Umweltpolitik: global und gerecht

Martin Dabrowski, Judith Wolf, Karlies Abmeier (Hg.): Umweltpolitik: global und gerecht, Leiden/Boston/Paderborn: Ferdi­nand Schöningh 2019, 195 S., ISBN 978- 3-506-70576-1.

„Globale und gerechte Umweltpolitik ist leichter gesagt als getan“, schreibt Kars­ten Mause am Ende seines Beitrags in dem Tagungsband „Umweltpolitik: glo­bal und gerecht“. (43) Die Publikation eines interdisziplinären Gesprächs zwi­schen Sozialethikern, Ökonomen, Poli­tikwissenschaftlern und Klimaforschern ist Ausdruck der Komplexität der um­weltpolitischen Herausforderungen. Die Beiträge einer Tagung vom 24.–25. Sep­tember 2018 im Franz-Hitze-Haus sind eine spannende und spannungsreiche Einführung in eine zukunftsfähige Um­weltpolitik.
Durch die Beiträge ziehen sich zwei rote Fäden: Zum einen die Frage nach ei­nem gemeinsam getragenen Leitbild der Umweltpolitik. Jochen Ostheimer kriti­siert die unverbindliche allgemeine Ver­wendungsweise des Begriffs Nachhaltig­keit. Als normatives Leitbild der Umwelt­politik muss ein Nachhaltigkeitskonzept den Dimensionen des Pragmatisch-Klu­gen (Effizienz), des gelingenden Lebens (nachhaltiger Lebensstil bzw. ökologische Lebenskunst) und sowie der Gerechtigkeit (wechselseitige Verpflichtungen) beach­ten. Sonja Thielges, Rainer Quitzow und Ortwin Renn problematisieren die „Leit­bildkonkurrenz“ (81) am Beispiel der di­vergierenden Leitbilder der deutschen, amerikanischen und chinesischen Um­weltpolitik. Diese Konkurrenz führt da­zu, „dass globale Märkte und Finanz­ströme nicht konsequent auf erneuer­ bare Energietechnologien ausgerichtet werden können“. (84) Sabine Schlacke verweist auf das neue EU-Leitbild einer integrativen Energie-und Klimapolitik: Um erfolgreich zu sein, muss die deut­sche Energiewende zu einer solchen inte­grativen Klima-und Energiepolitik weiter entwickelt werden (97). Johannes Walla­cher plädiert im Anschluss an die Päps­te Paul VI. und Franziskus für die Leit­vorstellung eines „ganzheitlich-inklusi­ven Gemeinwohls“, dass das Wohl aller Menschen sowohl global als auch gene­rationenübergreifend in den Blick nimmt. Voraussetzungen eines solchen Leitbilds sind die Befriedigung der Grundbedürf­nisse, gerechte verteilte Handlungs-und Beteiligungschancen und eine angemes­sene Beteiligung an fairen Entschei­dungsprozessen.
Ein zweiter roter Faden ist die not­wendige Bepreisung der Emissionen (etwa durch eine CO2-Steuer, Zertifika­tehandel), um sie (und andere Treibhaus­gase: Eric Meyer 59) schnell zu mindern. Da die Treibhausgase global wirken, brau­chen solche Instrumente, um effizient zu sein, bislang fehlende verbindliche glo­bale Abkommen. Daher bleiben zunächst für die Bekämpfung des Klimawandels nur „Second-Best-Lösungen“ (Eric Meyer 59) wie nationale Regelungen, Selbst­verpflichtungen oder „Vorreiterallianzen“ (etwa innerhalb der EU: Sabine Schlacke 98). In solchen Bündnissen könnte die deutsche Politik wichtige Impulse für die globale Energietransformation setz­ten, wozu sie aber „deutlich ambitionier­ter“ werden muss (Sonja Thielges, Rainer Quitzow, Ortwin Renn 86).
Das Buch gliedert sich in vier Teile: den umweltpolitischen Herausforderun­gen, einer zukunftsfähigen Energiepoli­tik, dem wichtigen Thema des Boden­schutzes und der Rolle des wirtschaft­lichen Wachstums. Jochen Ostheimer beschreibt nach der Skizze eines nor­mativen Nachhaltigkeitskonzepts das Zeitalter des Anthropozäns als kogniti­ven Rahmen für die Gestaltung der Um­weltpolitik. Verstanden als tiefgreifende Gestaltung des Planeten durch den Men­schen, werden die gängigen Unterschei­dungen zwischen natürlich, sozial oder kulturell komplex. Für die Umweltpoli­tik bedeutet dies, dass sie als Weltinnenpolitik und Gesellschaftspolitik (21) sowie als Kulturaufgabe (23) begriffen werden muss. Um der Gefährdung des Erdsys­tems zu begegnen, müssen die planeta­rischen Grenzen eingehalten werden. Ge­fordert ist eine Umweltpolitik, die ange­sichts der vielfältigen Wechselwirkungen komplex und „mehrfach vernetzt“ (24) vorgeht und die moralische Verantwor­tung der unterschiedliche Akteure (Staa­ten, Unternehmen, Einzelne) einbezieht.
