Claudia Gärtner; Jan-Hendrik Herbst (Hg.): Kritisch-emanzipatorische Religionspädagogik. Diskurse zwischen Theologie, Pädagogik und politischer Bildung, Wiesbaden: Springer VS 2020, 649 S., ISBN 978-3-658-28759-7 (eBook).
Die revolutionären politischen und philosophischen Begriffe der Moderne sind zurück auf der Bühne. Über Begriffe wie Demokratie, Freiheit oder Utopie wird vielerorts neu gestritten. Ein von Claudia Gärtner und Jan-Hendrik Herbst (TU Dortmund) herausgegebener interdisziplinärer Sammelband greift diese Tendenz auf und setzt einen eigenen Akzent: „Kritisch-emanzipatorische Religionspädagogik“ lautet der Titel, der Programm und Problemanzeige in einem darstellt.
Programmatisch ist der Titel, weil einer kritisch-emanzipatorischen Religionspädagogik zugetraut wird, „die gesellschaftliche Krisenentwicklung adäquat fachwissenschaftlich und -didaktisch zu denken“ (S. 648). Dass er zugleich eine Problemanzeige enthält, liegt daran, dass ‚Kritik‘ und ‚Emanzipation‘ als religionspädagogische wie gesellschaftstheoretische Leitbegriffe keineswegs konsensuell sind, vielmehr bei vielen zunächst aus unterschiedlichen Gründen Abwehrhaltungen hervorrufen – und damit die Bezugnahme nicht schlicht affirmativ sein kann, sondern ihrerseits kritisch erfolgen muss. In diesem Sinne ist das obige Zitat als Frage formuliert und bildet den Ausgangspunkt der im Untertitel angeführten „Diskurse zwischen Theologie, Pädagogik und politischer Bildung“.
Das Aufgreifen der Begriffe ‚Kritik‘ und ‚Emanzipation‘ geschieht im Horizont einer in jüngerer Zeit wieder stärker werdenden religionspädagogischen Hinwendung „zum gesellschaftlichen und politischen Kontext“ (S. 618) auf der einen, der als zunehmend krisenhaft wahrgenommenen Gegenwart auf der anderen Seite. Damit sollte auch das sozialethische Interesse an diesem Sammelband geweckt sein. Denn die im Sammelband aufgeworfenen Fragen, gesponnenen Fäden und ausgelegten Spuren der „systematische(n) Begründung und theoretisch adäquate(n) Durchführung“ (ebd.) dieser Hinwendung geben auch der Christlichen Sozialethik Stoff zum Denken. Schließlich sind die in dem Sammelband unter Stichworten wie ‚Neoliberalismus‘, ‚Klimakatastrophe‘ oder ‚Rassismus‘, ‚Rechtspopulismus‘ und ‚gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit‘ adressierten gesellschaftlichen Entwicklungen sozialethische Kernthemen.
Mit ‚Kritik‘ und ‚Emanzipation‘ erhalten die Diskussionen eine Richtung, die in der – wiederum mit einem Fragezeichen versehenen – Überschrift der Einleitung des Bandes ausgedrückt ist: „Zurück in die Zukunft“ (S. 1). Dieses Programm wird im Anschluss an Christoph Menke als „zukunftsorientierte Rückkehr in die Vergangenheit“ (S. 12) bestimmt. Denn die beiden Leitbegriffe sind in engem Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Um- und Aufbrüchen „um 1968“ (S. 8) zu sehen. Und so sollen Traditionen von Kritik und Emanzipation im intellektuellen Umfeld von „1968“ wieder entdeckt und freigelegt, aber eben auch neu und weiter gedacht werden. Denn eine heutige Rede von ‚Kritik‘ und ‚Emanzipation‘ muss damit umgehen, dass nach 1968 nicht die befreite, sondern die neoliberale Gesellschaft kam. Kritik und Emanzipation sind in dieser Perspektive nicht nur uneingelöste Versprechen geblieben, sondern auch zu enttäuschten Erwartungen geworden. Vor diesem Hintergrund ist das Schwanken zwischen Skepsis und Aufbruch, der Beanspruchung von ‚Kritik‘ und ‚Emanzipation‘ als Leitbegriffe und einer zurückhaltenden Reflexion als Problembegriffe eine durch den ganzen Band hindurch zu beobachtende Dynamik.
Der mit dem monumentalen Umfang von 649 Seiten ausgestattete Band gliedert sich in fünf große Teile – historische Selbstvergewisserung, religionspädagogische Reflexionen, politisch-theologische Reflexionen, kritisch-pädagogische Reflexionen und exemplarische Praxisfelder. Gerahmt werden diese von einer ausführlichen Einleitung und sehr lesenswerten systematisierenden Schlussreflexionen, die in einen Rückblick auf den Sammelband und einen Ausblick auf anstehende Aufgaben einer kritisch-emanzipatorischen Religionspädagogik aufgeteilt sind. Den fachlich-thematischen Sektionen sind „Hinführungen“ vorangestellt, die dem nicht-fachlichen Publikum den Mitvollzug der Diskussionen erleichtern sollen und wichtige Kristallisationspunkte der Debatten schon einmal sortieren.
