Friedensethik

Eberhard Schockenhoff: Kein Ende der Gewalt? Friedensethik für eine globa­lisierte Welt. Freiburg – Basel – Wien: Herder 2018, 759 S., ISBN 978-3-451- 37812-6

Die Friedensethik scheint hoch im Kurs zu stehen. Denn anders lässt es sich nicht erklären, dass gerade in den zurücklie­genden Jahren eine ganze Reihe an Mo­nografien und insbesondere das Hand­buch Friedensethik (2017) erschienen sind. Diese wissenschaftliche Welle der Friedensethik hat gewissermaßen auch die Studie des Freiburger Moraltheolo­gen Eberhard Schockenhoff auf unsere Schreibtische und in unsere Bibliotheken gespült. Meiner Kenntnis nach dürfte die friedensethische Studie Schockenhoffs, mit weit mehr als 700 Seiten, sein bislang umfangreichstes Werk sein, wenngleich auch seine bisherigen Grundlagenwer­ke (z. B. zur Bioethik, oder seine Grund­legung zur Theologischen Ethik) wieder­holt schon Küngsche Ausmaße angenom­men hatten.

Bereits in seinem Vorwort macht Schockenhoff deutlich, dass die Friedens­thematik – als wesentlich für ein mensch­liches Grundanliegen sowie für mensch­liche Sorge – eine zentrale Fragestellung nicht nur der christlichen Ethik ist, und neben der Bioethik „zu den wichtigsten Aufgabenfelder der gegenwärtigen phi­losophischen und theologischen Ethik“ gehört (5). Überdies betont er zu Recht die multi- bzw. interdisziplinäre Bedeu­tung und Tragweite der Frage nach dem Frieden. Insofern ist es mehr als nahe­liegend, dass Schockenhoff selbst sich in seiner Studie auf die diversen Dis­ziplinen (Geschichtswissenschaft, Frie­densforschung unterschiedlicher Dis­ziplinen, Internationale Beziehungen, Nationalökonomie und Völkerrechtswis­senschaft) bezieht und daraus eine Viel­zahl an Erkenntnissen in seine Darlegun­gen einbringt.

Schockenhoffs Studie umfasst vier Hauptteile: Teil Eins dokumentiert „Kriegserfahrungen und Friedenshoff­nungen von der Antike bis zur Gegen­wart“ (19–99), der zweite Teil zeichnet die „Entwicklung der Lehre vom gerech­ten Krieg“ (103–386) nach, Teil Drei er­kundet „Die Hoffnung auf Frieden in der Bibel“ (395–497) und der vierte Teil un­ternimmt eine „systematische Entfaltung der Friedensethik“ (501–741).

Da es nicht leistbar ist, an dieser Stelle weder stichwortartig geschweige denn vollumfänglich und detailliert As­pekte und Einzelthemen aus Schocken­hoffs Darlegungen wiederzugeben, gilt der Fokus hier vor allem einer sozialethi­schen Perspektive: Diesbezüglich sind ins­besondere die folgenden Themen und As­pekte relevant und von Interesse: Ers­tens das Verständnis und die Aufgabe einer zeitgemäßen Friedensethik (514ff), zweitens die Bedeutung der Menschen­rechte aus friedensethischer Perspektive (93ff, 591ff), drittens die Relevanz des Rechts bzw. von inter- bzw. supranatio­nalen Rechtsinstitutionen zur Sicherung des Friedens (639ff), viertens die gegen­wärtige Bedeutung der Lehre vom ge­rechten Krieg und dessen Kritik (267ff), fünftens die Bedeutung und Kritik des Krieges in der jüngeren Vergangenheit sowie in der Gegenwart (67ff), sechstens die Konzeption des gerechten Friedens, die von insgesamt vier Säulen getra­gen ist (Säule 1: Menschenrechtsschutz, Entwicklungsförderung und Armutsbe­kämpfung; Säule 2: Demokratieförde­rung und Aufbau rechtsstaatlicher Struk­turen; Säule 3: wirtschaftliche Zusam­menarbeit, Industrialisierung und freier Welthandel; und Säule 4: Ausbau supra­nationaler Verflechtungen und Regime, 578–665), und schließlich siebtens die aktuellen Herausforderungen (666–741), denen sich eine Friedensethik zu stellen hat und die sich in den Überschriften und Stichworten „humanitäre Intervention“, „Terrorismus“, „gezielte Tötungen“, „au­tonome Waffensysteme“, „virtuelle Krie­ge im Cyberspace“ sowie „Weiterverbrei­tung von Atomwaffen und die Krise der nuklearen Abrüstung“ fassen und fest­halten lassen.

Erkennbar und eindrücklich gelingt es Eberhard Schockenhoff, den Bogen friedensethischer Aspekte und Fragestel­lungen von der Antike bis ins 21. Jahr­hundert zu spannen und insofern auch die Entwicklungs- und Entfaltungsge­schichte der Friedensethik bzw. frieden­sethischer Themen nachvollziehbar auf­zuzeigen. Friedensethisches (d. h. auch kriegs- und friedenshistorisches) Grund­wissen wird ergänzt durch argumenta­tiv ausgeführtes Reflexionswissen und generiert letztlich beim heutigen Leser bzw. der heutigen Leserin ein hilfreiches und wertvolles friedensethisches Orien­tierungswissen.

