Mit der Solidarité zum Solidaritätsverständnnis

Bourgeois, Léon: Solidarität. Von den Grundlagen dauerhaften Friedens. Aus dem Französischen und mit einem Nach­wort von Effi Böhlke, Berlin: Suhrkamp 2020, 136 S., ISBN 978-3-518-29893-0

Im Januar 2020 ist bei Suhrkamp ein Buch erschienen, das von interessierter sozialethischer Seite geradezu herbeige­sehnt wurde. Es enthält unter anderem die deutsche Übersetzung von Léon Bour­geois’ prägnanter Denkschrift Solidarité. Léon Bourgeois (1851–1925), Minister­präsident im ersten linksdemokratischen Kabinett Frankreichs (Dritte Französische Republik), Inspirator des Völkerbundes und Friedensnobelpreisträger, ist einer der großen Ideengeber und Vertreter des französischen Solidarismus, der wiede­rum über den Jesuiten Heinrich Pesch (1854–1926) die christliche Sozialethik beeinflusste. Bei dieser von Pesch ange­stoßenen neuscholastisch-naturrechtli­chen „Inkulturation“ gingen – was sehr bedauerlich ist – gleichwohl maßgebli­che Einsichten, die Bourgeois Ende des 19. Jahrhunderts präzise formulierte, ver­loren. Heutigen Sozialethiker*innen, de­nen an einem eigenständigen Theoriebei­trag der Sozialethik gelegen ist und die davon überzeugt sind, dass ihr Fach ge­haltvolle Deutungen des Lebens und so­zialer Zusammenhänge beizusteuern im­stande ist, kann es ein Anliegen sein, zu den „Quellen“ der französischen Solida­risten zurückzugehen. Eine dieser ‚Quel­len‘ ist die lange überfällige, nun erschie­nene Übersetzung von Bourgeois’ Solida­rité. Für die Übersetzungsarbeit zeichnet Effi Böhlke verantwortlich, die mit Akri­bie auch dem „freihändigen“ Zitationsstil des vielbeschäftigten Philosophen und Politikers nachgeht, Belege liefert, die im Original rar gesät sind, und immer wie­der dienliche Einordnungen vornimmt.

Um das Buch übersichtlich vorzustel­len, gliedere ich es in drei Teile. Der erste Teil besteht aus dem Kernstück des Bu­ches: der titelgebenden Denkschrift „So­lidarität“ von 1896 (48 Seiten), und aus einem Vortrag aus dem Jahr 1909 zu den „sozialen Grenzen der Solidarität“ (vier Seiten), der eine Kritik an brachialer ge­werkschaftlich-syndikalistischer Macht­entfaltung enthält. Bei letzterem handelt es sich um einen kurzen Text, den Bour­geois im französischen Sammelband, in dem neben der erwähnten Denkschrift weitere Vorträge zugänglich gemacht worden waren, ans Ende gestellt hat­te. Der zweite Teil des Buches besteht aus vier Vorträgen mit außenpolitischem Schwerpunkt, die Bourgeois’ Engagement für den Völkerbund und die friedenspoli­tische Einhegung internationaler Kon­flikte dokumentieren (37 Seiten). In ei­nem Nachwort – ein, der Wahrnehmung des Lesers folgend, dritter Teil – nimmt die Herausgeberin Bezug auf zentrale To­poi im Werk Bourgeois’ (39 Seiten). Al­le drei Teile lesen sich flüssig, sind eine kurzweilige Lektüre und führen in die Ge­dankenwelt eines öffentlichen Intellek­tuellen ein, der in Frankreich relativ be­kannt und in Deutschland weitgehend unbekannt ist.

Die titelgebende Denkschrift „So­lidarität“ des ersten Teils eröffnet den deutschsprachigen Leser*innen einen Einblick in einen großen, zu Unrecht bislang dem Vergessen anheimgestellten Theorieansatz, der – wie Hermann-Josef Große Kracht es ausdrückt – die Freiheits­lektionen der politischen Philosophie mit den Solidaritätslektionen des 19. Jahr­hunderts vermittelt; Solidaritätslektio­nen, die die Interdependenz der Men­schen in modernen Massengesellschaften zum Ausgangspunkt nehmen und auf den bakteriologisch-medizinischen Erkenntnissen jener Zeit, aber auch auf den so­ziologischen Erkenntnissen zur Arbeits­teilung fußen (vgl. 20).

