Europa verkauft und verführt?

Felix Geyer, Jonas Hagedorn, Anna Maria Riedl, Werner Veith (Hgg.): Europa – ver­kauft und verführt? Sozialethische Re­flexionen zu Herausforderungen der eu­ropäischen Integration, Forum Sozial­ethik 19, Aschendorff Verlag: Münster 2017, 286 S., ISBN 978-3-402-10648‑8.

Die Beiträge des vorliegenden Bands sind in drei thematische Einheiten gegliedert. Einer sozialethischen Standortbestim­mung folgen Zugänge zum Verständnis populistischer Bewegungen. Danach wer­den Orientierungen praktischen Engage­ments vorgestellt.
Der Beitrag von Felix Geyer über „Eu­ropas Werte“ orientiert sich an Vertre­tern des philosophischen Pragmatismus. Deren Wertkonzeptionen unterscheiden betont zwischen faktisch Gewünschtem und Wünschenswertem, wurzeln in situa­tiven Erfahrungen, sind kreative Leistun­gen des Subjekts, das auch von ihnen er­griffen wird, stiften eine selbstzentrier­te Identität und Intersubjektivität, die zum Handeln motiviert. Die pragmati­sche Wertfolie ist aufschlussreich, aber die begrifflich variablen „Familienähn­lichkeiten“ eröffnen ein Labyrinth kon­trastreicher Wortfelder, dass Werte sub­jektiv und quasi-objektiv geartet, grup­penspezifisch artikuliert, reziprok mit Normen verknüpft und universell ange­nommen sind. Beliebige Wertäußerungen werden durch ein Eurobarometer erfragt, in den Verträgen rechtlich artikuliert, his­torisch erhoben und methodisch durch die Fähigkeit ausgewiesen, fremde Wer­tungen gelten zu lassen.
Michael Wolff klärt zuerst, um nicht aneinander vorbeizureden, den Begriff: „Solidarität“. Dann referiert er die Ideen­geschichte der römischen Rechtsfigur, die in Frankreich im Code Civil als „gesamt­schuldnerische Haftung für kollektiv ein­gegangene Verpflichtungen“ steht. Der Philosoph Lerroux ersetzt die christlich-patriarchale Barmherzigkeit durch eine symmetrisch-reziprok angelegte Rechts­verpflichtung. In der nachrevolutionären Zeit entdeckt Auguste Comte im biologi­schen Organismus und Émile Durkheim in anorganischen Körpern eine Analo­gie zur sozialen Solidarität, die sie als wechselseitige Abhängigkeit auf Grund vertiefter Arbeitsteilung beschreiben. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts formt Léon Bourgeois die philosophisch-so­ziologischen Ideen zu einer kohärenten Theorie des „Solidarismus“, die faktische Abhängigkeit und moralische Verpflich­tung unterscheidet und aufeinander bezieht. Dies Konzept hat sich Heinrich Pesch angeeignet. Wolff vermeidet ge­schickt den naturalistischen Fehlschluss, der von faktischer Verstrickung auf mo­ralische Pflichten schließt. Solidaritäts­pflichten und korrespondierende Rechte gründen in Verträgen auf Gegenseitig­keit, wie sie in den EU-Verträgen bestä­tigt, in der Dublin III-Verordnung jedoch aufgekündigt wurden.
Jonas Hagedorn verfasst ein program­matisches Manifest, nennt den Streitgeg­ner: den Ordoliberalismus und den Streit­gegenstand: die monetäre und fiskali­sche Okkupation der Eurozone durch die „Nordländer“ beim Namen. Sie haben das Regelwerk der Verträge und das Solidari­tätsmandat der EU im eigenen Interesse zu Lasten der Südländer unterlaufen. Die Konfliktlinien und Aporien einer fehlkon­struierten Währungsunion hat der Autor klar gekennzeichnet. Indem er kritische Texte von Habermas, Offe und Streeck auswertet, weist er nach, wie der Zusam­menhalt der Eurozone auch daran zer­bricht, dass nationalstaatliche Souverä­nität auf Expertengremien verlagert wird. Das scharfe Urteil gegen den „Ordolibe­ralismus“ ist nicht überzogen, weil die von Röpke, Briefs und später Hayek an­gestimmte marktradikale „Begleitmusik“ (Nell-Breuning) die real existierende „be­wusst sozial gestaltete Marktwirtschaft“ (Müller-Armack) ideologisch ausgehöhlt hat. Den deutschen Finanzminister – ein­gerahmt von „Hanseaten“ der Eurogrup­pe und deutschen Monetaristen – als eine Schlüsselfigur des Austeritätsregimes in der Eurozone und aggressiver deutscher Politik gegen Griechenland zu betrach­ten, ist zutreffend, mag dieser auch zu­weilen als Verteidiger der EU als „Dop­peldemokratie“ auftreten, einer „freien Republik souveräner Staaten“.
