Herbert Meyer: Medizin als Heilsversprechen. Die überforderte Gesundheit als theologisch-ethisches Problem (Erfurter Theologische Schriften, Band 50), Würzburg: Echter-Verlag 2018, 195 S., ISBN 978-3-429-04498-5
Seit Jahren schon wird sowohl in der wissenschaftlichen Fachwelt als auch in den Medien über das sich verändernde Verständnis von Krankheit und Gesundheit diskutiert. Die Debatte ist nicht trivial. Sie hat vielmehr eine immense Strahlkraft, ihre Folgen sind weitreichend: Es geht um das Selbstverständnis der heilenden Berufe, um die Reichweite traditioneller Deutungsmuster (wie dem der medizinischen Indikation) und am Ende auch um die Finanzierung unseres Gesundheitssystems (angesichts des demographischen Wandels und dementsprechend knapper werdender finanzieller Ressourcen). Die Rede vom „Gesundheitskult“ (Karl Gabriel) oder der „Medikalisierung des Lebens“ (Ivan Illich) können als Wegmarken dieses Klärungsprozesses verstanden werden.
Einen weiteren Beitrag zu diesem Prozess möchte Herbert Meyer mit der vorliegenden Arbeit leisten. Ausgehend von der praktischen Erfahrung des klinisch-ambulanten Alltags einerseits und der Pastoral andererseits geht der Autor mit im Kern empirischen Mitteln der Vermutung nach, dass die Medizin mit den ihr entgegengebrachten Erwartungen und Hoffnungen überfordert zu werden droht.
Nach einer kurzen Hinführung werden drei Zugänge zum Gesundheitsbegriff beschrieben: Neben dem Zugang über Hans-Georg Gadamers Diktum von der „Verborgenheit der Gesundheit“ (und exemplarischen christlich-theologischen Interpretationen) gelangt der Autor über den Heilsbegriff zu religionssoziologischen Interpretationen durch Thomas Luckmann und Karl Gabriel. Die verfasste Kirche, so ein wichtiges Zwischenfazit, hat schon lange kein Monopol mehr auf die religiöse Deutung der Welt und des Lebens der Menschen. Auch wenn Menschen Gefahr laufen, sich voreilig „mit der kleinen oder mittleren Transzendenz ihres körperlichen Wohlbefindens und der mehr oder weniger egoistischen Bedürfnisbefriedigung darin“ (S. 53) zufrieden zu geben, entscheiden sie doch selbst über ihre Ziele im Leben, ihre Werte und letztlich auch den Stellenwert der eigenen Gesundheit.
Die neutestamentlichen Zeugnisse im nächsten Kapitel weisen darauf hin, dass Heilung und Heil seit jeher eng miteinander verwoben waren. Schon im Alten Testament wurde von Gott als dem Arzt gesprochen (Ex 15,25b-26). „Die ganz konkrete, ja geradezu medizinische Hilfe, die Gott, der Arzt, zur Verfügung stellt, steht zugleich für das tiefe erlösende und befreiende Tun, das er im Geheimnis seiner Transzendenz mit seinem Heil den Menschen schenkt“ (S. 87). Wie schlägt sich der beim Menschen zumindest implizite Zusammenhang von Heil und Heilung praktisch nieder?
Die im klinischen Kontext (Poliklinik für Endokrinologie und Stoffwechselerkrankungen der Universitätsklinik Jena) sowie im ambulanten Bereich (Hausarztpraxis) vorgenommenen Patientenbefragungen zeigen, dass die Erwartungen an Medizin (und sogar an Naturheilverfahren) deutlich höher sind als die Erwartungen an die Kirche. Dies betrifft die abgefragten Parameter Heilung, Linderung, Hoffnung, Führung, Orientierung, Unterstützung, Trost, inneren Frieden und Rat. Allein gegenüber den Naturheilverfahren erhoffen sich die Befragten von „den Kirchen, den Seelsorgern, Pfarrern, und anderen Vertretern der Religionsgemeinschaften für mich und mein Leben“ geringfügig mehr Trost und inneren Frieden. Auch Rat und Hilfe zu gesundheitlichen und ungeklärten Fragen sowie zu Niedergeschlagenheit und Traurigkeit (suchen und) erwarten religiöse wie nichtreligiöse Menschen eher bei einem Arzt als bei einem Seelsorger oder Vertreter einer Religionsgemeinschaft. Allein Familie und Freunde kommen bei der Suche nach Hilfe im Leben an den Stellenwert heran, den Ärzte und Medizin einnehmen. Der Zusammenhang von Heils- und Heilungserwartung verschiebt sich eindeutig in Richtung der Medizin. Mit Blick auf die Kirche scheint man konstatieren zu müssen, dass sich deren Heilsangebot und Heilsverkündigung zu sehr abstrahiert hat von den konkreten Bedürfnissen und Sorgen der Menschen. Der Autor folgert daraus, dass die Patienten der Kirche ihren Platz dort zuweisen, wo Medizin und Naturheilverfahren an ihre Grenzen kommen.
Wie kann die Zusammenarbeit von Medizin und Theologie konkret aussehen? Der empirischen Zugangsweise eigen ist der Fokus darauf, was Patienten von der Kirche erwarten. Dem müsste jedoch gegenüber gestellt werden, was die Kirche den Patienten zu bieten hat. Denn das Angebot der Kirche sowie die von ihr verkündete Botschaft sind nicht allein abhängig von ihrem Publikum, oder marktwirtschaftlich ausgedrückt von der Nachfrage danach. Eine etwas weniger auf Kompaktheit angelegte philosophischtheologische Einführung unter Berücksichtigung einer größeren Bandbreite von (aktuellen) Arbeiten hätte dem Leser vielleicht Ansätze zu möglichen Antworten geliefert. Es bleiben einige Fragen offen.
Klaus Kother, Dortmund