Vor genau 30 Jahren scheiterte mit dem Fall der Berliner Mauer der 70 Jahre andauernde autoritäre Versuch der Sowjetunion, unter sozialistischem Vorzeichen eine überstaatliche Identitäts- und Solidargemeinschaft herbeizuführen. Nach 1989 bildeten sich in Mittel- und Osteuropa auf der Basis sprachlicher, religiöser und ethnischer Identitäten auch Staaten, die noch nie oder – wie die baltischen Staaten – nur 20 Jahre als Nationalstaaten existiert hatten. Umgekehrt dauerte es nach dem Mauerfall kein Jahr bis sich die DDR der Bundesrepublik anschloss. Stimmen, ein Gesellschaftsmodell eines „Dritten Weges“ als eigenes Staatsgebilde zu erproben, blieben eine Minderheit.
Während es in Mittel- und Osteuropa nach 1990 zu einer Renaissance des Nationalstaates kam und im Fall Deutschlands sich die beiden nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Staaten wieder zu einem Nationalstaat zusammenschlossen, forderten die ökonomische Globalisierung sowie die Zunahme internationaler Verflechtungen nicht zuletzt im Bereich der Umweltpolitik und der Migration eine verstärkte überstaatliche Zusammenarbeit. Die dadurch offensichtlich werdenden Spannungen, die sich auch durch rechtspopulistische Bewegungen der Gegenwart verstärken, bilden einen Ausgangpunkt der folgenden Beiträge zur Rolle von Nation und Nationalstaat angesichts transnationaler Herausforderungen.
Hermann-Josef Große-Kracht behandelt unter Rückgriff auf Jürgen Habermas die Möglichkeiten überstaatlicher Staatsbürger-Solidarität und plädiert für einen neuen Aufbruch in der europäischen Integration. Axel Bohmeyer thematisiert die Spannung von Nationalstaaten zwischen Inklusion nach innen und Exklusion nach außen. Bisher werden Menschenrechte, Demokratie und soziale Wohlfahrt allein durch Nationalstaaten garantiert, denen Verpflichtungen der Staatsbürger gegenüberstehen (Rechtsbefolgung, Steuerpflicht, Wehrdienst etc.). Katja Winkler unternimmt einen Vermittlungsversuch zwischen Kosmopolitismus und Nationalstaatlichkeit, wobei sie vor allem auf kommunitaristische Ideen eingeht. Nach ihrer Auffassung kommt auch der Kosmopolitismus im realpolitischen Handeln nicht an Nationalstaaten vorbei. Klára A. Csiszár zeigt am Beispiel Rumäniens auf, wie ethnische, sprachliche und religiöse Identitäten mit einer nationalstaatlichen Identität in Spannung stehen können. Sie macht deutlich, dass auch eine vorgeblich überstaatliche Glaubensgemeinschaft wie die katholische Kirche kaum ethnische und sprachliche Grenzen überwindet, wenn sich etwa an einem Ort römisch-katholische und griechisch-katholische Priester kaum kennen, geschweige denn kooperieren, obwohl beide letztlich einer Kirche angehören und dem Papst unterstehen. Oliver Hidalgo behandelt unter der Perspektive der politischen Theorie das Verhältnis von Nation und Staat und misst dem Nationalstaat weiterhin zentrale Bedeutung für die internationale Politik bzw. Weltordnungspolitik zu, weil Demokratie jenseits nationalstaatlicher Grenzen kaum organisierbar erscheint. Die notwendige überstaatliche Perspektive muss von zivilgesellschaftlichen Akteuren und Religionsgemeinschaften aktiv gefördert werden, um Gegenwartsproblem zu lösen. Problematisch sei jedenfalls eine enge Verknüpfung von Religion und Nation. In einem Interview erläutert Matthias Möhring-Hesse Motive rechter Identitätspolitik, die ein „homogenes Volk“ erschaffen und Minderheiten ausschließen will. Dies ist besonders vor dem Hintergrund interessant, dass der Begriff „Identitätspolitik“ erstmals von Menschen verwendet wurde, die von Diskriminierung betroffen waren.
Die „artðics“-Seite ist dieses Mal dem Kunstwerk „The Daydreaming“ von Matvey Slavin gewidmet, der das Thema des Hefts unter architektonischen Gesichtspunkten aufgreift. Die Besprechung sozialethischer Neuerscheinungen sowie ein Bericht über das Forum Sozialethik runden das Heft ab.