Karsten Mause ergänzt in seinem Bei­trag „Homo oeconomicus im Treibhaus Erde“ die Ausführungen von Ostheimer um drei Herausforderungen: Umwelt­politik in Zeiten von „Fake News“, „An­haltende Knowing-Doing Gaps“ und die „Schwierigkeiten einer globalen und ge­rechten Umweltpolitik“. Gegen die Leug­nung gesicherten Wissens um die He­rausforderungen einer nachhaltigen Um­weltpolitik durch Bevölkerungsteile und politische Akteure helfe nur die „Sisy­phusarbeit“, in die öffentliche Debatte „immer und immer wieder“ das gesicherte Wissen einzuspeisen (39). Eine Sisyphus­arbeit ist es zugleich, die Diskrepanz zwi­schen Wissen und Handeln („Knowing-Doing Gap) zu schließen. Moralische Ap­pelle sind dabei für Umweltökonomen kein wirkungsvolles Mittel. Sie setzen eher auf Anreizstrukturen, die umwelt­schädigendes Verhalten bestrafen bzw. umweltfreundliches belohnen. Auf inter­nationaler Ebene können solche Instru­mente nicht greifen, wenn gerade große Staaten wie die USA sich globaler Um­weltpolitik verweigern.
Eric Meyer diskutiert umweltökono­mische Instrumente, um den umweltpoli­tischen Herausforderungen zu begegnen. Aus einer ökonomischen Betrachtung be­steht das Umweltproblem in einer Kon­kurrenz unterschiedlicher Interessen an der Nutzung der Umwelt. Solche Nut­zungsrechte lassen sich ökonomisch als Eigentumsrechte fassen, für deren Nut­zung Kosten entstehen. Unter der Voraus­setzung, dass sich Folgen der Umweltnut­zung und der Aufwand ihrer Bestimmung bekannt sind und messen lassen, stellt Meyer unterschiedlich ökonomische In­strumente (Ordnungsrecht, Steuerlösun­gen, Zertifikatehandel) im Blick auf ih­re Umweltwirkungen vor. Anschließend diskutiert er kritisch Faktoren, die von den umweltökonomischen Instrumen­ten nicht erfasst werden, etwa fehlen­des Wissen um Kosten, technologische Innovationen, Substitutionstechnologien (wie ein effektives Bahnsystem anstelle des Autoverkehr) oder Zielkonflikte (wie z. B. Gebäudeisolierung versus günstigen Wohnraum).
Für Sonja Thielges, Rainer Quitzow und Ortwin Renn ist das zentrale Ziel einer zukunftsfähigen Energiepolitik die weitgehende Dekarbonisierung des Ener­giesystems. Mit seiner Energiewende hat Deutschland eine Vorreiterrolle auf inter­nationaler Ebene eingenommen. Um eine Energiezukunft ohne fossile Energie zu erreichen, muss die deutsche internatio­nale Energiewendepolitik das Leitbild der nachhaltigen Energietransformation in­ternational verbreiten und stärken. (62) Diese internationale Transformation birgt aber auch geostrategische, wirtschaftli­che und soziale Risiken, die im Beitrag skizziert werden. Ein großes Hindernis der Energietransformation sind die un­terschiedlichen Ideen und Leitbilder zur Energiezukunft auf internationaler Ebe­ne. In einem eigenen Kapitel wird das deutsche dem amerikanischen und chi­nesischen energiepolitischen Leitbild mit den Auswirkungen auf die internationale Energiepolitik gegenüber gestellt.
Sabine Schlacke hält die Hoffnung auf eine globale Energietransformation für zu optimistisch. Der Erfolg der deut­schen Energiewende hängt für sie maß­geblich von der Energie-und Klimapolitik der EU ab (94), die sie skizziert. Eine er­folgreiche Energiewende hat drei Voraus­setzungen: die Zusammenarbeit oder Zu­sammenlegung der getrennten Ressorts für Klimaschutz und Energiepolitik, die Umsetzung der Klima-und Energiepolitik durch ein Klimaschutzgesetz (einschließ­lich des Netzausbaus und dem Ausstieg aus der Kohle) sowie die frühzeitige öf­fentliche Beteiligung. Jochen Wiemeyer widerspricht einer optimistischen Einschätzung der deut­schen Energiewende und kritisiert deren Unzugänglichkeiten und Widersprüche. Er spricht sich ebenfalls für ein gemein­sames europäisches Leitbild aus. Dieses Leitbild muss durch positive Anreize und Sanktionen unterstützt werden. Auf in­ternationaler Ebene muss Umweltpolitik auch Maßnahmen zur Begrenzung des Bevölkerungswachstums in den Blick nehmen.