Marius Menke führt die mittlere Ein­heit an; er bezieht sich auf die dezisio­nistische Demokratietheorie von Chan­tal Mouffe, die behauptet, dass meist „im normativen Blindflug“ entschieden wird, ohne dass gute Gründe für diese oder jene Entscheidung vorliegen. Die von To­ny Blair und Gerhard Schröder vertrete­ne These, dass ein Konsens in der poli­tischen Mitte der Rechts-Links-Polarität vorzuziehen sei, hat die Wahlmüdigkeit und das Erstarken populistischer Bewe­gungen befördert. Doch für demokrati­sche Prozesse ist der Konflikt konstitutiv. Nur sollte er auf einer symbolisch geteil­ten Grundlage „agonisch“ bewältigt, we­der mit moralischen Absolutheitsansprü­chen aufgeladen noch von dem Willen beherrscht sein, den „Feind“ zu unter­werfen. Eine „Ethik der politischen Geg­nerschaft“ könnte in der EU dazu beitra­gen, fremde Argumente anzuhören und zu erwägen.
Jan Hendrik Herbst und Judith Wüll­horst benennen im Rückgriff auf Adornos kritische Theorie Merkmale des Rechts­populismus: ein moralisch reines Volk ge­gen korrupte parasitäre Eliten und ein „Wir allein“ gegen ein fremdes „Ihr“. Die Autoren warnen vor einer dreifachen Fal­le der Analyse: eine moralisierende Di­chotomie liberal-aufgeklärter Christen und irrationaler Populisten zu konstru­ieren und den Rechtspopulismus auf so­ziale Ungleichheit und erodierende Ar­beitsverhältnisse oder auf symbolische Zuschreibungen von Kultur, Religion und ethnischem Profil zu reduzieren. Adorno denkt Strukturen und Subjekte zusam­men, indem er vier Mechanismen bün­delt – „autoritärer Charakter“, „pathi­sche Projektion“, „Kälte und Gleichgül­tigkeit“, „Halbbildung“. Folglich finden sich im Rechtspopulismus ökonomische und kulturelle Strukturen sowie subjek­tive Ausdrucksformen der Ab-und Auf­wertung miteinander verzahnt, die sich in Verteilungs-und in Kulturkonflikten entladen. Christlich-sozialethische Refle­xionen sollten offensiv und selbstkritisch sein, „Strukturen der Sünde“ und persön­liche Verantwortung dialektisch deuten, die Schrittfolge: „Sehen, Urteilen, Han­deln“ als zirkuläre Bewegung begreifen.
Ivo Frankenberger erforscht konkur­rierende Identitätsressourcen des Rechts­populismus und liberaler Demokratie. Er bezieht sich auf das Modell der „Resili­enz“ von Clemens Sedmak. Die populis­tische Bewegung betrachtet den demo­kratischen „Liberalismus“ als inneren und den „Islam“ als äußeren Feind. Mit der Pa­role: „reines Volk, korrupte Elite, einheit­licher Wille des Volkes“ beansprucht sie, die gesellschaftliche Wirklichkeit klar ab­zubilden. Selbstherrliche Persönlichkei­ten definieren den einheitlichen Willen ohne innere und äußere Pluralität. Das Angebot einer moralisch intakten Welt­deutung bedient eine Nachfrage von In­dividuen und Gruppen, die in den all­täglichen Irritationen eine eindeutige Identität ersehnen. Als Alternativange­bot bietet sich das Modell der „episte­mischen Resilienz“ an, die Fähigkeit ei­nes Menschen, mit widrigen Umständen und Situationen umzugehen und so die eigene Identität wiederzugewinnen. „Ge­sellschaftliche Resilienz“ wird durch eine Kultur der Innerlichkeit und durch Selbst­reflexion gewonnen. Eine „tiefe Politik“ kann die populistische Bewegung em­pathisch verstehen und fair mit ihr um­gehen.
