Lederhilger, Severin (Hg.): Gott und die digitale Revolution, Regenburg: Pustet 2019, ISBN 978–3-7917-3116-2 (Schriften der Katholischen Privatuniversität Linz Nr. 6).
Nicht nur technisch möglich, sondern auch gesellschaftlich sinnvoll: Wie eine solche Gratwanderung im Zeitalter automatisierter Abläufe, Künstlicher Intelligenz und zunehmender Digitalisierung gelingen kann, damit setzt sich der vorliegende Sammelband auseinander. Er umfasst die Beiträge der 20. Ökumenischen Sommerakademie im Kloster Kremsmünster 2018, die unter dem Titelthema stand.
Manfred Scheuer, früherer Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte und jetziger Bischof von Linz, eröffnet den Band mit einem Beitrag zu „Digitalisierung und Spiritualität“. Er betont, dass sich nicht die gesamte Wirklichkeit auf Zahlen reduzieren lasse, sondern es Dimensionen gebe, die nicht in „Big Data“ erfassbar seien. Scheuer weist darauf hin, dass mit der Erfassung des Werks von Thomas von Aquin auf Lochkarten die „digital humanities“ begonnen hätten. Gerold Lehner, Superintendent der Diözese Oberösterreich, widmet sich dem Thema „Gott und die digitale Revolution“. Er setzt sich mit Zukunftsutopien auseinander, die mit Hilfe digitaler Techniken einen neuen Menschen schaffen wollen. Das habe zur Folge, dass sich Menschen an die Stelle Gottes setzten.
Der Professor für Systematische Theologie der Universität Nürnberg-Erlangen, Werner Thiede, fragt, ob mit der Digitalisierung nicht ein neuer „Turmbau zu Babel“ unternommen werde. Er sieht die Gefahr einer massenhaften Akzeptanz größerer Unfreiheit, eine neue, selbstverschuldete Unmündigkeit. Die Bestrebungen im Transhumanismus, den Menschen zu verbessern, stellen laut Thiede eine Gefährdung der Menschenwürde dar. In der Digitalisierung sieht Thiede eine Ideologie von ersatzreligiösem Charakter. Aufgabe der Kirche sei es, die gesamten digitalen Prozesse ideologiekritisch zu hinterfragen.
Der Ingenieur und künstlerische Leiter des Ars-Electronica-Festivals in Linz, Georg Stock, befasst sich mit dem Weg von der Künstlichen zur Sozialen Intelligenz. Er betont, dass es auf der Erde keine Technik gebe, die nicht von Menschen erzeugt worden sei. Daher sollten die Menschen mit Sozialer Intelligenz die Künstliche Intelligenz beherrschen, und nicht umgekehrt.
Die Juristin und Geschäftsführerin eines Technologieunternehmens, Yvonne Hofstetter, beschäftigt sich in ihrem Beitrag mit der Digitalisierung und ihren Folgen für das Menschenbild. Sie sieht in der Digitalisierung keine kontinuierlichen Änderungen, sondern revolutionäre Umbrüche (Disruption). Weiterhin kritisiert sie, dass Digitalkonzerne die Gesellschaft vor allem durch eine intensive Überwachung gestalten würden, ohne dass vorher eine gesellschaftliche Debatte stattgefunden habe und deren Ergebnisse in eine Gesetzgebung zur Regulierung der Digitalunternehmen eingeflossen seien. Vor allem könne Künstliche Intelligenz (KI) dazu führen, dass gesellschaftliche Diskriminierungen beibehalten oder verstärkt werden.
Der Philosoph Michael Fuchs beschäftigt sich in seiner Analyse mit ethischen Fragen selbstlernender Systeme. Menschen haben seiner Auffassung nach weniger Pflichten gegenüber Robotern als vielmehr Pflichten gegenüber anderen Menschen, die durch Roboter tangiert werden können. Er diskutiert den Einsatz von Pflegerobotern.
