Friedhelm Hengsbach

Bernhard Emunds (Hg.): Christliche So­zialethik – Orientierung welcher Praxis? Friedhelm Hengsbach SJ zu Ehren. Ba­den-Baden: Nomos 2018, 396 S., ISBN 978-3-8487-5122-8

Die Sozialethik hat kein leichtes Leben. Vorbei die Zeiten als aus Kirche und Or­den heraus Politikberatung stattfand, als sozialethische Postulate einen offenen gesellschaftlichen Resonanzraum fanden, als Theologen Stichwortgeber der Zeit­diagnostik waren. Vielmehr müssen sich sozialethische Positionen heute auf den umkämpften Märkten der Aufmerksam­keit bewähren. Ihre Orientierungsfunk­tion müssen sie der Gesellschaft anbie­ten. Die von ihnen vorgeschlagene Praxis muss sich in einer Welt informationel­ler Beschleunigung behaupten. Hinzu kommt, dass das Image der Sozialethik immer auch an die öffentliche Wahrneh­mung kirchlicher Institutionen gebunden ist. Was einstmals autoritätsverstärkend wirkte, droht heute in Isolation zu en­den. So weit, so schwierig.

Umso erfreuter nimmt man den Sam­melband zur Hand, der als Geburtstags­gabe für Friedhelm Hengsbach SJ in der Reihe „Ethik und Gesellschaft“ bei Nomos erschienen ist. Denn ein Blick in das In­haltsverzeichnis dieses intelligent kom­ponierten und in seinen vielgestaltigen Beiträgen durchweg interessanten Ban­des zeigt gleichermaßen die Weite, aber auch die Konzentration des sozialethi­schen Denkens und Schaffens Hengs­bachs. Wirtschafts- und sozialpolitische Perspektiven sind ebenso zu finden wie auch praktisch-theologische Handrei­chungen, die christliche und kirchliche Formen politischen Handelns thematisie­ren. Die Euphorie des Aufbruchs spiegelt sich in den Beiträgen zu und ausgehend von Hengsbach ebenso wie die Ernüch­terung des Alltags in der Vermittlung von Theorie und Praxis. Doch bei aller Viel­gestaltigkeit ist die vorliegende Jubilä­umsgabe weit mehr als ein anregendes Lesebuch. Dieser von Bernhard Emunds herausgegebene Band proklamiert nichts weniger als die (Re-)Vitalisierung der Theologie als Gesellschaftswissenschaft und als politische Intervention.

Bernhard Emunds eröffnet den Band und zeigt in der Diskussion des Lebens­werks von Friedhelm Hengsbach SJ die programmatischen Perspektiven einer solchen (Re-)Vitalisierung. Ethische Fra­gen, so die Kernbotschaft, bemessen sich nicht länger an einem Ordnungsdenken, sondern an einem Denken von gesell­schaftlicher Veränderung. Christen tre­ten in den Prozessen gesellschaftlichen Wandels – in den ökologischen, sozialen und digitalen Fragen – „weder missiona­risch noch ethisch-rigoristisch [auf], son­dern gebend und nehmend – und damit entsprechend dem in Gaudium et Spes entworfenen Modell christlicher Präsenz in der Welt“ (22). Veränderungsethik mit Ausrufezeichen – das ist die erste pro­grammatische Perspektive und Botschaft. Eine zweite wichtige Perspektive ist die „Bedeutung der Gegenmachtbildung“ (24). Die engagierte, an den Zeitläuften und ihrer politischen Bearbeitung inte­ressierte Sozialethik stützt die Kirchen in der Haltung, sich als Teil der Zivilge­sellschaft zu sehen. Kirche ist dann keine Moralagentur mehr, die über den Tum­melplätzen gesellschaftlicher Konflikte steht, sondern selbst Teil dieser Kon­flikte – und insofern auch Gegenmacht. Die Sozialethik orientiert kirchliche und christliche Praxis. In welcher Weise leis­tet sie diese Orientierung?

Zum einen indem sie für diejenigen votiert, die keine Stimme in der Gesell­schaft haben und deren Anliegen nicht repräsentiert sind. Sie nimmt Partei ge­gen die Entwürdigung in der Arbeit, für die Rechte der Geflüchteten, gegen die gesellschaftliche Blindheit einer anti-staatlichen Marktlehre und für eine Poli­tik, die ihr Handeln am Gemeinwohl aus­richtet. Zum anderen orientiert die So­zialethik kirchliche und christliche Praxis auf der Suche nach Bündnispartnern für gesellschaftliche Anliegen. In dieser Pro­grammatik reflektiert die christliche So­zialethik – absolut auf der Höhe der Zeit – die Entkirchlichung der Gesellschaft, den Abschied vom Klerikalismus und die Ero­sion fixer konfessioneller Milieus. Sie nimmt dabei aber auch – soziologisch gesprochen – die interne Differenzie­rung und Pluralisierung der Institution Kirche und der sie tragenden Akteure zur Kenntnis. Kirchliches Handeln ist längst nicht mehr parteipolitisch in der Weise gebunden, wie es in der Vergangenheit der Fall war. Gleichwohl weist beispiels­weise Könemann in ihrem Aufsatz dar­auf hin, dass ein Blick auf die Lokalpo­litik zeigt, dass bekennendes Christsein ein starker Indikator für lokalpolitisches Engagement ist – interessanterweise ins­besondere in den religions- und kirchen­fernen Regionen Ostdeutschlands (94).

