Ethik der Menschenrechte

Konrad Hilpert: Ethik der Menschen­rechte. Zwischen Rhetorik und Verwirk­lichung, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2019, 348 S., ISBN 978-3-506-78214-4.

Das umfassend angelegte Thema wird in drei Teilen erörtert, wobei die Allgemei­ne Erklärung der Menschenrechte der UNO (1948) als zentraler Bezugspunkt fungiert. Der erste Teil („Grundlagen“) erklärt zunächst Menschenrechte gene­rell als „Antworten auf historische Un­rechtserfahrungen“ (19), bietet dann ei­nen Überblick über deren Inhalt, Arten, Generationen und Systematik, behandelt ihren Status zwischen Moral und Recht und skizziert die Genese sowie die aktuel­len Möglichkeiten ihrer Sicherung durch nationales Recht und Völkerrecht, Poli­tik und Bewusstseinsarbeit. In der Dar­stellung ihrer Entstehungsgeschichte beginnt Hilpert mit der neuzeitlichen Aufklärung und den Menschenrechts­erklärungen in Amerika und Frankreich, geht dann zurück auf relevante Aspekte der Kolonialethik des 16. und 17. Jahr­hunderts in Spanien sowie auf vorbild­hafte Motive in Mittelalter und Antike, etwa Menschenwürde und Gottebenbild­lichkeit. Besonders eindrucksvoll ist das Referat der Disputation von Valladolid von 1550/51 (70–78). Im letzten Kapitel geht es um das Verhältnis der katholi­schen Kirche zu den Menschenrechten, das im 19. und frühen 20. Jahrhundert zeitweise extrem gespannt war, was aus­führlich belegt wird, sich aber seit Johan­nes XXIII. und dem II. Vaticanum weit­gehend konvergent gestaltet.
Im Hauptteil („Inhalte“) unterscheidet Hilpert sieben Sachbereiche, in denen er die zentralen Menschenrechte, vor allem die in der Allgemeinen Erklärung genann­ten, verortet und ethisch sowie rechtlich präzisiert. In allen geht er auch auf die historische Genese bzw. auf die Kontexte der speziellen Unrechtserfahrungen ein, auf welche diese Rechtsansprüche ant­worten, und verweist auf aktuelle Kon­fliktfelder. Der erste Sachbereich ist die Religions-und Gewissensfreiheit, deren Voraussetzung die teilsystemische Tren­nung von Politik und Religion war. Der zweite betrifft das Recht auf selbstbe­stimmte Lebensführung, etwa Ehefrei­heit, Freizügigkeit und Eigentum. Im drit­ten geht es um den Schutz von Leben und körperlicher Unversehrtheit, dabei auch um Völkermord und Folter. Dem folgt viertens eine Diskussion der Todesstrafe und ihrer Menschenrechtsrelevanz. Der fünfte erörtert das Recht auf soziale Be­ziehungen im privaten und öffentlichen Bereich, wobei sich der Autor besonders auf Axel Honneths Verständnis von An­erkennung und Freiheit bezieht. Privat geht es dabei etwa um Freundschaft, Ehe und Familie, öffentlich um Marktwirt­schaft, Demokratie, Versammlungs-, Ver­einigungs-, Koalitionsfreiheit etc. Thema des sechsten Sachbereichs ist die per­sönliche Selbstachtung und das gesell­schaftliche Ansehen, wobei auch die Fair­ness im Gerichtsverfahren, das Verbot der Willkür, die Unschuldsvermutung sowie das Verbot von Diskriminierung erörtert werden. Der siebente schließlich hat die Freiheit von Not zum Thema und befasst sich mit den Rechten auf Asyl, soziale Absicherung, Arbeit, Erholung, Gesund­heit, Nahrung, Kleidung sowie mit dem Recht auf Bildung.
Der dritte Teil („Probleme“) behandelt fünf aktuelle Überlegungen zum Thema. Die erste setzt sich mit dem Vorwurf auseinander, der Geltungsanspruch der Menschenrechte sei wegen ihrer euro­päisch-westlichen Genese nur partikulär und nicht universell. Die zweite verweist auf die Bedeutung von Nichtregierungs­organisationen für die globale Akzep­tanz und Durchsetzung der Menschen­rechte. Die dritte diskutiert am Beispiel der NATO-Intervention in Jugoslawien 1999 die Berechtigung von Krieg zum Schutz der Menschenrechte. Die vierte sucht Leitlinien für die Weiterentwick­lung der Menschenrechte. Die abschlie­ßende fünfte beleuchtet das menschen­rechtliche Ideal zwischen unbedingtem Geltungsanspruch und Ohnmacht. – Im Anschluss an den Text finden sich in An­hängen zentrale Dokumente zum The­ma, darunter in Auszügen die Enzyklika Pacem in terris, sowie Verzeichnisse der wichtigsten internationalen, europäi­schen und kirchlichen Organe zum Schutz der Menschenrechte.
Das Buch bietet eine ausgezeichnete und umfassende Einführung in das The­ma. Der sparsame Einsatz von Anmer­kungen fördert die gute Lesbarkeit des Textes. Angesichts der immensen Fülle einschlägiger Literatur wird auf eine Li­teraturliste verzichtet. Die Lektüre ver­mittelt thematisch Interessierten, etwa Studenten, grundlegende und differen­zierte Informationen und Einblicke in ak­tuelle Fragestellungen.
Arno Anzenbacher, Mainz