Der theologische Ethiker Peter G. Kirchschläger thematisiert superintelligente Systeme und ihr Verhältnis zum theologisch-ethischen Kernprinzip der Menschenwürde. Dabei betont er die Verwundbarkeit eines jeden Menschen, was den Schutz aller durch Menschenrechte bedinge. Maschinen sollen laut Kirchschläger zwar nach Normen reagieren, haben aber im Gegensatz zu Menschen kein Gewissen, keine Freiheit und keine Verantwortung. Es bleibe die Verantwortung der Menschen, welche die Maschinen, selbst wenn sie als selbstlernend „superintelligent“ sind, programmiert haben.
Ilona Nord, Professorin für Religionspädagogik, fragt nach den Auswirkungen der Digitalisierung auf die christliche Bildung. Nord tritt für die Vermittlung einer kritischen Medienkompetenz ein. Das Christentum sei eine Bildungsreligion, die immer schon Medien nutze, weshalb sie auch neue Medien produktiv aufgreifen solle.
Johanna Haberer, Professorin für Christliche Publizistik in Nürnberg, behandelt in ihrem Beitrag „Macht und Ohnmacht“ in digitaler Gesellschaft. Sie versucht, die umfassende Digitalisierung aller Lebensbereiche mit Kategorien wie: „Entgrenzung“, „Beschleunigung“, „Ubiquität“, „Anonymität“, „Übergriffigkeit“, „Destruktion und Destabilisierung durch Desinformation“, „Mobilisierung“, „Überwachung“, „Heilsversprechen oder Verschwörungstheorien“ zu erfassen.
Bei den vier abschließenden Beiträgen handelt es sich um persönliche Schilderungen und Erfahrungsberichte sowie eine Predigt:
- Der Superintendent der Diözese Niederösterreich, Lars Müller-Marienburg, reflektiert seinen Facebook-Auftritt.
- Der Bischof der Diözese Graz-Sekau, Wilhelm Krautwaschl, schildert seine persönlichen Erfahrungen der schrittweisen Einführung digitaler Techniken in den letzten 30 Jahren. In seiner Reflektion formuliert er einige generalisierende kritische Anfragen.
- Andrej Cilerdzic, Bischof der Serbischen Orthodoxen Kirche für Österreich, Schweiz, Italien und Malta, beschreibt, wie seine Kirche sich als „Kirche 4.0“ definiert: Sowohl in der Kirchenadministration wie in der Kommunikation zu und unter den Gläubigen werden digitale Medien genutzt.
- Der Sammelband schließt mit dem Abdruck des Predigttextes des Herausgebers im ökumenischen Abschlussgottesdienst der Tagung ab.
In der Publikation wird die Digitalisierung sehr kritisch reflektiert, wobei vor allem Fragen des Datenschutzes, der Abhängigkeit der Menschen von digitalen Konzernen, die Auswirkungen der Digitalisierung auf die zwischenmenschliche sowie die gesellschaftliche Kommunikation kritisch beleuchtet werden. Besonders skeptisch werden utopische und quasi-ersatzreligiöse Vorstellungen gesehen, die im Sinn eines Transhumanismus den Menschen technisch verändern wollen, was herkömmliche Menschenbilder in Frage stellt. Die hier dargelegte Kritik und Skepsis gegenüber der Digitalisierung steht in Diskrepanz zu der umfassenden freiwilligen Nutzung dieser Techniken durch gesellschaftliche Mehrheiten in den meisten Ländern der Erde, weil diese darin vielfältige Vorteile sehen. Auch aus theologisch-ethischer Perspektive hätten die Vorteile und Chancen stärker gewichtet werden können, um konstruktiv im gesellschaftlichen Diskurs wahrgenommen werden zu können. Christliche Ethik hat in der Vergangenheit allzu oft als fortschrittsfeindlicher Bedenkenträger gewirkt und dabei auch echte Chancen humanen Fortschritts übersehen.
Joachim Wiemeyer, Bochum