So ist Bernhard Emunds in seinem Re­sümee vorbehaltlos zuzustimmen, „dass aus christlichem Glauben heraus auch in der deutschen Gesellschaft mehr po­litisch bewegt wird, als Christlichen Sozialethiker*innen manchmal vor Augen steht“ (39). Das gilt auch vor dem Hin­tergrund des Verlustes an hegemonialer kirchlicher Kraft. Oder gilt dies – provo­kativ gefragt – gerade wegen dieses Sta­tus- und Machtverlustes kirchlicher In­stitutionen? Entstehen in der tiefen Krise der Klerikerkirche und in der Auflösung oftmals inklusiv geschlossener religiöser Sozialmilieus nicht neue institutionelle Spielräume, die der christlichen Sozial­ethik Chancen und Perspektiven eröff­nen? Ist das Erstarken eines eigenstän­digen „caritativen Katholizismus“ (45), so Karl Gabriel in seinem Beitrag, hierfür ein Zeichen? Weiterhin öffnen sich Räume für eine „public theology“ wie sie Tors­ten Meireis (97ff) vorstellt. Und die mehr oder weniger erzwungene Einfügung der Kirchen in die Zivilgesellschaft bringt Dy­namik in eine „wirklicheitsnahe Sozial­ethik“ (154), die Katja Winkler und Mat­thias Möhring-Hesse skizzieren. Zeigen sich hier nicht neue und interessante Ver­bindungslinien zu Soziologie und Sozial­forschung? Auch in der Soziologie wird um den Begriff einer „öffentlichen So­ziologie“ gestritten. Und die „Suche nach Wirklichkeit“ (Helmut Schelsky) ist ein Anliegen der Soziologie seit ihren bun­desrepublikanischen Gründertagen. Die wechselseitige disziplinäre Öffnung, die bereits heute an vielen Orten stattfin­det, sei es in Akademien oder Schriften­reihen, auf Podien oder im Rahmen von lokalen Gesprächskreisen, muss gestärkt werden. Das Zusammenwirken von So­zialethik und Soziologie liegt mehr und mehr auf der Hand, zumal der aktuellen Soziologie in fruchtlosen Debatten um ihre „Akademisierung“ die normativen Quellen ihres Tuns zu versiegen drohen.

Im Juli 2019 konstatierte Daniel De­ckers in der FAZ: „Wir stehen vor gro­ßen gesellschaftlichen und technologi­schen Herausforderungen, für die wir eine sprachfähige Theologie als ech­te Gesellschaftswissenschaft brauchen“ (FAZ vom 17.7.2019, S. 8). Hier, so der Tenor des Textes, braucht es neue An­strengungen katholischer Intellektuali­tät im Allgemeinen und christlicher Pra­xis im Besonderen. Friedhelm Hengsbach SJ liefert hierfür seit Jahrzehnten Impul­se, die er freilich in andere Worte fasst als Deckers. In einer spürbar bewegten Replik auf die Beiträge dieses inspirier­ten Sammelbandes kommt Hengsbach zu dem Ergebnis, dass die Zeichen der Zeit auf wissenschaftliche Verantwortungs­übernahme „im Horizont des Evangeli­ums [stehen], das handlungsorientiert sowie von Menschenrechten, Gerechtig­keitstheorien und Verantwortungsethi­ken angereichert ist“ (389).

Der Sammelband „Christliche Sozial­ethik – Orientierung welcher Praxis?“ öffnet Türen und macht Hoffnung. Die christliche Sozialethik braucht Bündnis­partner – nicht nur in den Bewegungen der Gesellschaft, sondern auch in ihren akademischen Nachbarschaften. In Zei­ten autoritärer Attacken auf Demokra­tie, Rechts- und Sozialstaat sind die Ge­sellschaftswissenschaften gefordert und müssen als Orte kritischen Denkens Pro­fil zeigen. Und Profil gewinnt man nicht durch Abgrenzung und intellektuelle Kleingärtnerei, sondern durch großzügi­ge Kooperationsbereitschaft und durch die Fähigkeit, sich auf produktive Wei­se in seinem Denken und Handeln irri­tieren zu lassen. Hierfür steht Friedhelm Hengsbach SJ als katholischer Christ und scharfsinniger Wissenschaftler. Die Ge­burtstagsgabe des vorliegenden Sammel­bandes ist daher ein Geschenk an ihn, aber auch ein Geschenk an die Gesell­schaftswissenschaften insgesamt. Mit diesem Geschenk liegt ein wichtiger Kompass der Sozialethik auf dem Tisch. Jetzt gilt es, mit ihm zu arbeiten.

Bertold Vogel, Göttingen