Mobilität als sozialethische Herausforderung

„Mobilität ist teil­bar!“ Unter die­ses Motto stellt die Mis­sions-Verkehrs-Arbeits­gemeinschaft MIVA ihre Christophorus-Aktion 2019. Beides, MIVA und Chris­tophorus-Aktion, dürften eher zu den Randerschei­nungen des kirchlichen Lebens gehören. Events wie Fahrzeugsegnung, Sternfahrten zu Wallfahrtsstätten oder auch Spenden als Dank für unfallfreies Fahren sind heute zudem aus unter­schiedlichen Gründen umstritten. Die MIVA beansprucht aber, mit ihren eher volkstümlichen Aktionen ein Zeichen internationaler Solidarität zu setzen. Als ihre Aufgabe definiert die Organi­sation in ihrer Selbstdarstellung, „für junge Kirchen und Projekte der Ent­wicklungszusammenarbeit Fahrzeu­ge zu beschaffen: je nach Bedarf PKW oder Geländewagen, Motorräder, Fahr­räder, Traktoren, landwirtschaftliche Geräte, fallweise auch Boote oder klei­ne Schiffe, Flugzeuge oder Lasttiere“. Immerhin gelingt es vielleicht, mit dem „Mobilität ist teilbar“-Slogan Auf­merksamkeit dafür zu generieren, dass Mobilität auch ein ethisches Problem und eine moralische Herausforderung darstellt.
Die Zunahme der räumlichen Mobi­lität – im Sinne der Möglichkeit, Per­sonen und Güter relativ schnell und über weite Strecken zu bewegen – ge­hört zu den Kennzeichen der Moder­nisierung und der Industrialisierung. Arbeitsteilung und funktionale Diffe­renzierung erfordern ein hohes Maß an räumlicher Mobilität. Entsprechen­de technische Entwicklungen – Eisen­bahn, Automobil, Flugzeug etc. – ge­hören zu den typischen Phänomenen moderner Gesellschaften. Das Spek­trum der ethischen Implikationen des modernen Mobilitätsschubs ist breit. Es reicht von der unterschiedlichen Er­reichbarkeit (mitunter lebensnotwendi­ger) Güter über unterschiedliche For­men der Migration bis zu der – im en­geren Sinn des Wortes – barrierefreien Umgestaltung des öffentlichen Raums. Die Frage der monetären Kosten der Mobilität, etwa der Nutzung öffentli­cher Verkehrsmittel, oder die Verände­rung von Städten und Landschaften, man denke nur an „Stuttgart 21“, ge­hört ebenso zu diesem Spektrum ethi­scher Herausforderungen der Mobilität wie digital-ethische Gesichtspunkte des „autonomen Fahrens“. Im Zentrum der gegenwärtigen Diskurse stehen häufig Fragen der ökologischen Effekte un­terschiedlicher Formen der Mobilität. Daneben geraten soziale Folgen erst nach und nach in den Blick. Die De­batte um E-Mobilität zeigt die Komple­xität ethischer Urteilsbildung, ist doch die Nachhaltigkeitsbilanz – also die Bi­lanz der ökonomischen, ökologischen und sozialen Effekte – beispielsweise des batteriebetriebenen Elektroautos (oder auch des E-Scooters) von zahl­reichen mehr oder weniger variablen Voraussetzungen abhängig: Wo und wie wird der Strom für die Produk­tion der Fahrzeuge und anschließend für die Speisung der Akkus erzeugt? Wo und wie werden die benötigten Roh­stoffe gewonnen und die verschiede­nen Bestandteile der Fahrzeuge gefer­tigt? Wie verändert eine Umstellung auf (batteriebasierte) E-Mobilität die lokalen und globalen Produktions- und Handelsstrukturen? Die ethische Güter­abwägung wird hier schon aufgrund der benötigten Informationen zur He­rausforderung und mündet letztlich im Ausbalancieren von Zielkonflik­ten. Offenkundig ist auch im Feld der Mobilität die Gefahr gegeben, dass die Lasten der Mobilitätsfortschritte in den „hochentwickelten“ Ländern des glo­balen Nordens den im globalen Süden lebenden Menschen aufgebürdet wer­den, dass sich also das Problem einer globalen Spaltung im Hinblick auf Mo­bilität – ein global mobility gap – wei­ter verschärft.
Die Beiträge des vorliegenden Hef­tes leuchten verschiedene ethische He­rausforderungen der Mobilität aus. Jo­achim Wiemeyer bietet eine grund­legende „Ethik der Mobilität“, Andreas Knie fokussiert Mobilität auf Aspekte der sozialen Teilhabe im Zeichen des Klimawandels, Christian Holz-Rau dis­kutiert in besonderer Weise die Konse­quenzen des Pariser Klimaabkommens für die deutsche Verkehrspolitik. Nils Stockmann und Antonia Graf zeigen am Beispiel der urbanen Mobilität die Möglichkeiten eines Mobilitätswan­dels – und die einem solchen Wandel entgegenstehenden retardierenden Mo­mente. Ein mosinternational-Interview mit Udo J. Becker, in dem es auch noch einmal in besonderer Weise um den Zu­sammenhang von Mobilität und sozia­ler Benachteiligung geht, rundet den Thementeil des Heftes ab.
Die „arts&ethics“-Seite ist dieses Mal dem Kunstwerk „The long road“ von Matvey Slavin gewidmet. Die Besprechungen sozialethischer Neu­erscheinungen werden ergänzt durch einen Kommentar zu einem neuen Do­kument der vatikanischen Bildungs­kongregation zur Gender-Thematik.