Elternschaft und Gemeinwohl

 

Elisabeth Zschiedrich: Elternschaft und Gemeinwohl. Ein sozialethischer Beitrag zum demografischen Diskurs, Paderborn: Schöningh 2018, 427 S., ISBN 978-3- 506-78838-2

Ob Menschen sich dafür oder dagegen entscheiden, Kinder zu bekommen, ist of­fensichtlich eine höchst persönliche, in­time Angelegenheit mit weitreichenden Auswirkungen auf den eigenen Lebens­entwurf. Bleibt der Kinderwunsch uner­füllt, geht das für die Betroffenen oft mit erheblichen seelischen Belastungen ein­her. Aber auch für diejenigen, die Kinder bekommen, stellt die Elternschaft einen biographischen Einschnitt dar, der das eigene Leben und auch eine Paarbezie­hung grundlegend verändert.

Trotz dieses intimen Charakters ist die Frage von Elternschaft immer wie­der auch Gegenstand der kontroversen politischen Debatte – oder vielleicht auch gerade wegen der zutiefst persönlichen Dimension des Themas. Denn nicht we­nige Menschen scheinen das Gefühl zu haben, dass etwa familienpolitische Ent­scheidungen wie das 2007 eingeführte Elterngeld eine implizite Wertung des ei­genen Lebensentwurfs beinhalten, was in dem genannten Beispiel seinerzeit zu hitzigen Debatten bis hin zu geschmack­losen Anfeindungen gegen die damali­ge Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen geführt hatte. Mitunter treibt die öffentliche Debatte auch ganz kurio­se Blüten, etwa als jüngst ausgerechnet eine Lehrerin überraschend viel mediale Aufmerksamkeit für ihre These bekam, Frauen sollten einen allfälligen Kinder­wunsch unbedingt überdenken, ins­besondere auch vor dem Hintergrund des Klimawandels, denn jedes Kind er­zeuge schließlich eine bedenkliche Men­ge an CO2-Emissionen.

Nicht nur dieses etwas abseitige Bei­spiel zeigt, dass die lange Zeit selbst­verständliche Rede von der Familie als „Keimzelle der Gesellschaft“ heute kei­neswegs mehr unhinterfragt ist. Insofern wagt sich Elisabeth Zschiedrich mit ihrer Frage, ob es jenseits der persönlichen Di­mension auch einen Gemeinwohlbezug von Elternschaft gibt und wie dieser aus­sieht, auf umkämpftes Terrain. Aber gera­de angesichts der Hitzigkeit anderer De­battenbeiträge fällt bei der Lektüre des Buches als erstes die Sensibilität auf, mit der sich die Autorin dem für viele Men­schen emotional besetzten Thema nähert, genauso wie der unbedingte Respekt, den sie den unterschiedlichen Lebensentwür­fen heutiger Menschen entgegenbringt. Auch stellt sie von Anfang an klar, dass ihre Arbeit sich der Vereinnahmung de­rer verweigert, die sich mit dem Wandel und der Pluralisierung dessen, was Fami­lie ist, schwertun und Abweichungen von einer unterstellten Normalität abwerten. Sie stellt klar, es gehe ihr „nicht um den […] Wandel familialer Lebensmuster und eine Bewertung derselben. Es ist für die Fragestellung dieser Arbeit irrelevant, ob Menschen, die dich für (oder gegen) Kin­der entscheiden, verheiratet sind, ob es sich um Alleinerziehende oder um gleich­geschlechtliche Paare handelt“ (S. 5).

