Gut wirtschaften

Fisch, Andreas (Hrsg.): Gut wirtschaften. Erzbischof Hans-Josef Becker zur Verant­wortung von Unternehmern, Paderborn: Bonifatius GmbH 2018, 111 S., ISBN 978- 3-89710-769-4.

„… und mit der Kraft des Heiligen Geistes werden wir die Erde verändern.“ Mit die­ser Zeile endet das Oratorium ADAM – Die Suche nach dem Menschen von Gregor Linßen. Auf die Suche nach dem Men­schen begibt sich auch der Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker – nach dem Menschen und dem Menschlichen in der Wirtschaft. Ort der Suche sind seine Re­den auf den Unternehmertagen „erfolg­reich nachhaltig“ der Kommende Dort­mund, dem Sozialinstitut seiner Diözese. Und auch er findet den Menschen, ge­nauer Führungskräfte, die „aus christli­chem Geist heraus“ (64) ihre Aufgabe in der Wirtschaft gestalten. Sie leben Werte, „die oft auch ihren Glauben an den ge­rechten und menschenfreundlichen Gott wiederspiegeln.“ (46)
Dr. Andreas Fischm Referent für Wirt­schaftsethik sowie Kirchliche Dienstge­ber/innen an der Kommende, hat acht dieser Reden aus den Jahren 2011 bis 2018 zusammengestellt und mit einem Geleitwort versehen. Diese Hinführung weckt Neugierde: Sie stellt den Erzbischof als Hörenden vor und seine Reden ent­sprechend als Impulse für Gespräche. Sie sind nicht ortlos, sondern sprechen in ak­tuelle Fragen hinein und reflektieren, was Unternehmerinnen und Unternehmer konkret bewegt. Klassisch ordnungspoli­tisch verortet steht bei Erzbischof Becker der Mensch im Mittelpunkt: als unter­nehmerischer „Pionier“ (33), als Gestal­ter der Rahmenordnung und nicht zu­letzt als in vielfältiger Weise Betroffener. Parallel ziehen sich inhaltlich zwei The­menstränge durch die Reden hindurch: Ökologie und Nachhaltigkeit sowie Ar­mut und Benachteiligung.
Die den ersten Teil bildende, pro­grammatische Rede „Ethos in der Wirt­schaft“ wirft historische Schlaglichter auf die Mehrdimensionalität des Men­schen in der Wirtschaft. Sie eröffnet die grundsätzliche, bisweilen etwas holz­schnittartige Spannung des Unterneh­mers wie des Konsumenten zwischen Ge­meinwohl-und Gewinnorientierung. Be­cker reflektiert kirchliche Positionen zum Umgang mit Sklaven – von der Mahnung zur guten Behandlung bis hin zum Kampf für die grundsätzliche Abschaffung der Sklaverei, was auch für die Kirche ein selbstkritischer Lernprozess war. Davon ausgehend blickt er auf gegenwärtige Herausforderungen. Dabei betont er die Bedeutung institutionalisierter Rahmen­bedingungen für das Gemeinwohl, bei­spielhaft der Sozialen Marktwirtschaft. Im gleichen Atemzug benennt er die Not­wendigkeit von unternehmerischen Pi­onieren, die neue Wege bahnen und der Wirtschaft wie der Rahmenordnung po­sitive Impulse geben.
Die Wertschätzung und Ermutigung Beckers für den Menschen als wirtschaft­lichen Akteur und Pionier kommt vor al­lem im zweiten Teil, „Zur wertorientierten Unternehmensführung“ zum Ausdruck. Er stellt die Gemeinwohlorientierung als Sinnhorizont für Unternehmer vor und überlegt, was das im Hinblick auf be­nachteiligte Menschen und die Ökolo­gie heißen kann. Er betont ferner das Sehen als Grundlage des Urteilens und Handelns, etwa wenn er den Blick auf komplexe Verantwortlichkeiten in Pro­duktionsprozessen richtet, an deren En­de „Menschen tatsächlich sterben.“ (41). Auch andere gesellschaftliche Heraus­forderungen wie die Integration Älte­rer und Geflüchteter gelingen aus sei­ner Sicht nur mit, nicht gegen oder oh­ne die Unternehmen. Schließlich stellt er das christliche Motiv des Guten Hir­ten vor und fragt, was es für ihn als Bi­schof und vor allem für Führungskräfte in der Wirtschaft heißen kann.

Die Rahmenordnung steht im dritten und letzten Teil „Konkretionen: Globale Verantwortung, Finanzpolitik, Energie­politik“ stärker im Fokus. Bei aller Wert­schätzung für Unternehmer sieht er zu­gleich auch den Staat in der Pflicht, ge­rade angesichts der „Schattenseiten“ (73) der Wirtschaft in Nah und Fern. Er zeigt die positiven Möglichkeiten einer red­lichen Finanzpolitik auf, die „im Dienst der Gesellschaft und ihrer Realwirtschaft“ (77) steht. Die ökologisch verpflichtete soziale Marktwirtschaft bildet für Be­cker das Zielbild in aktuellen Debatten der Energiepolitik, in denen es auch um Gerechtigkeitsfragen geht. Den – wohl nur vorläufigen – Abschluss der Gedan­ken bildet eine nochmalige Betrachtung der Spannung zwischen lokaler und glo­baler Wirklichkeit. Becker ermutigt hier zur Übernahme von Verantwortung, zur – auch weltpolitischen – Voranstellung des Gemeinsamen und zum Einnehmen einer langfristigen Perspektive.
„… werden wir die Erde verändern.“ Erzbischof Becker findet diese Menschen, nicht zuletzt in seinen Zuhörern. Der Na­tur der Reden, aber auch der Gewinn des Büchleins ist, dass Unternehmerinnen und Unternehmer direkt angesprochen werden. Becker gelingt dabei ein mehr­facher Spagat zwischen persönlichen, betriebswirtschaftlichen und strukturel­len Fragen, christlichen und säkular-an­schlussfähigen Ansichten sowie abstrak­ten Gedanken und konkreter Darstellung. Die Reden dokumentieren einen kirchli­chen Gesprächsimpuls zu aktuellen Fra­gen der Unternehmensführung und Wirt­schaftsgestaltung.
Sympathisch sind persönliche Ein­färbungen des Erzbischofs in den Re­den. Umso bedauerlicher ist, dass er sei­ne Rolle als Dienstgeber von letztlich über 50.000 Menschen nicht expliziter reflektiert. Er belässt es bei Andeutun­gen wie dem Vorbild des guten Hirten (56–64) und Hinweisen, wie er sei „mit Ihnen [den Unternehmern; MN] auf dem Weg“ (33). Gerade aufgrund der direk­ten Ansprache der Teilnehmer ist das ein großes Desiderat. Weitere Desiderate bil­den die kreative Aufnahme gegenwär­tiger Entwicklungen wie die der Digita­lisierung. Es bleibt abzuwarten, ob ei­ner der nächsten Unternehmertage dem nachgeht. Die bisherigen Reden verspre­chen jedenfalls, dass auch diese Themen klug, reflektiert und nicht zuletzt anre­gend aufbereitet werden.
Max Niehoff, Hamburg