Religiöse Identität und theologische Ethik

Marco Bonacker: Zwischen Genese und Geltung. Religiöse Identität bei John Rawls als Paradigma einer theologischen Ethik, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2016, 309 S., ISBN 978–3–506–78287–8.

Die Frage nach der Berechtigung moralischer Geltungsansprüche mit religiöser, gar dezidiert christlicher Begründung in einer modernen deliberativen und pluralistischen Demokratie wird oft gestellt und nicht selten negativ beschieden. Christliche Werte haben es in politischen und gesellschaftlichen Diskursen der Gegenwart zunehmend schwer. In besonderer Schärfe zeigt sich dies auf dem Feld der Bioethik. Die jüngsten Debatten um die Sterbehilfe oder aktuell zur Frage nach der ethischen Vertretbarkeit von Manipulationen des menschlichen Erbguts führen dies konkret vor Augen.
Marco Bonacker geht in seiner Dissertation diese zentrale Frage christlicher Ethik an: „Kann es […] eine einheitliche Geltung von ethischen Normen geben, obwohl die Genese, die Entstehung und Letztbegründung, derselben Werte durchaus unterschiedlich ist?“ (S. 12). Dass es hier nicht nur um ein Nischenthema akademischer Moraltheologie und Sozialethik, sondern um Grundfragen der gesellschaftlichen Ordnung und des kirchlichen Wirkens in der Gesellschaft geht, ist ersichtlich. Sie zeigt sich auch an Bonackers Wahl des Untersuchungsgegenstandes: Die einflussreiche und für die politische Philosophie des 20. Jahrhunderts geradezu paradigmatische Theorie der Gerechtigkeit des amerikanischen Philosophen John Rawls (1921–2002). Rawls beanspruchte mit seiner Ausformung eines egalitären Liberalismus universale Geltung, unabhängig von Religion und Weltanschauung; vordergründig passgenau für eine pluralistische Demokratie, in der sich unterschiedliche Überzeugungen im Wettstreit und Diskurs miteinander befinden. Bonackers Kernanliegen ist es herauszustellen, inwieweit zumindest die Genese der Rawls’schen Gerechtigkeitskonzeption auch religiös geprägt war, und, dass eine religiöse Genese – wie an diesem Beispiel deutlich wird – nicht unbedingt einer universalen und damit säkularen Geltung widersprechen muss, sondern ihr sogar als unverzichtbares Begründungsfundament dienen kann.
Ein Recht zu begründen, das auch gültig ist, wenn es keinen Gott gäbe, war die Intention von Hugo Grotius (1583–1645). Im ersten Hauptkapitel wird er ausführlich als die historische Referenz herangezogen; seine Naturrechtskonzeption wird als „Scheitelpunkt einer säkularen Emanzipation“ (S. 39) von theologischen Prämissen in Recht und Ethik profiliert.
So wird der Boden für die im zweiten Hauptkapitel vorgenommene Analyse der Gerechtigkeitstheorie Rawls’ bereitet, welche dieser in kritischer Auseinandersetzung mit dem Utilitarismus und eben auch mit auffälligem Fokus auf die Rolle der Religion in einer pluralistischen Gesellschaft entwickelt hat. Als Stärke des Rawls’schen Systems, deren Mittelpunkt ein fi ktiver Urzustand ist, in dem unter dem Schleier des Nichtwissens faire und damit gerechte Ausgangsbedingungen für alle Mitglieder einer Gesellschaft geschaffen werden sollen, wird zunächst dessen spezifi sche „Verbindung von säkularer Genese und säkularer Geltung“ (S. 166) angesehen. Grund zur Kritik sieht Bonacker hingegen in Rawls’ „rechtfertigungsorientierte[m] Kontraktualismus“ (S. 159) – einer Vertragstheorie, in der das Individuum zum „erzwungenen Vollstrecker“ (S. 169) der zuvor schon von Rawls’ festgelegten Gerechtigkeitsprinzipien wird. Rawls scheitere daher – so Bonacker – mit seinem Versuch, einen archimedischen Punkt zur Begründung von Gerechtigkeit zu fi nden; dadurch werde der bleibende Bedarf säkularer Ethik an Voraussetzungen, die sie selbst nicht schaffen kann, offengelegt.
Im letzten Hauptkapitel werden sodann Inhalt und Rezeption der Schriften des frühen Rawls, besonders seiner senior thesis, sowie die biographischen Einflüsse auf sein Denken nachgezeichnet. Der spätere Agnostiker – Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg raubten ihm seinen Glauben – erscheint hier noch als tiefgläubiger Christ, der den Begriff der Sünde sozial denkt und schon hier vom Ideal der gesellschaftlichen Gleichheit, mithin der Idee einer heiligen Gemeinschaft, geleitet wird. Der Respekt vor Religion und Glaube ist bei Rawls zeitlebens geblieben, doch statt nach einer heiligen Gemeinschaft fragt er fortan rein säkular nach der gerechten Gesellschaft.