Die Studie bietet zunächst einmal eine Zusammenfassung der demografi­schen Daten und Prognosen für Deutsch­land (Kapitel eins). Das zweite Kapitel er­örtert die verschiedenen Implikationen von Elternschaft als ein das Individuum betreffendes Phänomen, und das drit­te Kapitel fragt nach den Auswirkungen für Staat und Gesellschaft. In systema­tischer Weise zeigt die Autorin anhand vieler Daten auf, welche gravierenden ne­gativen Folgen die Schrumpfung und die Alterung der Bevölkerung insbesondere für die volkswirtschaftliche Performance Deutschlands und für das Sozialversiche­rungssystem nach sich ziehen. Insbeson­dere der Wohlfahrtsstaat in allen seinen Facetten werde heutzutage durch den demografischen Wandel grundlegend in Frage gestellt. Zugleich betont die Auto­rin, dass der positive Beitrag, den Eltern und Kinder für eine Gesellschaft leisten, sich nicht bloß in verrechenbaren Leis­tungen erschöpft, sondern dass es auch einen vielfältigen „qualitativen Wert­schöpfungsbeitrag“ gibt, der – zumin­dest dort, wo es so läuft, wie es mit Blick auf das Kindeswohl laufen sollte – etwa in Sozialisation, Erziehung, Bildung und Wertevermittlung liegt. „Nicht allein das ‚Das‘ auch das ‚Wie‘ von Elternschaft ist für die Gesellschaft von fundamentaler Bedeutung“ (S. 234).

Dieser Gedanke leitet zu dem vier­ten Kapitel über, in dem die Autorin den Begriff des Gemeinwohls als normativen Referenzpunkt ihrer Untersuchung ent­faltet. Hier referiert sie nicht nur kennt­nisreich die historische Entwicklung der Gemeinwohlidee in Philosophie, Theo­logie, Sozialwissenschaften und Sozial­ethik, sondern sie bietet auch einen sehr genauen Überblick über die aktuelle De­batte. Vor allem mit Blick auf den ge­genwärtigen Diskurs in den Politik- und Sozialwissenschaften erkennt sie die „deutliche Tendenz […], „sich dem Ge­meinwohlbegriff neu zuzuwenden und gerade seine lange verdrängte inhaltliche Dimension auf ihre Kompatibilität mit der Moderne hin zu überprüfen“ (S. 305). Auch die Autorin selbst plädiert entschie­den für einen nicht nur bloß prozedura­len, sondern zugleich auch materialen Gemeinwohlbegriff.

Angesichts der Bedrohungen, die mit Geburtenrückgang und demografischem Wandel für den allgemeinen Wohlstand und für das soziale Klima einhergehen, ist für die Autorin am Ende ihrer Unter­suchung der Zusammenhang zwischen Elternschaft und Gemeinwohl evident: Kinder zu haben, ist nicht reine Privat­sache, sondern ein unverzichtbarer Bei­trag für das Überleben und die Wohlfahrt von Staat und Gesellschaft. Die daraus zu ziehenden familienpolitischen Kon­sequenzen hingegen liegen in einer plu­ralen Gesellschaft und in einer liberalen Demokratie nicht so eindeutig auf der Hand – zumal nicht in Deutschland, wo sowohl im Dritten Reich als auch in der DDR eine autoritäre Bevölkerungspolitik betrieben wurde. Politisch nichts zu tun, ist angesichts der Gemeinwohlbedeutung des Themas aber keine Option. Die Auto­rin selbst plädiert im Resümee ihrer Arbeit für eine sowohl bevölkerungsbewusste als auch gleichstellungsorientierte Fami­lienpolitik. Sie ist der Überzeugung, dass eine in diesem Sinne konsistente, nach­haltige Familienpolitik die Geburtenraten durchaus wieder auf ein Niveau heben könnte, wie es in Frankreich oder Schwe­den herrscht. Auch wenn ihre Vorschlä­ge also durchaus bevölkerungspolitische Implikationen haben, betont sie, dass es aus Sicht christlicher Sozialethik letztlich vor allem darum geht, Familienpolitik so­zial gerecht zu gestalten. So zeigt Elisa­beth Zschiedrich mit ihrer Studie auch exemplarisch, dass selbst bei politisch höchst kontroversen Fragen eine sen­sible, ausgewogene Abwägung zu den­noch gehaltvollen sozialethischen Aus­sagen gelangen kann. Ihre Darstellung ist deswegen nicht nur lehrreich, sondern die ganze Art der Herangehensweise ist auch wohltuend.

Arnd Küppers, Mönchengladbach