Heft 1/2017

Inhalt

Der Kosten- und Rationierungsdruck auf das Gesundheitssystem und die Krankenversicherungen hält an. Fachleute verschiedener Disziplinen kommentieren zentrale Fragen zur gerechten Verteilung von Gesundheitsressourcen aus ihrer Perspektive.

Über diese Ausgabe

  • Gratis S. 3

    Lebensrettung als Verschwendung knapper Mittel?Rule of Rescue versus Rettung statistischer Leben

    Das Stichwort Rule of Rescue bezeichnet die Praxis, dass zur Rettung akut bedrohter Menschenleben hohe Kosten nicht gescheut werden – auch ungeachtet dessen, dass bei alternativem Einsatz der Mittel sehr viel mehr Leben gerettet werden könnten. Priorisierungstheoretiker haben diese Praxis vielfach kritisch kommentiert. Bei der Einführung des Stichworts in die gesundheitspolitische Diskussion stand der Vorwurf der Irrationalität im Vordergrund: Es fehle die Berücksichtigung der Opportunitätskosten, also des entgangenen Nutzens aus dem effizientesten alternativen Mitteleinsatz. Jüngere Beiträge tragen der inzwischen verbreiteten Gegnerschaft gegen rein effizienzorientierte Priorisierungsansätze Rechnung und stellen ein Gerechtigkeitsargument in den Vordergrund: Die Regel diskriminiere „statistische Leben“. Der vorliegende Aufsatz bietet eine kritische Analyse beider Vorwürfe. Es werden folgende Thesen vertreten: 1. Der Diskriminierungsvorwurf ist unbegründet; 2. die Praxis ist, auf den gesundheitlichen Nutzen bezogen, ineffizient, aber sie ist nicht irrational; 3. die Vorwürfe beruhen auf Mängeln in der handlungstheoretischen Begrifflichkeit der am Diskurs beteiligten Autoren.

  • Plus S. 10

    Vorrang hat die Hilfe für Menschen in NotKommentar zum Beitrag von Weyma Lübbe

    Weyma Lübbe betont zu Recht, dass identifizierbare Kranke, die einen Arzt um Hilfe bitten, nicht vergleichbar sind mit statistischen Menschenleben. Ebenso nachvollziehbar ist ihre Betonung der Zurechenbarkeit von Handlungen und Unterlassungen. Der Grundsatz schließlich, der Medizin gehe es primär um die Hilfe für medizinisch Bedürftige und nicht um die Produktion von möglichst viel Gesundheit, ist auch aus Sicht der christlichen Sozialethik einleuchtend. Insofern ihr Beitrag von den allokationsethischen Theorie- und Begründungsdiskursen geprägt ist, geraten aktuelle gesellschaftspolitische Herausforderungen weniger in den Blick, wie an Beispielen aufgezeigt wird. Das Kriterium der Kosteneffektivität medizinischer Maßnahmen dürfte in den Verteilungsdebatten de facto weniger weiterhelfen, als es heute von Vielen erwartet wird.

  • Plus S. 16

    Schadensvermeidung hat VorrangEine bedürfnisorientierte Auslegung der Rule of Rescue

    Die Rule of Rescue wird in diesem Beitrag als kontextuelle Anwendung des allgemeinen Schadensvermeidungsprinzips verstanden. Hierzu werden zentrale Begriffe (Schaden, Bedürfnis, medizinische Bedürftigkeit, Wirksamkeit bzw. Nutzen und Dringlichkeit) und ihr gegenseitiges Verhältnis geklärt. Es wird deutlich gemacht, dass auch ein riskierter Schaden, der sich präventiv hätte vermeiden lassen, zu verantworten ist. Somit ist die Prävention schweren Schadens der umgehenden Vermeidung leichteren Schadens grundsätzlich vorzuziehen. Die Kosteneffektivität einer Maßnahme spielt in der Allokation (Zuteilung) eine zentrale aber keine unmittelbare Rolle.

  • Plus S. 22

    Woran bemisst sich Effizienz im Gesundheitswesen?Zur Klärung fachwissenschaftlicher Begriffe und Kriterien

    Der Begriff der Effizienz hat einen positiven Beiklang. Für Nichtökonomen bleibt jedoch manchmal verborgen, dass sich der Sprachgebrauch der Ökonomen deutlich vom Alltagsverständnis unterscheidet. Das kann erhebliche Konsequenzen haben, wenn Ökonomen maßgebende Aussagen über Effizienz und Ineffizienz im Gesundheitswesen machen. Ein instruktives Beispiel hierfür bietet die Debatte über effizientes Verhalten und die sogenannte „Rule of Rescue.“ Um einige der zugrundeliegenden Zusammenhänge zu verstehen, ist es erforderlich, die verschiedenen Erwartungen an das Gesundheitswesen zu kennen. Sie ergeben sich aus den unterschiedlichen Zielvorstellungen oder Effektivitätskriterien, von denen Ökonomen, Ärzte, Patienten und gesunde Versicherte ausgehen. Denn „Effizienz“ kann per definitionem immer nur ein instrumentelles Ziel sein, über das erst dann sinnvoll diskutiert werden kann, wenn zuvor Einvernehmen über die zu verfolgenden Ziele hergestellt worden ist.