Die historische Selbstvergewisserung bezeichnet das Bemühen, dem historischen Gewicht von ‚Kritik‘ und ‚Emanzipation‘ auf den Grund zu gehen, und besteht aus fachgeschichtlichen Rekonstruktionen und Interviews mit Zeitzeug*innen auf evangelischer und katholischer Seite. Bereits dort zeigt sich, dass die beiden Begriffe wie selbstverständlich zusammengehören und als „jeweils eine Seite der Medaille“ (S. 6) zu verstehen sind, wie die Herausgebenden im Vorwort schreiben. Im Querschnitt der anderen Themenbereiche ist – zumindest in Bezug auf die theologischen Beiträge – eine gewisse Schlagseite zugunsten des Emanzipationsbegriffs nicht zu verkennen. In den religionspädagogischen und politisch-theologischen Reflexionen ist dabei die Auseinandersetzung mit ‚Emanzipation‘ oft explizit, während ‚Kritik‘ eher über Vorgehensweise und Referenztheorien, also in der Durchführung an den Gegenständen präsent ist. Während in der Religionspädagogik aus bildungstheoretischer und fachgeschichtlicher Perspektive gewisse Vorbehalte gegenüber einem allzu emphatischen Rekurs auf ‚Emanzipation‘ deutlich werden, ließe sich bei den unter „Politisch-theologischen Reflexionen“ zusammengefassten Beiträgen vielleicht von Kritik in emanzipatorischem Interesse (und damit einem stärkeren Vertrauen in das Potential des Emanzipationsbegriffs) sprechen. Auffällig bei letzteren ist – neben dem Bezug auf v. a. Dorothee Sölle und Johann Baptist Metz als prominenten ‚Gesichtern‘ der Politischen Theologie – zudem der starke Rückgriff auf französische Gesellschaftsanalytiker und Politiktheoretiker wie Michel Foucault, Pierre Bourdieu, Didier Eribon oder Jacques Ranciére. Damit bildet sich hier eine jüngere Tendenz in der Sozialphilosophie ab, die Kritische Theorie Frankfurter Provenienz mit anderen kritischen Ansätzen, z. B. Poststrukturalismus und Postmarxismus, zu vermitteln.
In sozialethischer Hinsicht sind darüber hinaus einige Merkmale des Bandes besonders hervorzuheben. Das Denken in Konstellationen knüpft einen Zusammenhang, der durch die begriffliche Arbeit inhaltlich nicht unbestimmt, zugleich aber für unterschiedliche Zugänge offen ist. So werden Brückenschläge zwischen verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen und damit echte interdisziplinäre Gespräche zwischen Theologie, Pädagogik und politischer Bildung möglich. Das augenscheinliche Fehlen sozialethischer Vertreter*innen in diesem Band sollte – gerade angesichts der bereits erwähnten gesellschaftlichen Krisenphänomene – daher als Ansporn verstanden werden, sich an der Diskussion um ‚Kritik‘ und ‚Emanzipation‘ zu beteiligen und sich wiederum von den hier zu findenden Reflexionen inspirieren zu lassen. Über die „Frankfurter Erklärung. Für eine kritische und emanzipatorische Bildung“, die mit ihren Grundsätzen Krisenorientierung, Kontroversität, Machtkritik, Reflexivität, Ermutigung und Veränderung vielen Beiträgen als Orientierung dient und sich wie ein roter Faden durch den Band zieht, können anfanghaft auch Anknüpfungspunkte zwischen grundlagentheoretischen Reflexionen und Beiträgen aus exemplarischen Praxisfeldern gebildet werden, wenngleich die „Praxisreflexion“ von Kritik und Emanzipation noch als Desiderat ausgewiesen wird (vgl. S. 18; S. 423–424; S. 641). Insgesamt wird mit dem in diesem Sammelband in Angriff genommenen Projekt der kritisch-emanzipatorischen Religionspädagogik ein theoretisch wie praktisch höchst anspruchsvolles Programm formuliert, in dem immer wieder auch für die Sozialethik leitende Begriffe, allen voran Gerechtigkeit und Solidarität, aufgegriffen werden. Hier wäre durchaus Potential, stärker herauszuarbeiten, was einen kritisch-emanzipatorischen Gerechtigkeits-bzw. Solidaritätsbegriff von traditionellen Theorien unterscheidet und diesen gegenüber heutigen politischen Vereinnahmungen besondere Kontur verleiht.
‚Kritik‘ und ‚Emanzipation‘ so nah aneinander zu rücken, dass sie sich als nicht zu trennende Einheit wechselseitig erschließen, erweist sich als spannender Schachzug. Sie eignen sich nur als Leitbegriffe, wenn sie auch Problembegriffe sind, also beständig auf ihre problematischen Implikationen befragt werden; umgekehrt lohnt sich die Auseinandersetzung mit ihnen als Problembegriffe nur, wenn sie auch Leitbegriffe sein können, sonst geriete die theoretische Arbeit schnell zur ‚Begriffsakrobatik‘, die notwendigen und möglichen kritisch-emanzipatorischen Veränderungen eher im Weg stünde, als ihnen zum Durchbruch zu verhelfen. In diesem Sinne ist dem Projekt einer kritisch-emanzipatorischen Religionspädagogik, zu dem der Sammelband einen Auftakt macht, auch über die Fachgrenzen hinaus Aufmerksamkeit zu wünschen.
Josef M. Becker, Münster