Die von Bourgeois in seiner Denk­schrift entfaltete Sozialphilosophie ak­tualisiert die normativ-individualistischen und unhintergehbaren Freiheitslektionen vor dem Hintergrund komplexer, hocharbeitsteiliger Massengesellschaften, die im 19. Jahrhundert ins Bewusstsein treten. So nimmt Bourgeois eine diesen Einsich­ten geschuldete Umgruppierung der Trias Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit vor und stellt Solidarität an den Anfang, wobei der Begriff Brüderlichkeit, der einem, wie die Übersetzerin erklärt, „familialen, ja pater­nalistischen Kontext verhaftet“ (111) ist, durch Solidarität ersetzt wird: „Die Solida­rität ist das erste Faktum, jeglicher sozia­len Organisation vorhergehend; zugleich ist sie der objektive Seinsgrund der Brü­derlichkeit. Mit ihr ist zu beginnen. Soli­darität zuerst, dann Gleichheit oder Ge­rechtigkeit, was in Wahrheit dasselbe ist; schließlich Freiheit. Das, so scheint es, ist die notwendige Ordnung der drei Ideen, in denen die Revolution die soziale Wahrheit zusammenfasst.“ (111, Fn. 20) „Auf diese Weise erscheint die Doktrin der Solidari­tät in der Geschichte der Ideen als Ent­wicklung der Ideen der Philosophie des 18. Jahrhunderts und als Erfüllung der politischen und sozialen Theorie, welche die Französische Revolution mit den drei abstrakten Begriffen von Freiheit, Gleich­heit und Brüderlichkeit zum allerersten Mal formuliert hatte.“ (54)

Bourgeois erinnert uns Heutige, die nach dem wirkmächtigen Motiv der self­madewoman bzw. des selfmademan auf Leistung und Selbstverdienst getrimmt sind, daran, dass die Menschheit „mehr aus Toten denn aus Lebenden“ besteht: „[U]nsere Körper, die Produkte unserer Arbeit, unsere Sprache, unsere Gedanken, unsere Institutionen, unsere Künste, al­les ist für uns Erbe, ein langsam von un­seren Vorfahren akkumulierter Schatz.“ (20) Der Autor verbindet diese Gedan­ken mit der theologisch hochaufgela­denen und auf Widerstände stoßenden Rede von „Schuld“. „Der in der Gesell­schaft lebende und ohne diese nicht le­ben könnende Mensch ist zu jeder Stun­de ein Schuldner ihr gegenüber. Hier ist die Basis seiner Pflichten, die Last sei­ner Freiheit.“ (36) Bourgeois’ Grundge­danken von der Solidarität als vorgängi­ger Interdependenz und von der sozialen Schuld durchbrechen die Selbstverdienst­ideologie und begründen einen progres­siven Steuerstaat und ambitionierten So­zialstaat, der die soziale Daseinsvorsorge aller Bürger*innen sichert. So wird ver­ständlich, dass – wie im Nachwort steht – mit Léon Bourgeois „Solidarität von ei­nem primär theoretischen Prinzip zur geistigen Grundlage und zum Orientie­rungspunkt der Politik der III. Republik“ (101) werden konnte. Die Gesellschafts-und Staatsbedürftigkeit des modernen Menschen wird im Solidarismus Bour­geois’ mit unhintergehbaren Freiheits­rechten des Individuums zusammenge­dacht. Eingeholt wird dies u. a. durch den Quasi-Gesellschaftsvertrag, den Bour­geois im Anschluss an kontraktualisti­sche Positionen, aber in Abgrenzung von deren Fiktion eines „monadischen“ Na­turzustands plausibilisiert.

Auf den ersten Teil, in dem die so­zialpolitische Bedeutung von Solidarität entfaltet und für moderne Gesellschaften freiheitseröffnend gedacht wird, folgt im zweiten Teil eine Sammlung von Vorträ­gen zu friedenspolitischen Initiativen, die Bourgeois’ Einsatz für Rüstungsbegren­zungen sowie sein theoretisch wenig aus­gereiftes Bestreben zu dokumentieren sucht, den solidaristischen Gehalt – die Grenzen des nationalstaatlichen ‚Sozialstaats-Containers‘ überschreitend – auf die internationale Abhängigkeit der Ge­sellschaften und Staaten auszuweiten. Diesen Schritt verbindet Bourgeois zum einen mit einem Appell an die „gutwilli­gen Menschen aller Sprachen, aller Län­der, aller Konfessionen und aller Rassen[,] ein Netzwerk an Vorkehrungen und Si­cherungen zu schaffen, welches die Ent­stehung und Entwicklung sozialer Unru­hen verhindert.“ (76) Er spricht in die­sem Zusammenhang von einer Société des nations (Völkerbund). Zum anderen ist für ihn die Hoffnung auf ein „Ensem­ble der Staaten der Erde“ (64) prägend, das auf „etablierten wechselseitigen und konstanten Beziehungen“ beruht, die „unumgänglich und mit aller Kraft da­zu beitragen, zwischen den materiellen und moralischen Interessen [der Völker] die bewusste Solidarität zu entwickeln, die eine der besten Garantien des Frie­dens darstellt.“ (87)

