreligiös-spirituellen Rahmen mit den Transformationsprozessen, die Laudato si’ anstößt, bekannt zu machen. Anschließend werden exemplarisch die jüdischen Impulse aus dem Handbuch zum Projekt herausgearbeitet. Bernd Beermann beschäftigt sich mit franziskanischen Gärten. Historisch waren die Klostergärten meist Nutzgärten zur Eigenversorgung, wurden seit den sechziger Jahren aber zunehmendes infolge moderner Landwirtschaft und des Rückgangs an Ordensnachwuchs zu Ziergärten umfunktioniert. Ausgehend von den überlieferten Worten des Heiligen Franziskus zum Klostergarten und inspiriert von Laudato si’ wird eine neue Wertschätzung franziskanischer Gärten als Begegnungsorte mit der Natur, sich selbst, den Mitmenschen und nicht zuletzt mit Gott entworfen. Nach Ansicht von Andreas May führen die Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaften über die Erdgeschichte und Evolution nicht weg von Gott, sondern lassen uns vielmehr die Großartigkeit und Einzigartigkeit der Schöpfung und damit auch den Schöpfergott selbst erkennen. In seinem Beitrag zeichnet er den Gedankengang nach und verbindet ihn mit der Enzyklika.
Zum Themenbereich Zeitdiagnostik, Religionen und Spiritualität beschäftigt sich Thomas Dienberg mit den Aussagen von Laudato si’ zur Stadt. Diese betont, welch negative Auswirkungen es haben kann, wenn der Mensch nicht im Mittelpunkt der Stadtplanung steht. Ausgehend von franziskanischen Impulsen entwirft Dienberg eine urbane Spiritualität des 21. Jahrhunderts. Thomas Eggensperger geht von der Aufforderung aus Laudato si’ zur Änderung der Lebensstile aus und führt seinen Gedankengang über die Beschäftigung mit der Kontemplation hin zu einer von Papst Franziskus positiv gezeichneten Muße, die mehr ist als bloßes Nichtstun. Daran anschließend stellt er Überlegungen zum Problem heutiger Zeitsouveränität und zu den sich wandelnden Arbeits- und Freizeitverläufen des kirchlichen Lebens an. Stephan Winter arbeitet aus den Impulsen der Enzyklika die Bedeutung von Gebet und gottesdienstlicher Praxis als Bildungsort einer ganzheitlichen Ökologie heraus. Insbesondere geht er dabei auf die Möglichkeit und die Herausforderungen religionsübergreifender Vollzüge ein.
Die einzelnen Beiträge des Sammelbandes stellen stets ihre Grundlagen aus Laudato si’ dar. Dadurch lassen sie sich auch von Interessierten lesen, die erst damit beginnen, sich der Spiritualität der Enzyklika zu nähern. Wiederholungen in den Einleitungen der Artikel sind durch diese Herangehensweise natürlich nicht zu vermeiden. Sowohl aus der Lektüre einzelner Beiträge als auch aus der Gesamtlektüre ergeben sich interessante Interpretationen und interdisziplinäre Zugänge zur Enzyklika, die durch ihre Vielfältigkeit viele neue Impulse zu einer Spiritualität im ökologischen Zeitalter geben können.
Sebastian Kistler, München