Heldinnen des Tages“, so werden sie in der Corona-Krise gefeiert: die Pflegekräfte in Krankenhäusern, Altenheimen, Behinderteneinrichtungen, Hospizen oder in der häuslichen Pflege; Pflegekräfte, die mehrheitlich Frauen sind. Sie sind es, die in der Pandemie- Krise das Gesundheitssystem am Laufen halten, die in der Intensivmedizin bis an die Grenze der Erschöpfung arbeiten; die in der häuslichen Pflege ihre Patienten aufsuchen, auch auf die Gefahr hin, sich selbst anzustecken; die für kleines Geld, aber mit hohem Idealismus die Hochbetagten in den Altenheimen versorgen, oft die einzigen Kontaktpersonen für Menschen, die in Zeiten der Pandemie als Hochrisikogruppe gelten.
Doch gerade in der Krise zeigt sich: Das System kommt an seine Grenze. Gerade da, wo Menschen in Krankheit, Einsamkeit und Todesnähe existenziellen Grenzerfahrungen ausgesetzt und in besonderer Weise auf menschliche Zuwendung angewiesen sind, bleibt oft keine Zeit für Menschlichkeit. Der Personalmangel führe dazu – so eine Umfrage unter Pflegenden –, dass selbst der minimale Grundsatz „satt, sauber, schmerzfrei“ oft nicht mehr zu gewährleisten sei. Davon, Kranken und ihren Angehörigen in der belastenden Situation beizustehen, sie zu beraten und ihnen zuzuhören, könne längst keine Rede mehr sein.
Es herrscht Pflegenotstand in Deutschland, und das nicht erst seit der Corona-Krise. Bis ins Jahr 2030 werden in Deutschland mehr als 3,5 Millionen Menschen pflegebedürftig sein. Gleichzeitig fehlen bis dahin – laut Schätzungen – mehr als 500 000 Fachkräfte. Die Gründe für den Fachkräftemangel und den fehlenden Fachkräfte-Nachwuchs sind bekannt: große Arbeitsbelastung, schlechte Bezahlung, fehlende Wertschätzung (Beitrag Konrad/Jogerst-Ratzka). Je älter die Deutschen werden, desto mehr Pflegepersonal muss es in Krankenhäusern, in den Alten- und Pflegeheimen geben. Aber Kliniken wie Pflegeeinrichtungen haben große Schwierigkeiten, ihre Stellen zu besetzen. Die Arbeitsbedingungen in der Pflege sind oft durch hohe körperliche und psychische Belastungen, Zeitdruck und ungünstige Arbeitszeiten charakterisiert, was zudem zu hohen Krankenständen und geringer Verweildauer im Beruf führt. Da bleibt nicht aus, dass sich Belastungen der Beschäftigten direkt auf die Pflegequalität auswirken. Es wird deutlich, dass das Ideal einer zugleich erschwinglichen, fürsorglichen und gerechten Pflege schlechterdings nicht realisierbar ist (Beitrag Emunds/Hagedorn).
Angesichts solcher dramatischer Entwicklungen muss man aus sozialethischer Perspektive fast dankbar sein, dass in Zeiten der Covid-19-Pandemie eine Gesellschaft „plötzlich“ (?) ihre Armen und Alten wiederentdeckt, die Schwachen und Schutzbedürftigen – und all jene, die sich um sie kümmern: helfende Berufe im Grenzbereich einer Wohlfühlgesellschaft, die in Krisenzeiten neu den Wert des Lebens und den Einsatz all jener schätzen lernt, deren Arbeit ganz unmittelbar und elementar Dienst am Menschen ist. „Heldinnen und Helden des Alltags“, so müsste man all jene nennen, die ihre Angehörigen zu Hause pflegen und oft genug die eigene Erwerbstätigkeit und soziale Absicherung hintanstellen. Damit zeigen sich Reformbedarfe im Bereich der sozialen Sicherung wie auch die Notwendigkeit der Neujustierung des Verhältnisses von familiärer und professioneller Pflege (Beitrag Heimbach-Steins/Quaing). Das Themenheft lenkt den Blick auch auf sog. Live-in- Pflegekräfte, die ihre eigenen Familien in den Herkunftsländern temporär verlassen, um in Privathaushalten hierzulande zu arbeiten. Dabei werden Fragen nach fairen und legalen Arbeitsbedingungen aufgeworfen (Interview). Ein Umsetzungsversuch wird mit dem Caritas-Programm „CariFair“ vorgestellt (Beitrag Menebröcker). Daneben werden die Herausforderungen internationaler Pflegefachkräfte in Deutschland fokussiert (Beitrag Klemm/Satola).
Mitten in der Krise entdeckt eine Gesellschaft, dass der Dienst der sorgenden und pflegenden Berufe wahrlich systemrelevant ist. Es ist an der Zeit, DANK zu sagen, verbunden mit der Selbstverpflichtung, der neuen Aufmerksamkeit und Wertschätzung auch Taten folgen zu lassen: die substantielle Aufwertung der Pflegeberufe. In der Krise zeigt sich die Güte eines Gesundheitssystems, und eine Gesellschaft ist gut beraten, wenn sie bedenkt, was ihr die Menschlichkeit an den Grenzen des Lebens wert ist. Da geht es um Fallzahlen und Bettenkapazitäten, aber vor allem geht es um Menschen, an deren Versorgung sich maßgeblich zeigt, in welcher Gesellschaft wir leben.