Abschließend ordnet Bonacker den Ertrag seiner Analysen sowohl moraltheologisch als auch sozialethisch ein, fragt nach den Chancen und Risiken der Übersetzung religiös generierter Ethik in allgemein vermittelbare und allein durch Vernunftargumente begründete Gerechtigkeitsvorstellungen. Mit Klaus Demmer betont er hierbei den denkerischen Überschuss einer Glaubensethik, welche letztlich auch das genuine Fachprofi l von Moraltheologie und Christlicher Sozialethik ausmache (S. 278). Auch wenn er Hans Joas beipflichtend die pauschale Rede vom Werteverfall in säkularisierten Gesellschaften kritisiert, betont er dennoch die bleibende Verpflichtung von Theologie und Kirche, einer Verabsolutierung des rein Diesseitigen, wie sie auch Rawls’ egalitärem Liberalismus inhärent ist (S. 281), zu widersprechen. Dies gelingt ihm, ohne damit einer neuen Vermischung von weltlicher und geistlicher Sphäre das Wort reden zu wollen.
Marco Bonacker forciert in seiner Auseinandersetzung mit John Rawls die Suche nach einer angemessenen, christlich begründeten Haltung gegenüber der religiösen Emanzipation des öffentlichen Lebens seit der Neuzeit, wie sie brennpunktartig erstmals bei Hugo Grotius sichtbar wurde und in die fortschreitende Säkularisierung der (Post-)Moderne mündete. Es geht ihm um den Aufweis der goldenen Mitte zwischen zwei möglichen kirchlichen Fehlhaltungen: einerseits ein Rückzug der Kirche aus dem Diskurs moderner pluralistischer Demokratien durch Verweigerung der Übersetzung ihrer religiös begründeten Überzeugungen, andererseits „die Gefahr eines ‚lost in translation‘“ (S. 280), sodass nicht mehr erkennbar ist, dass eine in säkularer Sprache in den Diskurs eingebrachte ethische Position vom christlichen Glauben hervorgebracht und genährt wurde.
Bemerkenswert ist Bonackers Wahl von Hugo Grotius und John Rawls als hauptsächliche Referenzautoren auch in einer weiteren Hinsicht: Beider Denken wurde stark vom christlichen Glauben geprägt, bei beiden wird dies in der bisherigen Rezeption ihrer Werke jedoch noch zu wenig beachtet oder gar ausgeblendet. „Etiamsi daremus … non esse Deum“ kann für Grotius nicht „ohne die Gefahr der Sünde“ (S. 79) gedacht werden, und Rawls’ Theorie der Gerechtigkeit ist mitnichten eine bloße „Antithese zur Religion“ (S. 142). Durch die sorgfältige Kontextualisierung des Werkes von John Rawls in dessen biographischen Zusammenhängen und religiöser Entwicklung leistet Bonacker einen Beitrag dazu, dass eine wichtige und in der bisherigen Forschung noch zu wenig ausgeleuchtete Dimension für das Verständnis seines Gerechtigkeitskonzepts stärker in den Fokus gerückt wird.
Dass Rawls’ Gerechtigkeitstheorie insgesamt einen beachtlichen Entwurf darstellt, würdigt Bonacker ebenso, wie er dessen Scheitern einer konsensorientierten Suche nach einem Gerechtigkeitssystem mit universaler Geltung argumentativ herausstellt. Kein aktuell geltendes Ethos ist für immer selbstverständlich. Die „Abnutzung höchster moralischer Standards“ (S. 283) wird gerade auf dem eingangs genannten Feld der Bioethik deutlich: Auch Rawls hält beispielsweise, von seinem Ansatz des Liberalismus ausgehend, einen Schwangerschaftsabbruch im ersten Drittel der Schwangerschaft für legitim. Gerade hier wird die bleibende Notwendigkeit einer christlichen Mitwirkung (S. 22 ff.) am demokratischen Diskurs durch den Beitrag ihres religiös generierten Hochethos deutlich. Auf der Grundlage dessen, was mit dem heute so umstrittenen Konzept des Naturrechts gemeint ist, beansprucht es letztlich, die auch von Rawls gesuchte Quelle universaler Geltung zu sein. Die Notwendigkeit der Übersetzung christlicher Sozialethik als Möglichkeit und Bürde (S. 279), vor allem aber als theoretisch-methodisches Fundament einer christlich motivierten Mitgestaltung der Gesellschaft, welche die Gerechtigkeit als Grundlage der Liebe anzielt (S. 280 ff.), wird von Bonacker an mancher Stelle etwas zu redundant, insgesamt aber profund herausgearbeitet. Dies ist eine wesentliche Stärke dieses Buches, die seinen Ertrag auch für politisch engagierte und am demokratischen Diskurs mitwirkende Nichttheologen interessant macht.

Lars Schäfers, Königswinter