Das Trio Wüllhorst, Herbst und Hol­bein eröffnet die dritte Einheit mit der Mahnung, jede Kritik rechtspopulisti­scher Positionen reflexiv auszuweiten, da frau/man immer in die Verhältnisse verstrickt sind, wenn sie über „die da“ re­den. Ein praktischer Weg ist die „Themen­zentrierte Interaktion“ (TZI); sie reflektiert subjektive Reaktionen auf gesellschaft­liche Spannungen und entwickelt kon­struktive Formen sie zu bewältigen. Par­allelen zwischen Adornos kritischer Theo­rie und Ruth Cohn, der Erfinderin der TZI, verdeutlichen die bedeutende Rolle der Mikroebene. Beide Personen verbin­det die Suche nach dem, was eine Ge­sellschaft und Menschen brauchen, um nicht in Leid und Terror zu versinken. Die TZI schließt von drei Axiomen auf zwei existentielle Postulate: die eigene Chair­person zu sein und Störungen ernst zu nehmen. In einem Vier-Faktoren-Modell wird versucht, Sache, Person, Interaktion und Rahmenbedingungen zu balancieren. So existiert ein dualer Wegweiser sozial­ethischer Reflexion, der im Umgang mit Rechtspopulisten das Subjekt und die Mi­kroebene anzeigt.
Andreas Fisch konzentriert sich auf das Türkeiabkommen der EU. Beach­tenswert ist der Hinweis, dass eine so­zialethische Inspiration politischer Ent­scheidungen, weil auf lückenhafte, sel­ten interessenfrei verfügbare Unterlagen angewiesen, begrenzt sei. Sie sollte früh­zeitig erfolgen und jenseits ideal-ultima­tiver Positionen im Nachhinein praxisnah, politisch sensibel und mit erreichbaren Kompromissen zufrieden sein. Das Tür­keiabkommen bezweckt, eine der fünf Hauptfluchtrouten nach Europa zu be­hindern. Als ein ethisch nicht-ideales Ab­kommen kann es in einer filigranen Ab­wägung zweit-oder drittbester Lösun­gen gerechtfertigt sein, weil es ethisch erstrebenswerte Güter realisiert: die Auf­nahme syrischer Flüchtlinge sowie finan­zielle und personelle Entlastungen Grie­chenlands und der Türkei. Dass frag­würdige Folgen und Nebenwirkungen in Griechenland und in der Türkei sowie im größeren EU-Raum nicht ausgeräumt sind, macht eine solche Bewertung wei­terhin riskant.
Andrea Keller und Robert Kläsener berichten von der Praxisreflexion ei­ner europäischen „Summer School“ im Dortmunder Sozialinstitut Kommen­de. Die Teilnehmenden haben mit Blick auf die Prinzipienethik der herkömmli­chen Soziallehre, unter Bezug auf Jürgen Habermas und die Charta der Europäi­schen Grundrechte versucht, sich einer europäischen Identität und Wertege­meinschaft zu vergewissern. Beeindru­ckend ist die Initiative der Kommende, die wachsende Entfremdung zwischen west-und mittelosteuropäischen Ländern der EU kontinuierlich zu durchbrechen und zukünftige Entscheidungsträger der ka­tholischen Kirche aus Mittelosteuropa für solche sozialethischen Reflexionen im Westen zu gewinnen.
Dem Sammelband mit dem kantigen Titel ist ein Fragezeichen angehängt. Es soll wohl den dauernden Krisenmodus der Europäischen Union dämpfen, der sich während der Brexit-Verhandlungen und der Risse innerhalb der EU aufgestaut hat. Die harten Fakten sind jedoch von gro­ßen Erzählungen übertüncht: 70 Jahre
Frieden, gemeinsame Werte, viele Spra­chen, Kulturen und Religionen. Zwei die­ser Erzählungen klingen im Titel als „ver­kauft“ und „verführt“ an. Im letzten Bei­trag taucht endlich die Frage auf, was mit „Europa“ gemeint sei – der Kontinent, das Abendland oder die EU.
Ein markantes Profil der Beiträge hat mich als einem in die Jahre gekomme­nen Vertreter der christlichen Sozialethik beeindruckt: Jüngere Nachwuchswissen­schaftler dieser Disziplin haben sich fast ausnahmslos auf renommierte Autoren bezogen, deren Position skizziert und mit dem eigenen sozialethischen Konzept konfrontiert und Handlungsperspekti­ven für spezifische Krisen-und Bedro­hungsphänomene in der EU formuliert. Diese Vorgehensweise zu erleben, war für mich sehr lehrreich und inspirierend.
Friedhelm Hengsbach, Ludwigshafen