Ohne Übertreibung kann von einer digitalen Revolution gesprochen werden, die unser alltägliches Leben und besonders unsere Arbeitswelt verändert. Schon heute produziert das größte Medienunternehmen der Welt (Facebook) keine eigenen Inhalte, der weltweit größte Anbieter von Unterkünften (Airbnb) besitzt keine eigenen Immobilien und ein weltweit großes Taxiunternehmen (Uber) hat keine eigenen Fahrzeuge. Diese Entwicklungen verdeutlichen, wie sehr sich die gewohnte Lebens- und Arbeitswelt schon gewandelt hat. Die kommerzielle Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien wird häufig mit Phänomenen wie dem „Internet der Dinge“, der „Industrie 4.0“, der „Sharing Economy“ oder auch dem „Crowdworking“ in Verbindung gebracht. Damit wird eine Entwicklung in den Blick genommen, die dazu führt, dass Onlineplattformen und virtuelle Marktplätze zunehmend in den Arbeitsalltag und in Wertschöpfungsketten vordringen.
Digitalisierung bedeutet vor allem: Vernetzung. Sie schafft Transparenz, macht Informationen zugänglich und baut Wissensmonopole ab. Der Gedanke des „Sharing“ ist hier begründet und legitimiert. Digitalisierung dient der Schaffung neuer Handlungsoptionen durch Weiterentwicklung bestehender Kommunikationsformen mit innovativen Instrumenten. Wertschöpfungsketten in der digitalen Welt werden sich vollständig verändern. Künftig wird es nicht mehr der Produzent von Gütern sein, der den höchsten Wertbeitrag generiert, sondern das Unternehmen, das mit seinen Produkten und dem Service Daten gewinnt, die wiederum verwertet werden können. Daraus entstehen grundsätzliche ethische Fragen: Wie gestalten wir Arbeitsbedingungen flexibel und zugleich verlässlich? Welche Berufsbilder werden unsere Gesellschaft in Zukunft prägen? Welche Kompetenzen sind in der digitalen Welt gefragt und wie werden sie effektiv aufgebaut? Was zeichnet Führungskräfte in einer vernetzten Welt aus?
Hinzu kommt ein weiteres: Die Trends der Digitalisierung und des demographischen Wandels interagieren miteinander und verstärken so den fortschreitenden Wandel von Produktionsfaktoren, Arbeitsplätzen und Erwerbsformen. Waren können in Zukunft schneller, sicherer, günstiger und qualitativ hochwertiger entwickelt werden; eine vollautomatisierte Produktion ist billiger und effektiver; zugleich dringt die digitalisierte Arbeitswelt auch in Bereiche personennaher Arbeit vor und verändert grundlegend den gesamten Bereich von Gesundheitsversorgung und Pflege. Das hohe Niveau der Gesundheitsversorgung wird langfristig nur durch Effizienzsteigerungen unter Einsatz digitaler Technologien erhalten werden können. Mit software-basiertem Wissensmanagement –also einer software Assisted Medicine“ – kann ein guter Beitrag zur Verringerung der Probleme in Diagnose und Therapie geleistet werden. Neue Herausforderungen entstehen nicht zuletzt im Bereich der prädiktiven digitalisierten Medizin: Der selbstbestimmte Patient, gut informiert und zunehmend Partner des Arztes, wird sich stärker am Versorgungsprozess beteiligen, verbunden mit höherem Engagement in der Prävention und verbesserter Therapietreue. Es wird eine „Gesundheitsindustrie 4.0“ entstehen. Um einen solchen umfassenden Prozess der Digitalisierung gerecht zu gestalten, müssen neue Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten eröffnet und zugleich eine Vernetzung von Ausbildung und Studium gefördert werden. Die Industrie 4.0 wird viele neue und lukrative Arbeitsplätze schaffen, zugleich aber werden Arbeitsplätze für geringer Qualifizierte mehr und mehr verschwinden.
Durch die Digitalisierung werden neue Arten von Geschäftsmodellen und Arbeitsverhältnisse entstehen, die bisher in den sozialen Sicherungssystemen nicht abgebildet sind, man denke nur an die Beschäftigten von Plattformen der „sharing economy“. Im Zuge der digitalen Veränderungen werden sich noch mehr Tätigkeiten in den Dienstleistungsbereich verlagern und flexible Lebensarbeitszeitmodelle gewinnen an Bedeutung. Für die Altersversorgung und das Rentensystem bedeutet dies: Eine gesetzliche Rente wird den Mindeststandard garantieren, die private und betriebliche Säule der Altersvorsorge muss gestärkt werden. Zugleich aber muss das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung gekoppelt und bessere Bedingungen für ein längeres Arbeiten geschaffen werden. Nicht zuletzt stellt eine global verstandene Digitalisierung vor die Frage nach Gerechtigkeit: Wie kann erreicht werden, dass die von Konzernen erzielten Gewinne stärker zum Wohle aller abgeschöpft werden? Die Vorteile der Digitalisierung sollen allen zugutekommen: „Sharing economy“ führt zu „sharing benefit“! Wir stehen erst am Beginn des zweiten Maschinenzeitalters und seiner ethischen Herausforderungen!