Afrika – ein Kontinent im Aufbruch

Das kann man nicht gerade von unserem europäischen Kontinent behaupten: dass hierzulande Aufbruchsstimmung herrscht. Eher im Gegenteil. Angesichts nationalistischer Absetzbewegungen und hart zu verhandelnder Austrittserklärungen ist die Europäische Gemeinschaft derzeit vor allem mit sich selbst beschäftigt und um den Zusammenhalt im eigenen Haus bemüht, auch wenn seit der französischen Präsidentschaftswahl wieder ein Hauch von Schillers „Ode an die Freude“ über unseren Köpfen weht.
Doch jenseits der Festungsmauern unseres Kontinents gibt es unübersehbar eine Wanderungsbewegung nach Europa, für junge Afrikaner immer noch der Hoffnungskontinent, auch wenn die Grenzen weithin abgeschottet sind. Doch Afrika, ein junger Kontinent, dessen Bevölkerung sich voraussichtlich bis 2050 verdoppeln, bis 2100 vervierfachen wird, ist auch in anderer Hinsicht ein Kontinent im Aufbruch: politisch, kulturell, ökonomisch. „Am Schicksal der Jugend“, so Bundespräsident a. D. Horst Köhler, „wird sich die Zukunft Afrikas entscheiden, und wir sollten alles dafür tun, dass diese Zukunft gut verlaufen wird. Afrika wird entscheidend sein für eine gute Zukunft der Menschheit im 21. Jahrhundert. Insbesondere für Europa birgt die Zukunft Afrikas die größten Risiken, wenn es schief geht – aber auch die größten Chancen, wenn es gut läuft.“1 Umso wichtiger wäre es, die Chance einer sich bietenden strategischen Partnerschaft und konstruktiven Entwicklungszusammenarbeit jenseits vordergründiger Fluchtursachenbekämpfung und entwicklungspolitischer Migrationssteuerung zu nutzen und die gewaltigen Entwicklungspotenziale, die sich insbesondere aus einer Verbesserung der Agrar- und Energiesektoren ergeben2, entsprechend zu fördern. Davon ist in diesem Themenheft die Rede, auch wenn selbstverständlich an dieser Stelle nur exemplarisch und andeutungsweise auf einige sozialethische Aspekte europäisch-afrikanischer Entwicklungspartnerschaft hingewiesen werden kann.
Jenseits wirtschaftlicher und politischer Interessen hat Europa nicht zuletzt auch eine moralische Verantwortung, nachdem Afrika uns über Jahrhunderte als Kolonie, Rohstofflager und Absatzmarkt für unsere heimische Wirtschaft gedient hat. Doch in einer globalisierten Welt kommunizierender Röhren versagen alle Strategien, die auf wohlstandsbewahrende Abkopplung oder paternalistische Bevormundung setzen, und in der einen Welt wird es auch nur eine gemeinsame Zukunft geben: und nur mit Afrika. Denn „Gründe für legitime Erwartungen an eine gute Zukunft des Kontinents inmitten großer Schwierigkeiten sind der neue globale Kontext, die Erfahrungen mit der New Partnership for Africa’s Development, aktuelle Aktivitäten im Rahmen der Africa Global Partnership Platform, der große Zusammenhalt und die größere Stärke des Kontinents, starke und funktionierende regionale Institutionen und neue Entwicklungs- und Investmentchancen“, so der Club of Rome und der Senat der Wirtschaft in einer gemeinsamen Denkschrift.3 In diesem Kontext stehen auch der vom BMZ initiierte Marshall-Plan für Afrika4 zur Unterstützung reformwilliger Regierungen, die für 2017 angekündigte Afrika-Strategie der EU (mit einem 48 Milliarden Euro-Programm) sowie die vom deutschen Finanzminister lancierte sog. G20-Initiative „Compact mit Afrika“ (for resilience and growth)5 mit dem Ziel, in afrikanischen Staaten die Rahmenbedingungen für nachhaltige Privatinvestitionen sowie Investitionen in Infrastruktur und wirtschaftliche Teilhabe sowie Beschäftigung zu stärken. Es ist die Stunde Afrikas, so hat es den Anschein. Endlich!, möchte man hinzufügen, und es ist wahr: „Entwicklung braucht Aufbruch.“ (Horst Köhler) Es ist höchste Zeit, bestehende Strukturen und Denkmuster aufzubrechen und den Aufbruch in eine gemeinsame Zukunft unseres Planeten zu wagen. Europa und Afrika könnten hierbei Promotoren einer neuen Aufbruchsdynamik sein.

1 „Welt im Umbruch, Afrika im Aufbruch – passt unsere Entwicklungspolitik noch ins 21. Jahrhundert?“, Rede vom 15. Februar 2017.

2Vgl. Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: „Jobs für Afrika“. Discussion Paper Nr. 17, 2016.

3 „Migration, Nachhaltigkeit und ein Marshall Plan mit Afrika. Denkschrift für die Bundesregierung“, 2017.

4 „Afrika und Europa – Neue Partnerschaft für Entwicklung, Frieden und Zukunft. Eckpunkte für einen Marshallplan mit Afrika“, BMZ 2017

5 Vgl. die Abschlusserklärung der G20-Finanzminister und Notenbankchefs (Baden-Baden, 17.–18. März 2017)