Ethk in der JVA

Becka, Michelle/Ulrich, Johannes: Ethik im Vollzug. Handreichung für die ethi­sche Fallreflexion. Münster: Aschendorff 2020, 100 S., ISBN 978-3-402-24664-1

Michelle Becka legt eine sehr gelunge­ne Handreichung für die ethische Fall­reflexion in der JVA dar, in der auch ein kritischer Blick und das Aufzeigen zu­künftiger Herausforderungen nicht feh­len. Ihr Buch zeichnet sich durch zahlrei­che praktische Hilfestellungen aus, unter anderem einer Checkliste im Anhang mit Hinweisen, was für die Einrichtung eines Ethikkomitees benötigt wird.

Die Frage nach dem Einbezug von Ethik und somit auch Ethikkomitees in Justizvollzugsanstalten (JVA) kam erst­mals im Jahr 2008 auf Seiten der Ge­fängnisseelsorgerinnen und Gefängnis­seelsorger auf. Sie hatten den Wunsch, die „zahlreichen Situationen des Alltags, die fraglich erscheinen oder Unbehagen verursachen“ (S. 7), zur Sprache zu brin­gen und die ethische Reflexion in der JVA zu verankern. Aufgenommen wur­de das Anliegen von der Arbeitsgruppe „Ethik im Justizvollzug“, einem Zusam­menschluss der Katholischen Gefängnis­seelsorge mit dem damaligen Lehrstuhl für Theologische Ethik an der Universi­tät Frankfurt unter der Leitung von Hille Haker und Michelle Becka. Seit 2012 wird die Arbeitsgruppe von Michelle Becka an der Universität Würzburg weitergeführt. Heute gibt es mehrere Ethikkomitees in JVA, die dem Erfolg dieser Arbeitsgrup­pe zu verdanken sind, welche die Komi­tees auch weiterhin unterstützt.

Ihre Ausführungen gliedert Michelle Becka in drei Kapitel. Nach einer Einfüh­rung in die Grundlagen des Themas, wird im zweiten Teil des Buches die Bedeutung der Arbeit der Ethikkomitees in den JVA vorgestellt. Die Herausforderungen dieser Arbeit beleuchtet die Autorin ebenfalls. Vor dem Hintergrund ihrer Erkenntnisse und Erfahrungen bietet Michelle Becka den Leserinnen und Lesern eine bemer­kenswerte Handreichung für die ethische Fallreflexion mit zahlreichen Hilfestellun­gen für konkrete Situationen. Ihr gelingt es, in allen Kapiteln immer wieder Ver­bindungen zur Alltagspraxis herzustellen. Schließlich wird im dritten Teil des Buches ein kurzer Einblick in ethisch-philoso­phische Begründungstheorien geboten.

Die Autorin beginnt den ersten Teil ihrer Publikation mit einer Alltagssitua­tion: Man kann beobachten, wie sich ein junger Mann in einer Supermarktkasse an einer älteren Dame vorbeidrängelt und diese beinahe umwirft; eine Situation, die vielen bekannt vorkommt und Un­behagen auslöst. Ausgehend von diesem Beispiel werden zunächst relevante Be­griffe der Ethik, wie „Konflikt“, „Norm“ und „Wert“, entfaltet. Zudem wird auf das Verständnis von Ethik eingegangen: Ethik kann als Reflexion des Handelns aufgefasst werden; zentral ist die Frage, ob etwas moralisch richtig oder falsch ist. In diesem Zusammenhang hebt Mi­chelle Becka die Bedeutung der Ethik im Justizvollzug hervor, und zwar sowohl in einer Reflexion, ob die Institution ihr Ziel weiterhin erfülle, als auch durch die Besprechung ethischer Fragen Einzelner, wodurch sie eine gute Überleitung zum zweiten Kapitel des Buches vornimmt.

