Eine Christliche Theorie der Gerechtigkeit

Elke Mack: Eine Christliche Theorie der Gerechtigkeit, Baden-Baden: Nomos 2015; 232 S. brosch.; ISBN 978–8487–1975–4.

Die beiden Anliegen, die Elke Mack verfolgt, klingen im Titel ihres Buches deutlich an: Sie möchte eine möglichst umfassende Theorie der Gerechtigkeit vorlegen, die an die großen Gerechtigkeitstheorien der Moderne und der Gegenwart anknüpft – natürlich erinnert der Titel an John Rawls’ „Eine der Theorie der Gerechtigkeit“ –, und sie möchte ein „christliches Proprium“ verteidigen, das einen „theoretischen Mehrwert“ christlicher Gerechtigkeit begründet – weshalb der Titel um ein (groß geschriebenes) „Christliche“ ergänzt ist. Freilich „verbleiben Differenzen in der Methode christlicher Ethik und säkularer politischer Philosophie“, beispielsweise im Hinblick auf die Fragen, „ob normative Gerechtigkeitstheorie freistehend sein kann oder nicht, oder inwieweit religiöse Gewissheiten wie die Existenz Gottes eine Rolle spielen dürfen“ (S. 10). Der Mehrwert einer Christlichen Theorie der Gerechtigkeit liege darin, dass die christliche Ethik die Gerechtigkeitstheorie „epistemisch erhärtet, lebensweltlich einbettet, sie weltanschaulich rekonstruiert und theologisch an einen unbedingten, unverfügbaren Kern zurückbindet“ (S. 7).
Durchgeführt wird diese Christliche Theorie der Gerechtigkeit in vier Kapiteln. Im ersten Kapitel wird ein „[e]rhöhter Gerechtigkeitsbedarf pluraler Gesellschaften weltweit“ reklamiert (S. 13–39). Begründet wird dieser erhöhte Gerechtigkeitsbedarf vor allem mit globaler Ungerechtigkeit, womit vor allem stark ungleiche Lebensbedingungen gemeint sind. Genau dieser Aspekt wird dann in zwei Richtungen ausführlich entfaltet: zum einen in Richtung der Frage, ob Gerechtigkeit relativ oder universal sei, zum anderen in Richtung einer Verteidigung der „Gleichheit als Bedingung der Gerechtigkeit“ (S. 26). Beide Fragen werden im Wesentlichen mit dem Hinweis auf ein universales Gerechtigkeitsempfinden beantwortet; gerade in der Ablehnung extremer Ungleichheit liegt demnach ein universaler Gehalt des Gerechtigkeitsbegriffs. Nicht deutlich wird an dieser Stelle die Bedeutung des christlichen Gerechtigkeitsverständnisses, das ja keineswegs als durchgängig egalitaristisch bezeichnet werden kann. Auch scheint Macks Vorstellung von Gleichheit relativ starke Ungleichheiten zuzulassen und eher auf Leistungsgerechtigkeit und Chancengleichheit zu zielen als auf Verteilungsgerechtigkeit. Jedenfalls werden gegen einen „auf den ersten Blick […] dem intuitiven Gleichheitsanspruch entsprechende[n], expansive[n] Wohlfahrtsstaat“ Bedenken hinsichtlich der „langfristigen kontraproduktiven Wirkungen auf ökonomisches Wachstum“ gegenübergestellt, die „von den einzelnen Nutznießern zumeist nicht mitbedacht werden“ (S. 34 f.). Überhaupt lasse sich in „den letzten Jahrzehnten […] in westlichen, kontinentaleuropäischen Ländern eine Schwerpunktverlagerung in der Wertschätzung, weg vom Kriterium der Leistungsgerechtigkeit hin zu einer egalitären Verteilungsgerechtigkeit, also dem approximativen Anspruch einer Gleichverteilung, beobachten“ (S. 35). Angesichts der tatsächlichen Entwicklung der Vermögens- und Einkommensverteilung einerseits und der Entwicklung etwa des deutschen Sozialstaats (Agenda 2010, ALG II, prekäre Beschäftigungsverhältnisse etc.) andererseits ist der Rezensent von dieser Diagnose überrascht. Man mag ja all diese Entwicklungen begrüßen; Ausdruck eines überbordenden sozialpolitischen Egalitarismus sind sie aber gewiss nicht. Wichtig ist dagegen der an dieser und an vielen anderen Stellen des Buches mit Nachdruck vorgetragene Hinweis auf die globale Ungleichverteilungen von Gütern und Chancen. Dieser Gesichtspunkt wird später im dritten Kapitel ausführlich erörtert.
