Öko-soziale Transformation

Seit vielen Jahren be­reits wird in der christ­lichen Sozialethik wie auch in der katholischen Soziallehre zu den klas­sischen Grundprinzipien von Personalität, Solidari­tät, Subsidiarität und Ge­meinwohl noch ein fünf­tes Prinzip hinzugezählt: die Nachhaltigkeit. Ge­fordert wird damit in Pro­duktion und Konsum ein verantworte­ter Umgang mit den Ressourcen unserer Welt, christlich gesprochen: der Schöp­fung, die allen Menschen und allen Ge­nerationen gehört.
Daher gilt es, Wohlstand für mög­lichst alle Menschen auf dieser Welt so zu vermehren, dass zugleich eine rück­sichtslose Ausbeutung der natürlichen Ressourcen durch die Konsumgewohn­heiten der reichen Länder zuunguns­ten der Umwelt und der nachfolgen­den Generationen vermieden wird. Erst müssen die Primärbedürfnisse der Menschen, die auf das bloße Überle­ben bezogen sind, befriedigt werden, dann erst sind sie in der Lage, an mehr zu denken. Oder einfacher und rusti­kaler mit Bert Brecht: Erst kommt das Fressen, dann die Moral … Eine Trans­formation der Weltwirtschaft heißt in dieser Sicht zunächst, vornehmlich die besonders vergänglichen Güter zu schützen und den Erhalt der primären Ressourcen des weltweiten Überlebens sicherzustellen.
Aber eben das Verharren auf der Stufe der bloßen primären Bedürfnis­befriedigung entfremdet den Menschen von seiner eigentlichen Berufung. Sie führt zur Haltung des ökologisch wie sozial höchst fragwürdigen Konsumis­mus; dem Konsum kommt dabei die Funktion einer Ersatzreligion zu. Wo dementsprechend das rein konsumori­entierte Überleben an die Stelle des gu­ten und sinnvollen Lebens tritt, zerfällt ein ethischer Leitgedanke der christ­lich-europäischen Geistesgeschichte: In Verantwortung vor Gott wird an­erkannt, dass der Mensch mit seiner unantastbaren Würde vom Wesen her über das rein Materielle hinausragt, das gute und erfüllte Leben wichtiger ist als das reine Überleben und das Sein wichtiger ist als das Haben. In dieser zweiten Sicht entspricht die öko-sozia­le Transformation dann einem integra­len und wirklich humanen Verständ­nis des Menschen, der stets mehr ist als bloßer Kunde und Konsument im System eines scheinbar funktionieren­den Kapitalismus.
Mit dem Problem des Konsumismus eng verknüpft ist die Frage der Ökolo­gie. Es gibt eine erstaunliche Schnitt­menge der grundlegenden Überzeu­gungen von ökologischer Bewegung und katholischer Soziallehre: Die Natur und ihre Ressourcen sind nicht einfach als ein beliebiges Material zur Nutzung technisch auszubeuten und zu verwer­ten. Daher muss jede Technik befragt werden, ob sie wirklich dem umfas­senden Wohl des Menschen dient und nicht nur einer Mehrheit von Men­schen oder den hier und jetzt leben­den Menschen. Die Welt soll schonend bewirtschaftet werden. Die Rede von der Natur als Schöpfung Gottes unter­streicht diese Auffasssung, und nicht zuletzt eine franziskanisch inspirier­te Spiritualität bezeugt diesen Zusam­menhang von Mensch und Schöpfung.
Umwelt ist ein hohes Gut, das erst be­wusst fehlt, wenn es unwiederbring­lich verschwendet ist. Es gilt daher, die Umwelt als „unser gemeinsames Haus“ (Papst Franziskus, Enzyklika Laudato si’ 1) zu schützen; christlich geschieht dies gemäß der Maxime „Bewahrung der Schöpfung“. Wie diese übersetzt werden kann in eine öko-soziale Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft, ist The­ma der folgenden Beiträge. Vom nach­haltigen, suffizienzorientierten Kon­sum über die Weiterentwicklung der Energiewende und der Klimapolitik bis hin zu einer öko-sozialen Neuausrich­tung des Finanzsystems untersuchen die Autorinnen und Autoren ganz un­terschiedliche Felder hinsichtlich ihres jeweiligen Transformationspotenzials. Zudem dürfen wir ein Jubiläum fei­ern: Es handelt sich hier um die nun­mehr 50. Ausgabe von Amosinternational; das erste Heft ist im Herbst 2006 erschienen. Was damals ein durchaus waghalsiges Projekt zu sein schien, hat sich inzwischen als ausgewiesenes Fachorgan der christlichen Sozialethik im Feld der theologischen und sozial­ethischen Zeitschriften etabliert. Allen Initiatoren, allen Autorinnen und Au­toren, nicht zuletzt DDr. Richard Geisen sei daher an dieser Stelle ausdrücklich und von Herzen gedankt – ad multos annos, auf viele weitere fruchtbare und diskussionsbereite Jahre im Sinn des Namensgebers, des Propheten Amos und seiner Verheißung von Gerech­tigkeit und Frieden: „An jenem Tag richte ich die zerfallene Hütte Davids wieder auf und bessere ihre Risse aus, ich richte ihre Trümmer auf und stelle alles wieder her wie in den Tagen der Vorzeit!“ (Amos 9, 11).