Im dritten Teil liefert die Überset­zerin und Herausgeberin biografische Informationen zu Bourgeois und bün­delt – z. T. geordnet in Form lexikali­scher Lemmata (Assoziation/Associé, Quasi-Gesellschaftsvertrag, Risiko, Soli­darität usw.) – einige Gedanken Bour­geois’. Sie geht aber auch auf Bezüge und Unterschiede etwa zur Vertragsthe­orie Jean-Jacques Rousseaus ein und be­tont, Bourgeois messe die Gesellschaft an ihrer Funktion, den Menschen „durch Bil­dung und Erziehung zu dem zu machen, was er an sich und seiner Bestimmung nach bereits ist: ein soziales Wesen, ein Associé.“ (122) „[B]ei allem Realismus in der Betrachtung der sozialen Probleme und Krisen seiner Zeit“ vertrete Bourgeois „eine positive, auf Fortschritt ausgerich­tete Gesellschafts- und Geschichtskon­zeption.“ (122)

Mit Blick auf die Anlage des Buches ist kritisch anzumerken, dass die skizzier­ten sozialphilosophischen Einlassungen Bourgeois’ mit Vorträgen zu friedens­politischen Initiativen von zweifellos großer Bedeutung kompiliert werden. Der originelle Gehalt der intellektuel­len Anstrengung Bourgeois’ droht da­durch in den Hintergrund zu geraten. Es wird nicht begründet und bleibt da­mit schleierhaft, warum andere wichti­ge Texte bzw. Vorträge Bourgeois’ zum Solidaritätsverständnis – zumindest in Ausschnitten, die nötige Präzisierungen enthalten und konzeptionelle Ergän­zungen oder Verschiebungen vorneh­men – nicht ausgewählt wurden (etwa La solidarité et la liberté [ein Vortrag, auf den bzw. auf dessen dokumentier­te Begleitdiskussion Böhlke im Nachwort an vier Stellen – darunter zwei Zitate – verweist], La solidarité et la justice, La dette sociale et le quasi-contrat social, Les risques sociaux et l’assurance so­ciale oder Les applications sociales de la solidarité). Hätte eine Beschränkung auf diese solidaritätstheoretischen Bei­träge Bourgeois’ nicht genügt, um den solidaristischen Schatz für Leser*innen in Deutschland zu heben? Ebenfalls unver­ständlich bleibt, dass Effi Böhlke zwar auf die wichtige Arbeit von Gesa Reisz zur Solidaritätssemantik in Deutschland und Frankreich (u. a. 2006) Bezug nimmt (vgl. 96, Fn. 1), andere Autoren, die sich in Deutschland mit dem französischen Solidarismus befasst haben, aber völlig außer Acht lässt – wie Christian Gülich (1991), Rainer Zoll (2000), Thomas Fieg­le (u. a. 2003) und allen voran Hermann- Josef Große Kracht mit seiner umfang­reichen, bei transcript veröffentlichten Studie zu „Solidarität und Solidarismus“ (2017), in der instruktiv die theoretische Bandbreite des französischen Solidaris­mus dargestellt wird. Auffällig ist ferner, dass Böhlke in ihrem Nachwort zwar auf unterkomplexe Lesarten von Solidarismus wie die von Rudolf Diesel hinweist (vgl. 120), aber den eingangs von mir erwähn­ten Heinrich Pesch und sein vom franzö­sischen Solidarismus beeinflusstes Werk (v. a. „Lehrbuch der Nationalökonomie“) mit keinem Wort erwähnt.

Die Lektüre des im Suhrkamp-Verlag veröffentlichten Bandes lohnt sich, der mit der Übersetzung von Solidarité einem dringenden Desiderat Rechnung getra­gen hat. Sozialphilosophisch ist die Anla­ge des Buches bzw. die Auswahl der Texte wohl leider dennoch als ziemlich vertane Chance zu werten. Aber immerhin ist ein weiterer Schritt gesetzt, um Bourgeois und sein Solidaritätsverständnis peu à peu bekannter zu machen – und wahr­zunehmen, welche Diskurspartner*innen es beim Bohren solidaristischer Bretter zu berücksichtigen gilt. Ad intra gespro­chen: Nicht nur im Interesse des Wissens um ihre Tradition sei der Sozialethik das Kernstück „Solidarität“ mit seinem hoch­aktuellen Verweis auf Relationalität statt ‚ungebundenem‘ Subjektzentrismus zur Lektüre empfohlen. Ad extra: Die Sozial­ethik steht zum Diskurs bereit.

Jonas Hagedorn, Frankfurt am Main