Titelseite Amosinternational 4/2019

Heft 4/2019Nationalstaat und nationale Identitäten

Inhalt

Weltweite Flucht- und Migrationsbewegungen sowie die Globalisierung stellen den "Nationalstaat" in Frage. Gleichzeitig wird in aktuellen Debatten eine "nationale Identität" behauptet, oft in ab- und ausgrenzender Absicht. Die neue Ausgabe von Amosinternational geht diesen gegensätzlichen Phänomenen nach.

Über diese Ausgabe

Editorial

Schwerpunktthema

  • Plus S. 3

    Füreinander einstehenJürgen Habermas und die Suche nach Potenzialen einer supranationalen Staatsbürger-Solidarität

    Auch wenn die Grundlagen zur Konstruktion nationaler Identitäten verschieden sein können, sind Nationen planvoll ins Werk gesetzte „imagined communities“ mit vermeintlichen oder tatsächlichen Gemeinsamkeiten. Vor dem Hintergrund dieser Sichtweise befasst sich der Artikel mit der Frage, wie Genese und Formen des Nationalstaats in den Schriften von Jürgen Habermas rezipiert werden und welche Perspektiven der Philosoph für eine entsprechende Formierung supranationaler Ebenen erkennt. Der Beitrag gelangt zu dem Ergebnis, dass innerhalb der Europäischen Union nicht nur – wie von Habermas postuliert – demokratischen Prozessen, sondern auch wohlfahrtsstaatlichen Sicherungen eine Schlüsselrolle bei der Identitätsbildung zukommt.

  • Plus S. 10

    Zwischen Inklusion und ExklusionZur „Inklusionsexklusivität“ des Nationalstaats

    Die Nationen und mit ihnen die Nationalstaaten gelten in den Sozialwissenschaften als „imagined communities“, als vorgestellte Gemeinschaften bzw. „gedachte Ordnungen“ und in diesem Sinne als soziale Konstrukte. Dagegen beziehen sich Rechtspopulistinnen und Rechtspopulisten häufig auf das (vermeintlich) Natürliche der Nation, um auf der Grundlage der „natürlichen Ordnung“ eine scharfe Grenze zwischen den „Dazugehörigen“ und den „Nicht-Dazugehörigen“ zu ziehen. Die Logik des Nationalstaats – so lässt sich beobachten – changiert zwischen Inklusion und Exklusion. Im späten 18. Jahrhundert im Kontext einer „egalitären Befreiungsideologie“ entstanden, hat der Nationalstaat aus geschichtlicher Perspektive dazu beigetragen, ethnische, religiöse und regionale Spaltungen aufzuheben. Er hat den Rahmen für eine die Einzel- und Gemeinschaftsinteressen überschreitende Solidargemeinschaft geboten, hier wurden politische Partizipation und soziale Sicherheit erkämpft. Der Nationalstaat zeichnet sich durch eine eigentümliche „Inklusionsexklusivität“ aus.

  • Gratis S. 17

    Kosmopolitismus vs. Nationalismus?Vermittlungsversuche

    Kosmopolitismus wird weithin als Gegenkonzept zur Nation angesehen. Im folgenden Beitrag wird diese Opposition auf den Ebenen von Identitätsbildung, politischer Prozesse und ethischer Theoriebildung relativiert. Dazu wird die Position der politischen Philosophin Seyla Benhabib herangezogen, die einen „Kosmopolitismus ohne Illusion“ ausformuliert hat, d. h. einen Kosmopolitismus, der eine enge Bindung an den Nationalstaat und an die Staatsbürgerschaft aufweist. Die Auflösung der Frontstellung ist nicht nur ethisch geboten; vor allem ist sie auch deshalb wichtig, weil aktuell mit der angeblichen Unvereinbarkeit von Kosmopolitischem und Nationalem bzw. Kommunitaristischem konstruktive Auseinandersetzungen innerhalb öffentlicher politischer Debatten unmöglich geworden sind.

  • Plus S. 24

    Auf eine multiethnische und multireligiöse Zukunft hin?Kollektive Identitäten in Rumänien

    Rumänien ist in kultureller Hinsicht ein Sonderfall, insbesondere was das Zusammenleben von ethnischen und religiösen Entitäten und ihre Haltung zueinander betrifft. Zwangsläufig hat der „postmoderne Mensch“ die Rolle des „homo sovieticus“ übernommen, der sein Leben in die Hand nimmt und in seiner Lebensdeutung nicht mehr (oder nicht nur) auf traditionelle Identitätsformen (Ethnie und Religion) zurückgreift. Demgegenüber ringen kollektive Identitäten allerdings weiterhin um ihre Selbstbehauptung anderen Entitäten gegenüber. Darauf zurückzuführen ist eine enge Verflechtung der ethnischen und religiösen Identitäten, die sich vor allem bei der ungarisch-sprachigen protestantischen und katholischen Minderheit, aber auch bei der rumänischen orthodoxen Mehrheit im Lande zeigt. Gesellschaftliche Herausforderungen, vor denen sowohl die ethnisch-konfessionellen Minderheiten als auch die rumänische orthodoxe Mehrheit im Lande stehen, sollten auf Grundlage der Kraft der Vielfalt und des Miteinanders angegangen werden. Die Dekonstruktion traditionalistisch-kollektiver Identitäten und die Gestaltung des Miteinanders auf ein gutes Leben in Gemeinsamkeit hin, stehen an.

  • Plus S. 34

    Bleibende oder schwindende Bedeutung?Die Idee des Nationalstaats im Kontext der gegenwärtigen Migrationsdebatte

    Das Ende der nationalstaatlichen Ära wurde schon des Öfteren ausgerufen, dennoch hat sich der Nationalstaat bislang allen Unkenrufen zum Trotz historisch und politisch behauptet. Ob es sich hier jedoch nur um die unterschiedlichen Stadien einer langwierigen Agonie oder aber um eine faktische Renaissance handelt, ist bis auf weiteres umstritten. Die Grenzen und Aporien des Nationalstaates treten aktuell im Kontext der globalen Flucht- und Migrationsbewegungen jedenfalls offen zu Tage, sind dabei allerdings weit weniger ‚neu‘, als es die einschlägige Debatte meist suggeriert. Die vorliegende ideengeschichtliche Studie will darüber Aufschluss geben.

Arts & ethics

Interview

  • Gratis S. 42

    „Ziel ist eine Ausgrenzung nach innen wie nach außen.“Rechte Identitätspolitiken und ihre Motive

    „Identitätspolitik“ – eine Gruppierung schwarzer lesbischer Frauen in den USA benutzt Ende der 1970er Jahre erstmals diesen Begriff. Die gemeinsam von Diskriminierung Betroffenen vereinigten sich für eine Politik der Anerkennung und Gleichberechtigung. In den vergangenen Jahren taucht dieser Begriff immer häufiger zur Beschreibung der politischen Mobilisierung extrem-rechter Gruppierungen auf: Sie erschaffen sich ein homogenes Volk mit Hilfe kollektivierter Identitäten derer, die „dazu gehören“. Sie arbeiten dabei mit Zuordnung auf der einen und Ausgrenzung auf der anderen Seite. Damit entlasten sie ihre Anhänger von der modernen Zumutung, als Individuen die eigene Identität selbst schaffen zu müssen, und versprechen, die überkommenden Privilegien derer zu sichern, die „ganz normal“ sind.

Bericht

Buchbesprechungen