Nach einem Einblick in die Geschich­te sowie die gegenwärtige Situation von Ethikkomitees erfolgt eine übersichtliche Darlegung von deren Aufgaben und Zie­len. Ethikkomitees bieten „im Alltag des Justizvollzugs einen geschützten Raum der ethischen Reflexion, der die übliche Handlungsroutine unterbricht“ (S. 39). Ziel von Ethikkomitees ist es, durch The­matisieren, Analysieren und Diskutieren ethische Konflikte zu klären, sodass die Justizanstalt ihr Anliegen der Resoziali­sierung sowie der (nachhaltigen) Sicher­heit erfüllen kann. Neben der Klärung von Voraussetzungen, die für die Arbeit ei­nes Ethikkomitees grundlegend sind, wird des Weiteren der Kern der Publikation, die ethische Fallreflexion, vorgestellt. Sie zeichnet sich durch eine deskriptive, dia­logische und diskursive Arbeitsweise aus, für die der vorgegebene Leitfaden eine ausgezeichnete Hilfestellung zur Struk­turierung des Gesprächsprozesses bildet.

Die fünf einzelnen Schritte des Leit­fadens, Klärung der Ausgangslage, Ethi­sche Reflexion I, Ethische Reflexion II, Ergebnis und Empfehlung sowie Ergeb­nissicherung und Anschlusskommunika­tion, sind jeweils mit einem kurzen erläu­ternden Text und nützlichen Leitfragen versehen. Sinnvoll ist es, den angeführ­ten Schritten zu folgen; dennoch stellt Michelle Becka klar, dass dem Gespräch ausreichend Zeit zukommen sollte. Da­her bedarf es einer guten Moderation, die zunächst dafür sorgt, dass allen Be­teiligten gleichberechtigt und in offe­ner Atmosphäre die Möglichkeit geboten wird, sich zu dem behandelnden Thema zu äußern, bevor das gemeinsame Ver­stehen des Konflikts zur zentralen Auf­gabe wird. Um möglichst viele Meinun­gen und Perspektiven durch die Diskus­sion zu gewinnen, sollte die Moderatorin bzw. der Moderator auf verschiedene Me­thoden zurückgreifen. Die Autorin bietet allen am Thema Interessierten eine kon­krete Handreichung, indem sie einige die­ser hilfreichen Methoden, wie Fragerun­den, Perspektivübernahmen und Rollen­spiele, Visualisierungen sowie die Arbeit in Kleingruppen, vorstellt. Die Frage, an welchen Kriterien sich das anschließen­de Handeln orientieren kann, wird von Michelle Becka auf gelungene Weise be­arbeitet. So macht sie auf die Kriterien der Menschenwürde und Resozialisierung sowie auf die Handlungsprinzipien nach Beauchamp und Childress (Autonomie, Nicht-Schädigungs-Prinzip, Prinzip des Wohltuns und Gerechtigkeit) aufmerk­sam, erläutert diese sorgfältig und zieht Folgerungen für die Praxis im Justizvoll­zug. Nach einem kurzen Exkurs über die Frage nach dem Stellenwert der Sicher­heit im Justizvollzug, erfolgt eine Darle­gung über die Erwartungen und Grenzen der Ethikkomitees und der Fallreflexion innerhalb der JVA. Dabei weist Michelle Becka deutlich auf Gefahren hin und hebt hervor, wann die Etablierung eines Ethikkomitees nicht zu empfehlen ist. Ei­ne besonders wichtige Erkenntnis in Be­zug auf die Fallreflexion ist: „Ein Ergebnis besteht nicht immer in einer fertigen Lö­sung, sondern auch die klare Darlegung eines Problems […] ist ein Ergebnis. Ein wichtiges noch dazu!“ (S. 76 f.).

Schließlich erfolgt im dritten und letzten Teil des Buches eine Vertiefung in die ethisch-philosophischen Begrün­dungstheorien, um herauszustellen, dass verschiedene Zugänge bestehen, Normen, Werte und Überzeugungen zu definieren. So werden die drei Ansätze Utilitarismus, Deontologische Ethik und die Ethik des Guten Lebens auf übersichtliche und ver­einfachte Weise aufgeführt.

Das gesamte Buch ist (sowohl inhalt­lich als auch sprachlich) sehr gut ver­ständlich; komplexere Aspekte werden ideal aufbereitet. Randbemerkungen und besondere Hinweise in Kästen dienen dem Leser zur Orientierung.

Jessica Spalek, Bochum