Im zweiten Kapitel entfaltet die Verfasserin die „Moraltheorie einer christlichen Gerechtigkeitsethik“ (S. 41), indem sie sich einerseits kritisch mit der christlichen Tradition auseinandersetzt und andererseits hervorhebt, dass „das Christentum, mehr als manch andere Weltreligionen, die Vernünftigkeit seiner Normierungen seit der Scholastik beständig reflektiert“ habe (S. 44). Angemahnt wird (dennoch) ein „Reformbedarf des Naturrechts“ (S. 44), der freilich in einem „Vorschlag für ein reformiertes Naturrecht“ (S. 46) mündet. Für unbedarfte Leser wie den Rezensenten wären an dieser Stelle klarere Konturen und schärfere Abgrenzungen der verschiedenen erwähnten Naturrechtstraditionen hilfreich gewesen. Dass der zustimmend erwähnte Capabilities approach von Martha Nussbaum irgendetwas mit dem Naturrecht, mit dem Benedikt XVI. in seiner Zeit als Präfekt der Glaubenskongregation (also jedenfalls deutlich „in den Jahren nach dem Konzil“; S. 46) etwa gegen die rechtliche Anerkennung homosexueller Partnerschaften zu Felde gezogen ist, zu tun hat, erscheint nämlich mehr als fraglich. An welche dieser Traditionen schließt Mack nun genau an, wenn sie als „eigentliche Zielsetzung“ eine christliche Ethik formulieren möchte, „die für alle Menschen guten Willens konsensfähig ist, ohne einer Diktatur des Relativismus zu verfallen und ihr die globalen rechtsethischen Übereinstimmungen in legitimer Pluralität gegenüberzustellen“ (S. 91)? Das „Wagnis“ einer Christlichen Gerechtigkeitstheorie sei „ein fundamentalethisches Projekt, das belegt, dass christliche Theologie modernitätsfähig ist und die Zeichen der Zeit aufgreift, ohne ihr Proprium aufzugeben, das in liebevoller Annahme und gerechter Interaktion unter allen Mitgliedern der Menschheit besteht“ (S. 91). Aber: Ist das wirklich das christliche Proprium? Ähnliche Fragen stellen sich, wenn am Ende des (kurzen, zusammenfassenden) vierten Kapitels noch einmal ein Plädoyer für eine „Christliche Theorie der Gerechtigkeit als substantiellen Beitrag zu einer kosmopolitischen, pluralismusfähigen, aber normativen Universalmoral“ formuliert wird (S. 176). „In Analogie zum ‚consensus fi delium‘ werden Liebe und Gerechtigkeit auf diese Weise zu konstitutiven Elementen einer interpersonal gewendeten personal-naturrechtlichen und gerechtigkeitstheoretischen christlichen Ethik, welche die theologische Bestimmung der Menschenfamilie zu Liebe und Gerechtigkeit zum Programm hat.“ (S. 176)
Es ist unbedingt zu begrüßen, dass Akteure der christlichen Sozialethik das Wagnis und die Mühe auf sich nehmen, eine umfassende Gerechtigkeitskonzeption zu entwickeln. Dass eine solche Konzeption streitbar ist und insofern auch Angriffsfl ächen für Rückfragen bietet, liegt in der Natur der Sache.
Christian Spieß, Linz