Deutschland ist gerechter, als wir meinen

Georg Cremer: Deutschland ist gerechter als wir meinen. Eine Bestandsaufnahme, München: C. H. Beck 2018, 272 S., ISBN 978-3-406-72784-9

Schon lange nicht mehr war ein Koali­tionsvertrag so stark durch den Willen zu Leistungsverbesserungen des Sozial­staats geprägt wie der aktuelle. Die De­batten der letzten Jahre etwa über dro­hende Altersarmut oder des reformbe­dürftigen Pflegesystems haben darin ihren Niederschlag gefunden. Dennoch erfuhr der Vertrag teils harsche Kri­tik daran, dass vieles davon nicht weit genug gehe. „Deutschland ist gerech­ter als wir meinen“, hält Georg Cremer, bis 2017 Generalsekretär des Deutschen Caritasverbands, mit seinem gleichnami­gen Buch dagegen. Mehr noch beklagt er einen Niedergangsdiskurs, der die deut­schen Sozialsysteme schlechtrede. Dass er für eine Abkehr von dieser einseitig negativen Betrachtungsweise plädiert, macht er im ersten Kapitel bereits als seine Grundintention deutlich. Mit die­ser nach seiner Auffassung „empiriefreien Empörung“ (S. 230) setzt er sich in den darauffolgenden sechs Kapiteln ausein­ander. Es folgen danach acht Kapitel, in denen je einzelne Teilbereiche des Sozial­staats analysiert werden. Die fünf letz­ten Kapitel bieten sodann Antworten aus Cremers persönlicher Sicht auf die Frage nach dem „Wie weiter?“.
Es sind drei Kernannahmen der Un­tergangspropheten, die Cremer zu wi­derlegen sucht. Erstens entgegnet er der Behauptung eines „neoliberalen“ kontinuierlichen Sozialabbaus seit den Achtzigerjahren und damit nach der häu­fig als „Goldene Zeiten“ verklärten ex­tensiven Aufbauphase des Sozialstaates in der Nachkriegszeit mit differenzierten Hinweisen auf die faktischen Verbesse­rungen etwa auf den Feldern der Jugend­hilfe (Kap. 12), der Teilhabe von Men­schen mit Behinderung (Kap. 13) oder der Etablierung der Pflegeversicherung (Kap. 11). Daraus schließt er durchaus mit Recht: „der viel beschworene Sozialabbau fand nicht statt“ (S. 237).
Zweitens negiert Cremer die These ei­ner „Amerikanisierung des Arbeitsmark­tes“ seit der Agenda 2010, da etwa die sozialversicherungspflichtige Beschäfti­gung „der wesentliche Treiber der Trend­wende auf dem Arbeitsmarkt“ gewesen sei (S. 59) und atypische nicht per se mit prekärer Arbeit gleichgesetzt wer­den dürfe (S. 60–64), obschon Cremer auch die Existenz von Schattenseiten des jüngsten „Jobwunders“ konzediert, die­se teilweise aber rechtfertigt (S. 67 ff.). Auch insgesamt fällt in dem Buch rela­tiv häufig das Lob nicht nur auf die Po­litik der letzten Jahre, sondern insbeson­dere auf die besagte Agenda und ihrer arbeitsmarktpolitischen Wirkungen auf.
Drittens problematisiert Cremer die Behauptung, eine „Regierungspolitik der sozialen Kälte“ habe zum Erstarken des Rechtspopulismus und der AfD geführt (S. 16). Die Statistiken nämlich zeig­ten, dass ein großer Teil der AfD-Wähler nicht zu den sozial Abgehängten gehör­ten, sondern aus der – von Abstiegsängs­ten geplagten – Mittelschicht kämen. Au­ßerdem habe die Große Koalition bis zur Wahl 2017 „sozialpolitisches Bemerkens­wertes geleistet“, worunter Cremer et­wa die Einführung des Mindestlohns und die Ausweitung der Mütterrente subsu­miert (S. 17).
Zunächst ist es Georg Cremer hoch anzusehen, dass er sich für mehr Sach­lichkeit und Lösungsorientierung im So­zialstaatsdiskurs einsetzt. Es drängt sich tatsächlich der Eindruck auf, dass der „Negative Bias“ besonders der Medien dazu führt, dass das Vertrauen der Men­schen in den Sozialstaat sowie in die Po­litik leidet und zu wenig gewürdigt wird, wo der Sozialstaat bis heute weiter aus­gebaut und verbessert wurde. Daher ist es richtig: „Der Sozialstaat braucht Un­terstützer“ (S. 13), denn er leistet Heraus­ragendes, christlich gesprochen kann er insgesamt durchaus als Institutionalisie­rung des barmherzigen Samariters (Peter Schallenberg) bezeichnet werden. Auch Cremers Würdigung der schwierigen Ar­beit der Sozialpolitiker an Reformen in­nerhalb des finanziell Möglichen liest sich geradezu erfrischend angesichts der Beliebtheit pauschaler Politikerschelten. Dennoch ist in Deutschland noch lan­ge nicht alles gerecht, wie auch Cremer mehrfach betont. „Zähe Reformarbeit“ ist weiterhin etwa zur Vermeidung von Altersarmut, zur Arbeitsmarktintegration Langzeitarbeitsloser oder hinsichtlich des zu engen Zusammenhangs von sozialer Herkunft und Bildungserfolg nötig, wie er zu Recht feststellt (S. 13). Mitunter wird Cremer aber seinem Kernziel, die Debat­te versachlichen und ausgewogener füh­ren zu wollen, nicht gerecht. Bezüglich der Agenda 2010 beispielsweise lässt er die meisten ihrer negativen Folgen au­ßen vor und setzt sich nicht mit den For­schungen auseinander, die die Wirkun­gen der Agenda kritischer beurteilen. Au­ßerdem ist etwa seine Problematisierung des Konzepts der relativen Armut (Kap. 2) zwar erhellend, das gänzliche Ausblen­den der absoluten Armut, die es auch in Deutschland gibt, lässt jedoch auch hier eine leichte Schieflage erkennen, die auch bei anderen Themen teilweise aus­zumachen ist. Der Stil Cremers ist bei alle­dem meist nüchtern, mitunter aber auch humorvoll bis süffisant.
Aus sozialethischer Sicht ist besonders seinem Plädoyer für eine sorgfältige Ver­wendung des Gerechtigkeitsbegriffs zu­zustimmen, da in unterschiedlichen Kon­texten auch unterschiedliche Gerechtig­keitskonzepte einschlägig sind (S. 26). Durchgängig stark macht er den Ansatz der Befähigungsgerechtigkeit nach Mar­tha Nussbaum und Armatya Sen, wonach dem Menschen Fähigkeiten zur Realisie­rung von Handlungsoptionen in Freiheit und Würde zu vermitteln sind. Eine solche Befähigungsgerechtigkeit sieht Cremer richtigerweise als notwendige Ergänzung zu der auf Umverteilung abzielenden Ver­teilungsgerechtigkeit an. Wenngleich po­pulärwissenschaftlichen Stils bietet Cre­mers Buch letztlich abgesehen von den benannten Schwächen auch für die sozi­alethisch-fachliche Reflexion einen hilf­reichen Überblick über die zahlreichen großen und kleinen Erfolge des Sozial­staats, ohne dass (zu viele) bestehende Gerechtigkeitsprobleme dabei ignoriert werden.
Lars Schäfers, Mönchengladbach