Lederhilger, Severin (Hg.): Gärten in der Wüste. Schöpfungsethik zwischen Wunsch und Wirklichkeit, Regensburg Pustet 2018, 208 S., ISBN 978-3-7917- 7211-0.
Der vorliegende, von Prof. Dr. Dr. Severin Lederhilger OPraem herausgegebene Sammelband veröffentlicht die Vorträge der 19. Ökumenischen Sommerakademie, die vom 12. bis 14. Juli 2017 in Kremsmünster stattfand und sich mit der Thematik „Schöpfungsethik zwischen Wunsch und Wirklichkeit“ beschäftigt. Enthalten ist auch eine Predigt des Linzer Bischofs Dr. Manfred Scheuer. Die drei Autorinnen und zehn Autoren der in diesem Sammelband vorliegenden Aufsätze beschäftigen sich aus verschiedenen weltanschaulichen, fachwissenschaftlichen und theologischen Perspektiven mit der Thematik; so finden sich nicht nur Beiträge aus dezidiert katholisch-theologischer Sicht, sondern es kommen neben Vertretern und Vertreterinnen der Volkswirtschaftslehre, des Ingenieurwesens und der Meteorologie auch orthodoxe und protestantische Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sowie eine Islamwissenschaftlerin zu Wort.
Neben dem gemeinsamen Bezug auf ökologische Fragen und auf die Schöpfungsethik bilden für viele Autorinnen und Autoren die 2015 erschienene Enzyklika „Laudato Si“ von Papst Franziskus sowie die 17 Sustainable Development Goals, welche die Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen umfassen, eine Referenzgröße. So beschäftigt sich beispielsweise der Heidelberger Volkswirt und Beauftragte der EKD für Umweltfragen Hans Diefenbacher in seinem Beitrag „Die Verantwortung der Christen für Natur und Umwelt“ mit der Ökologie als Wesensmerkmal christlicher Verantwortung. Dabei stellt er die Frage nach ethischen Kriterien im Umgang mit den natürlichen Lebensgrundlagen, da die Umwelt im christlichen Verständnis als Schöpfung Gottes nicht beliebig zur Verfügung steht. Der sich insgesamt stark mit dem Engagement der Kirchen auseinandersetzende Beitrag legt zudem einen Schwerpunkt auf die Frage der Verhältnisbestimmung zwischen Gerechtigkeit und Umweltzerstörung bzw. Nachhaltigkeit; dies ist nach Diefenbacher nicht nur rückblickend zu erheben, sondern durchaus relevant für die Gegenwart und die Zukunft, da die Schöpfung als creatio continua weiterwirkt.
Während sich die emeritierte Meteorologieprofessorin Prof. Dr. Helga Kromp- Kolb in ihrem Aufsatz „Klimawandel – eine Glaubensfrage?“ mit der Klimagerechtigkeit und der daraus resultierenden Verantwortung für den Menschen und die gesamte Schöpfung als ethische Frage beschäftigt, bezieht sich Prof. Dr. Michael Rosenberger in „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht … – Christliche Schöpfungsspiritualität zwischen Angst und Hoffnung“ explizit auf die Enzyklika „Laudato Si“ von Papst Franziskus. Hiervon ausgehend zeigt er auf, dass das maximale Engagement für den Umweltschutz als Ausdruck des Gottvertrauens zu verstehen ist. Auf der Basis der Unterscheidung der Geister sind Handlungsansätze und -möglichkeiten angesichts der drohenden Katastrophen zu entwickeln.
Der Beitrag der Islamwissenschaftlerin und Religionspädagogin Dr. Ursula Fatima Kowanda-Yassin „Gottesdienst und Aktionismus. Die grüne Seite des Islam“ stellt von einem islamischen Menschenbild her sechs umweltethische Grundsätze vor: die Einheit der Schöpfung, den Menschen als mit der Natur harmonisierendes Wesen, die Sachwalterschaft des Menschen, die Erde als ein anvertrautes Gut, die Dienerschaft des Menschen und die Bewahrung des Gleichgewichts der Schöpfung. Aus diesen heraus lassen sich nach Kowanda-Yassin umweltethische Prinzipien mit Relevanz für Ökologie und Nachhaltigkeit ableiten; letztere sind das Vermeiden von Übertreibungen, das Einhalten der Gesetze, die Demut gegenüber dem Schöpfer und seinen Geschöpfen, das Bewahren der Natur, die Sparsamkeit, die Sauberkeit sowie die Barmherzigkeit mit allen Geschöpfen. Der serbische orthodoxe Theologe und Bischof Andrej C´ ilerdžic´ stellt in „Schöpfungsethik – ein gemeinsamer Lernweg. Der Beitrag der orthodoxen Theologie zur ökologischen Verantwortung“ Überlegungen zu Solidarität und Diakonie in den Mittelpunkt. So steht für ihn im Zentrum einer Schöpfungsethik eine anthropologische Basis, die bei allen Umweltproblemen auszumachen ist. Daher muss die Haltung des Menschen gegenüber der Natur angefragt, überdacht und neu in Wort und Bild gebracht werden.
Der Agraringenieur Heinz Hödl, langjährig in kirchlichen Entwicklungsorganisationen leitend tätig, geht in seinem Aufsatz „Erfahrungen ökologischer Aufbrüche. Ökologische Aufbrüche, Engagements, Ermutigungen und Enttäuschungen“ vom Klimawandel als dem schwierigsten Problem der Menschheitsgeschichte aus und fordert auf Grundlage von Laudato Si’ eine ökologische Umkehr, die eine Hinwendung zu globaler Solidarität, den Schutz der Schöpfung, eine gerechte, weltweite Steuerpolitik sowie nachhaltige Wirtschaft beinhaltet. Um einen solchen notwendigen und geforderten Wandel und damit auch die Eindämmung der Folgen des Klimawandels, die er z. B. in Flucht und Migration ausmacht, herbeizuführen, sind für ihn eine gerechte Verteilung und begrenzte Nutzung weltweiter Ressourcen, demokratische Regierungsstrukturen sowie eine Ausrichtung auf Gemeinwohl und Solidarität unabdingbar.
Blickt man insgesamt auf den ein breites Spektrum an vielfältigen Perspektiven abdeckenden Sammelband, so liegen dessen Stärken in der interdisziplinären, interkonfessionellen und auch interreligiösen Betrachtung der Themen Schöpfung, Schöpfungsethik sowie Klimawandel. Die Leser*innen erhalten einen breiten Einblick in Herangehensweisen, Herausforderungen und Lösungsansätze für die entsprechenden Fragestellungen – eine Einladung, sich intensiver und umfassender mit den vielfältigen Aspekten der Schöpfungsethik zu befassen. Kritisch bleibt anzumerken, dass Sichtweisen der jüdischen Theologie fehlen, die das Bild komplettiert hätten. Außerdem ist bedauerlich, dass die vorgebrachten Lösungsansätze, die vorgestellten Initiativen und die benannten Desiderate sich oftmals ausschließlich auf die Situation in Österreich beziehen; eine Ausweitung auf den gesamten deutschsprachigen Raum wäre wünschenswert gewesen.
Regina Meyer, Eichstätt