Stephan Wirz (Hg.): Kapitalismus – ein Feindbild für die Kirchen?, Zürich: Theologischer Verlag (Edition NZN) 2018, 286 S., ISBN 978-3-290-20167-8.
Basis des vorliegenden Sammelbands war eine Veranstaltung, welche die Paulus- Akademie Zürich in Kooperation mit Avenir Suisse sowie der Wirtschaftswissenschaftlichen und der Theologischen Fakultät der Universität Luzern 2016 zum Thema durchführte. Nach einer Einführung des Herausgebers ist das Buch in drei Teile gegliedert: Im ersten geht es ökumenisch um Kapitalismus bzw. Marktwirtschaft in theologischer Sicht. Im zweiten setzen sich Ökonomen und Politiker kritisch mit dem Wirtschaftsverständnis der Kirchen auseinander. Der dritte bietet „Prüfsteine“ zum Verhältnis von Kapitalismus und Kirchen bzw. Theologie.
Der erste Teil beginnt mit einer informativen Analyse der Kapitalismuskritik von Papst Franziskus (Joachim Wiemeyer). – Anschließend zeigt Hermann-Josef Große Kracht, wie die katholische Soziallehre einen differenzierten, ethisch positiven Kapitalismusbegriff entwickelte, der „auf eine demokratisch-partizipativ und laboristisch-modern zu verfassende Wirtschafts- und Sozialordnung jenseits privatkapitalistischer bzw. staatskapitalistischer Verfügungsmacht“ (54) abzielt, von Benedikt XVI. und Franziskus jedoch kaum rezipiert wurde. – Martin Rhonheimer kritisiert das Freiheitsdefizit dieser katholischen Soziallehre, das er in Heinrich Peschs Solidarismus begründet sieht. – Abschließend skizziert Stefan Grotefeld das Kapitalismusproblem aus der Sicht des deutschen Protestantismus, allerdings ohne auf den evangelisch geprägten Ordoliberalismus einzugehen.
Den zweiten Teil eröffnet der Publizist Gerhard Schwarz, früher Direktor von Avenir Suisse und stellvertretender Chefredakteur der NZZ. Er hält Marktwirtschaft und christliches Ethos für durchaus vereinbar und kritisiert pointiert die Kapitalismuskritik der Kirchen. – Der Nationalrat und CVP-Präsident Gerhard Pfister fragt, ob es angesichts der Defizite des Kapitalismus mehr Staat in der Wirtschaft brauche. Er untersucht drei Positionen: 1) Der Kapitalismus ist amoralisch, also moralisch neutral und auf Moralisierung von außen (Akteure, Staat) angewiesen. 2) Er ist strukturell unmoralisch und muss gezähmt werden. 3) Er ist funktional und moralisch gegenüber seinen Alternativen überlegen und bedarf nur einer staatlichen Rahmenordnung. Pfister zeigt, warum er die dritte Position vertritt. – Besonders gefallen hat mir der Beitrag von Rudolf Wehrli, Kai Rolker und Joachim Krüger von der Clariant AG, einem Schweizer Unternehmen der Spezialchemie: „Nutzen die Unternehmen die Globalisierung zur Minimierung ethischer Standards?“ Die Frage wird sowohl ethisch als auch ökonomisch sorgfältig differenziert und dann durch das Fallbeispiel Clariant illustriert. Eine Pointe, die sich dabei ergibt, besagt, dass sich der unmoralisch erzielte kurzfristige ökonomische Vorteil tendenziell als langfristiger ökonomischer Nachteil erweist. Moral macht sich zumeist langfristig bezahlt. – Christian Frey und Christoph A. Schaltegger vom Fach Politische Ökonomie bestätigen der Schweizer Einkommensverteilung einen hohen Gerechtigkeitsstandard. Fraglich erscheint allerdings, ob das sozialethische Problem stetig wachsender Einkommensdifferenzen mittels des Gini-Koeffizienten gerechtigkeitstheoretisch in den Griff zu bringen ist.
Der kunstvoll konzipierte dritte Teil stellt in sechs Varianten verbreiteten Motiven der Kapitalismuskritik ihre kapitalistischen Antipoden gegenüber und interpretiert die Spannungen und möglichen Kompromisse beider. So untersucht Markus Vogt das Verhältnis von Barmherzigkeit und Kooperation auf der einen und Konkurrenz auf der anderen Seite. Matthias Störring, Nils Goldschmidt und Julian Dörr konfrontieren gerechte Vermögensverteilung sowie Gemeineigentum mit dem Privateigentum als Antipode, Stephan Wirz den genügsamen sozial- und umweltverträglichen Lebensstil mit der Konsumfreiheit und Arnd Küppers die staatliche Interventionstätigkeit und den Wohlfahrtsstaat mit der kapitalistischen Staatsskepsis. Ausführlicher stellt der frühere Chefökonom der Schweizerischen Nationalbank, Georg Rich, die Entwicklungshilfe sowie Ideen einer globalen Planwirtschaft und einer Weltautorität dem Antipoden Freihandel gegenüber.
Die Beiträge sind durchwegs differenziert, interessant und gut lesbar. Viele fordern geradezu eine Diskussion heraus. Die Vielfalt der Themen und das vorherrschende kritische Problembewusstsein machen die im Gesamtthema des Buches angelegte Komplexität deutlich und verhindern so Vereinfachungen und Einseitigkeiten. Wäre ich noch aktiv, wählte ich das Buch als Basis eines sozialethischen Seminars.
Arno Anzenbacher, Mainz