Wenn in der politischen Öffentlichkeit über die Integration von Ausländern debattiert wird, wird häufig übersehen, wie hoch die Fluktuation unter der ausländischen Wohnbevölkerung ist. Zwischen 1991 bis 2015 sind rd. 14 Mill. Ausländer aus Deutschland ausgereist. Viele Einwanderer wollen selbst zunächst nur befristet nach Deutschland einreisen, um bei besseren ökonomischen und politischen Verhältnissen in ihre Heimat zurückzukehren. 80–90 % der Italiener, Spanier, Griechen und Portugiesen, die in den letzten 60 Jahren zeitweise in Deutschland gearbeitet haben, leben wieder in ihrer Heimat. Abhängig war dies vom Ende der Diktaturen (Griechenland, Spanien und Portugal) und der Verbesserung der ökonomischen Situation im Kontext des EU-Beitritts. Bei den beiden größten Migrantengruppen, aus der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien, fand eine solche starke Rückwanderung nicht statt, weil die Zugewanderten – im Fall der Türkei – teilweise Minderheiten (Kurden, Alewiten) angehören, die bis in die Gegenwart unterdrückt werden, oder die politische und ökonomische Situation in der Heimat (Kosovo, Bosnien-Herzegowina) nach wie vor instabil ist. Stärker sahen hingegen die deutschstämmigen Aussiedler aus dem ehemaligen Ostblock ihre Zukunft von Anfang an in Deutschland. Ein wichtiger Aspekt der Integration ist also die Frage, welche Zeitdauer Migranten selbst ihrem Aufenthalt in einem fremden Land beimessen, und wo sie langfristig ihre Zukunft sehen. Dies bestimmt ihre Bereitschaft und ihr Engagement, sich auf die neue Gesellschaft (z. B. beim Spracherwerb, Kontakt mit Einheimischen) einzulassen und in die Zugehörigkeit zur fremden Gesellschaft zu investieren. Viele der Gastarbeitergenerationen haben ein Arbeitsleben lang davon geträumt, spätestens als Rentner in die Heimat zurückzukehren, und dafür auch in der Heimat Wohneigentum gebildet. Nicht realisiert wurden diese Erwartungen auch deshalb, weil sich ihre Kinder und Enkel in Deutschland etabliert hatten und die medizinische Versorgung, die mit zunehmendem Alter immer wichtiger wird, in Deutschland besser ist. So ist ein zunächst ungewollter und ungeplanter Daueraufenthalt entstanden. In der Gegenwart stellt sich diese Integrationsproblematik angesichts der jüngsten Flüchtlingsbewegung erneut. Viele Flüchtlinge wollen schnell als ungelernte Arbeitskräfte arbeiten, sind aber nur schwer zu einer mehrjährigen Berufsausbildung zu bewegen, die ihnen erst eine erfolgreiche und dauerhafte Integration in die deutsche Arbeitswelt und die Gesellschaft, verbunden mit hinreichenden Einkommenserwartungen, ermöglicht.
Mit Migration und den weiteren Ursachen der zunehmenden gesellschaftlichen Pluralisierung ist eine Vielzahl von Probleme verbunden, die in den Beiträgen dieses Heftes thematisiert werden. Christof Mandry geht der grundsätzlichen Frage nach, was eine Gesellschaft zusammenhält und wie Integration gelingen kann, wenn die Gegensätze größer werden, sei es in sozialer, politischer, kultureller oder religiöser Hinsicht. Mit der Zuwanderung muslimischer Migranten wird die Frage nach dem Verhältnis von Islam und Pluralismus aufgeworfen. Hansjörg Schmid zeigt auf, wie muslimische Gelehrte versuchen, ihren Wahrheitsanspruch mit den Erfordernissen des modernen Pluralismus in Einklang zu bringen. Die deutsche Debatte findet ihre Parallelen in anderen europäischen Ländern. Christoph Baumgartner erläutert die Situation in den Niederlanden, wo sich eine vorgeblich tolerante und multikulturelle Gesellschaft zunehmend intolerant gegenüber muslimischen Zuwandern zeigt. In den Niederlanden bildet sich eine liberale und säkulare Leitkultur heraus, über deren Legitimität und Inhalt in Deutschland noch debattiert wird. In diese Debatte führt Andreas Fisch ein.
Nach der deutschen öffentlichen Diskussion zu urteilen, scheint in der europäischen Flüchtlingsdebatte ein zentraler Gegensatz zwischen Deutschland und Ungarn zu bestehen. Die gesellschaftlichen Hintergründe der ungarischen Politik werden von dem protestantischen Sozialethiker Sándor Fazakas erläutert. Im Interview plädiert die Islamwissenschaftlerin und muslimischen Religionslehrerin Lamyar Kaddor einerseits für mehr Mut zur gesellschaftlichen Heterogenität und fordert andererseits ein klar formuliertes Zukunfts-Leitbild für eine deutsche Einwanderungsgesellschaft. Das Gespräch mit ihr rundet das hochaktuelle Schwerpunktthema der Novemberausgabe ab.