In einem langen, überaus informati­ven Beitrag betonen Bernd Hansjürgens, Stefan Möckel und Bartosz Bartkowski den Bodenschutz als zentrales Feld der Umweltpolitik. Der Boden ist eine ent­scheidende Komponente in den Ökosys­temleistungen. Der Beitrag stellt die viel­fältigen Funktionen des Bodens vor, sei­ne (dramatischen) Gefährdungen durch Versiegelung und intensive landwirt­schaftliche Nutzung sowie seine welt­weite ungerechte Übernutzung durch die Industrienationen (z. B. land grabbing, Fleischkonsum). Die Multifunktionalität des Bodens, insbesondere die Eigenschaf­ten eines öffentlichen Gutes, macht es schwierig, Nutzungsrechte zu definieren, so dass häufig zu Fehlanreizen kommt (128). Der Bodenschutz verlangt sowohl eine Umorientierung der Landwirtschaft (was der Politik schwer fällt) als auch eine umfassende Transformation der Agrar-und Ernährungssysteme.
Mattias Kiefer fasst die Positionen der christlichen Sozialethik zum Schutz des Bodens zusammen. Am Beispiel des Erz­bistums München-Freising beschreibt er anschließend die vielfältigen Ziel-und Interessenskonflikte, in die Kirchen „als Träger öffentlicher Belange“ (150) bei der Verwendung oder Verpachtung ih­res Grundbesitzes geraten.
Den letzten Teil des Tagungsbandes zur Rolle des „Wachstums“ in der Um­weltpolitik eröffnet Johannes Wallacher mit dem Thema „Wachstum im Dienst nachhaltiger Entwicklung“. Er plädiert für einen erweiterten Gemeinwohlbegriff als Grundlage der Nachhaltigkeit mit einer „verschärften Sozialpflichtigkeit“ gegen­über den Gemeingütern (158). Sein Bei­trag bietet eine knappe wie informier­te Zusammenfassung der gegenwärtigen Debatte um das (Post-)Wachstum und konkretisiert sie auf den „grundlegen­den Wandel“ durch eine sozial-ökologi­sche Modernisierung (165).
Tobias Gumbert und Doris Fuchs tei­len in ihrem Beitrag „Nachhaltige Ent­wicklung ist Wohlstand ohne Wachs­tum“ den Optimismus einer marktori­entierten ökologischen Modernisierung nicht. Sie verweisen auf ein „gigantisches Marktversagen“ (177). Wirtschaftlicher Wohlstand und Naturverbrauch lassen sich nicht entkoppeln. Sie argumentie­ren eindringlich Nachhaltigkeit und Ge­meinwohl als demokratische Herausfor­derungen in den Blick zu nehmen (was in den anderen Beiträgen nur am Rande erwähnt wird), insbesondere in der Fra­ge: „Was heißt für uns ‚gut zu leben‘ im Rahmen biophysischer Grenzen.“ (180)
Christian Müller bezweifelt die The­se, dass Wachstum und Nachhaltigkeit ein Widerspruch sind. „Ein Verzicht auf wirtschaftliches Wachstum wäre keine Lösung der angesprochenen Herausfor­derungen, sondern ein zusätzliches Pro­blem.“ (191) Müller verweist anhand von empirischen Studien auf die en­gen Zusammenhänge von wirtschaft­lichen Wachstum mit Verteilung, Be­schäftigung, Lebenszufriedenheit sowie Rechtsstaat und Demokratie. Er kritisiert die „grundlegende Ablehnung marktwirt­schaftlicher Systeme“ (191).
Die Einsicht in die dramatischen umweltpolitischen Herausforderungen ist der gemeinsame Ausgangspunkt der Autorinnen und Autoren. Sie hält ih­re unterschiedlichen Positionen trotz zum Teil gegenseitiger Kritik zusam­men. Dieses Ringen um erfolgreiche Ansätze und Instrumente der Umwelt­politik unterscheidet das Buch von der lähmenden Blockade der Rede und Ge­genrede im gegenwärtigen öffentlichen politischen Diskurs. Zwar gibt es gegen­wärtig ein überraschendes und erstaun­liches öffentliches Interesse an den öko­logischen Themen, aktuell getragen von den Sorgen um das Insektensterben und der fridays for future-Bewegung. Gleich­zeitig gewinnen die rechtspopulistischen Parteien an Zulauf, die die umweltpoliti­schen Herausforderungen generell in Ab­rede stellen. Schon von der Notwendig­keit einer zukunftsfähigen Umweltpolitik zu überzeugen, braucht es ein beharrli­ches, ausdauerndes Engagement. Das le­senswerte Buch „Umweltpolitik: global und gerecht“ bietet dazu reichlich Ar­gumentationsfutter.
Detlef Herbers, Dortmund