In besonderer Weise hervorzuheben ist auch, dass Schockenhoff trotz seines stark philosophisch (Kantisch) gepräg­ten Ethikverständnisses, die theologi­sche Fundierung der Friedensethik im Rekurs sowohl auf das Alte als auch das Neue Testament vorzüglich gelingt, und er damit eine grundlegende Friedens­theologie anbietet. Dies wiederum setzt er in einer besonders feinsinnigen Weise in Bezug zu den tatsächlichen praktisch-politischen Friedensbemühungen unse­rer Zeit. Der folgende Schlüsselgedan­ke, den Schockenhoff formuliert, bringt dies anschaulich zum Ausdruck: Die Rede vom gerechten Frieden als moralisch re­gulative Idee „lässt sich im irdischen Le­ben niemals vollkommen, sondern nur in konkreten Schritten realisieren, die frag­mentarisch, vorläufig und möglicherwei­se auch revisionsbedürftig bleiben. Gera­de weil es sich um zunächst nur punktu­elle Einzelschritte handelt, die zu einem Handlungsmuster des Friedensaufbaus zusammenwachsen können, ist es moti­vierend und hilfreich (…), die Einheit die­ses Weges und sein angezieltes Ergebnis zu antizipieren“ (515f).

Noch vor wenigen Jahren hatte der Münchner Sozialethiker Markus Vogt mit seinen dezidierten Darlegungen feststel­len müssen, dass die theologische und ge­sellschaftliche Bedeutung der Friedens­thematik für das Christentum und die christliche Ethik auf der einen Seite und ihr tatsächlich bescheidenes Vorkommen sowohl in Kirche als auch in Theologie auf der anderen Seite in einem Missverhält­nis stehen. Auf der einen Seite ist Frieden ein Schlüsselthema der christlichen Ethik, auf der anderen Seite wurde der Frie­densethik sowohl in Forschung als auch in Lehre nur wenig Bedeutung beigemes­sen und war letztlich bei einer Hand voll von Expertinnen und Experten angesie­delt. Schockenhoffs, auch im eigentlichen Wortsinn, gewichtige Studie ist ein Beleg dafür, dass sich in dieser Sache eine Zei­tenwende vollzogen hat und sich die Frie­densethik nun de facto zu einem Schlüs­selthema nicht nur in der theologischen bzw. Sozialethik entwickelt hat. Bei einem Mammutwerk von fast 800 Seiten ist es nachvollziehbar, dass nahezu keine offen gebliebenen Desiderata zu notieren sind – zumal bei einer solch feingliedrigen Aus­arbeitung von einer Vielzahl an Themen und Fragestellungen, wie dies Schocken­hoff geleistet hat. Allenfalls einige weni­ge Rückfragen und knappe Anmerkungen seien gestattet: Aus inhaltlicher Sicht wä­re es wünschenswert gewesen, den Begriff der Friedensethik ausführlicher in seinem Verständnis und seiner Aufgabenstellung zu entwerfen und zu entfalten; Schocken­hoffs Überlegungen zum Begriff sowie zur Aufgabenzuschreibung der Friedensethik fallen doch sehr knapp und kompakt aus und finden sich im kurzen – und letzt­lich ausbaufähigen – Abschnitt, der über­schrieben ist mit „Das Ziel des gerechten Friedens als Leitvorstellung der Friedens­ethik“ (514–516).

Überdies irritiert methodisch zumin­dest zweierlei: Zum einen, dass Schocken­hoff lediglich den zweiten Hauptteil mit einer kurzen zusammenfassenden bzw. ausblickenden Hinführung eröffnet, was bei den anderen drei Teilen in vergleich­barer Weise ausbleibt, zum anderen hätte man sich für den Schluss noch abschlie­ßende, sowohl bilanzierende als auch prospektive Überlegungen gewünscht – tatsächlich aber endet der letzte Ab­schnitt „bloß“ mit kritischen Überlegun­gen zur nuklearen Friedensstrategie so­wie mit dem Hinweis auf eine berechtigte jüngere Skepsis hinsichtlich der Unum­kehrbarkeit des Friedensprojektes Europa.

Aufgrund der heutzutage nicht mehr selbstverständlichen Personen- und Sach­register sowie der bei Schockenhoff übli­chen Detailgliederung eignet sich die Stu­die nicht nur zur Lektüre und zum sys­tematischen Durcharbeiten bei einem allgemeinen und grundsätzlichen frie­densethischen Interesse, sondern „Kein Ende der Gewalt?“ wird seinen wertvollen Dienst auch als häufig konsultiertes Nach­schlagewerk und als schier unerschöpfli­cher Fundus für Lehre und Unterricht – nicht nur für Moraltheolog*innen und Sozialethiker*innen, sondern weit über die Theologie hinaus – leisten.

Johannes J. Frühbauer, Augsburg/Heidelberg